Leben

Reise durch das Loire-Tal: Wo Kunst Spaß macht

Vorsichtig, ganz vorsichtig setzt der Elefant einen Fuß vor den anderen. Im Passgang, wie sich das gehört. Die Kinder machen große Augen. Dann ein Lidschlag mit seinen langen Wimpern. Er klappt die Ohren nach vorne, hebt seinen Rüssel und sprüht eine Wasserfontäne auf die Zuschauer, die kreischend auseinanderstieben. Langsam stapft der Koloss weiter und trompetet ohrenbetäubend. Der  zwölf Meter große Grand Éléphant ist der Star von Les Machines de l’île in Nantes. Am Ufer der Loire, dort wo einst in den Werfthallen Schiffe gebaut und repariert wurden, zwischen großen Kränen und Slipanlagen, Lagerhäusern und Bahngeleisen ist die spektakulärste  Attraktion der Stadt entstanden.

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Hier wird die imaginäre Welt von Jules Verne mit dem mechanischen Universum von Leonardo da Vinci vereint: Besucher können in den Bauch des Elefanten klettern und dort das ausgeklügelte Räderwerk, das den Riesen bewegt, bestaunen. Oder im Carrousel des Mondes Marins in drei Etagen Riesenkrebse, Manta-Rochen, Boote und Fliegende Fische bestaunen. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Berühren ist nicht verboten, sondern ausdrücklich erwünscht. Ansonsten coole Teenager jauchzen vor Freude, schaukeln, kurbeln wie wild  und lassen Dampfwolken  aus der Nase eines seltsamen Meeresbewohners steigen. Der nächste Streich dieser wundersamen Kunstwelt ist schon in Arbeit: Der  35 Meter hohe Arbre aux Hérons (Reiherbaum) mit 22 begrünten und begehbaren Ästen soll 2022 eröffnet werden. Wie diese fantastischen Kreaturen  entstehen, können Besucher von der Galerie einer ehemaligen Werfthalle mitverfolgen.

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Nantes ist eine junge Stadt. Dass die ehemalige Metropole der Bretagne an der Loire-Mündung  ihren Glanz und Reichtum, der sich in den prunkvollen  stuckverzierten Stadtpalais manifestiert, zu einem guten Teil dem Sklavenhandel verdankt, ist heute kaum noch ein Thema. Dafür trifft  man auf Schritt und Tritt auf Kunst. Der Flaneur   braucht nur der zwölf Kilometer langen grünen Linie auf dem Boden zu folgen, die ihn von einer Sehenswürdigkeit zur anderen führt. 50 Stationen gibt es auf dieser  Voyage  à Nantes, die Sehenswürdigkeiten von heute und gestern verbindet. Zum Beispiel den  Miroir d'Eau, eine Wasserfläche mit kleinen Fontänen, die Kinder, aber nicht nur sie, zum Spielen verführt. Oder witzige Geschäftsschilder. Oder  einen 50 Meter langen Toboggan, eine Riesenrutsche, die sich entlang der  Außenmauer des Schlosses, des Château des Ducs de Bretagne, schlängelt.
Nantes ist aber auch das Tor zum Loiretal mit seinen mehr als 400 Schlössern –  und ein guter Ausgangspunkt für eine Erkundung.  Das funktioniert auch mit dem Fahrrad: Den Fluss entlang führen 900 Kilometer  Radwege mit vielen Abzweigungen zu Sehenswürdigkeiten. Eine Reise von Château zu Château lohnt aber nicht nur wegen ihrer prächtigen Renaissance-Architektur. Die meisten von ihnen haben auch noch einen ganz besonderen Mehrwert.
 

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Das Schloss mit seinem Gartenfestival. Künstler von Weltruf gestalten dort „Parzellen“, die heuer unter dem Motto Jardins de la Pensées, Gärten der Gedanken, stehen: Bunt, spektakulär, verträumt, verspielt. Im Lauf des Sommers verändern sie mit den Pflanzen ihr Aussehen. Im großen Park von Chaumont  bewegt sich der Besucher ebenfalls von einem Kunstwerk zum anderen, jedes von ihnen  fügt sich die Landschaft ein. Auch ein Österreicher, Klaus Pinter, Gründungsmitglied der Künstlergemeinschaft Haus-Rucker-Co, hat mit der Kugel aus goldenen Blättern ein Werk geschaffen, das ein wenig an die Kuppel der Wiener Secession erinnert.
 

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Im Château du Clos Lucé etwa, das nur 400 Meter vom Königsschloss Amboise entfernt ist. Auf diesem Landsitz lebte und arbeitete   Leonardo, der Maler, Erfinder und Philosoph,  in den  letzten drei  Jahren seines Lebens. Eingeladen vom Schlossherrn Franz I. überquerte der 64-Jährige  die Alpen auf einem Maulesel, um sich in Frankreich niederzulassen. 2019 jährt sich sein Todestag zum 500. Mal. An kaum einem Ort kann man dem Genie so nahe kommen wie auf Clos Lucé. Im Schloss wurde sein Atelier, in dem er das Gemälde „Johannes der Täufer“ fertigstellte, nachgebaut, im Park  stehen Kopien der Erfindungen  Leonardo da Vincis  und können ausprobiert werden: der lederne „Löffel“, mit dem sich Wasser aus einem Teich heben lässt, sein Panzer, sein Schaufelradboot. Im Schatten von Platanen sieht man den Anatom da Vinci: Seine Skizze eines Muskels zeigt die Ähnlichkeit des menschlichen Körpers mit dem Stamm des Baumes.

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Leonardos Sterbejahr ist auch das Geburtsjahr von Katharina von Medici und der Renaissance. Katharina, Ehefrau von König Heinrich II. Ihren Spuren kann man in Blois folgen. Tagsüber im Schloss, das eines der prächtigsten an der Loire ist, es wurde über vier Jahrhunderte immer wieder erweitert und umgebaut – von Gotik über Renaissance bis zum Klassizismus vereinen  sich hier die Stile.  Das Prunkstück ist der achteckige Treppenturm, die Fassade aus weichem Tuffstein ist kunstvoll verziert. Sieben Könige und zehn Königinnen von Frankreich lebten auf Blois.
Sobald es dunkel geworden ist, wird die Geschichte lebendig.  Im Innenhof illustriert eine Licht- und Tonshow die Geschichte, deren Schauplatz Blois war: Von Jeanne d’Arc über Katharina von Medici bis zur Ermordung des Duc de Guise durch die Leibwache des Königs. Liebesgeschichten, Tragödien, Intrigen, der Kampf um die Macht und geheime Verschwörungen im 360-Grad-Modus.
 

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Mehr Romantik hat das Château d'Azay-le-Rideau zu bieten. Ein Wasserschloss in einem blühenden Park, an der Indre, einem Nebenfluss der Loire, gelegen. Honoré de Balzac beschrieb es als „fein geschliffenen Diamanten, der in die Indre gesetzt wurde“. Es spiegelt sich im Wasser und der Park spiegelt die Liebe des Marquis de Biencourt zu englischer Gartenarchitektur wider.
Romantik bieten auch die zahlreichen Guingettes, Ausflugslokale direkt am Wasser, die in der warmen Jahreszeit geöffnet haben. Hier kann man gebratene Fische bei einem Gläschen Wein genießen. Und das Treiben  auf dem Fluss beobachten. Ganz besondere Loire-Bewohner bleiben allerdings im Verborgenen: die Lachse. Sie schwimmen die Loire hinunter von ihren Laichplätzen am Fluss Allier bis zur Mündung in den Atlantik, den sie bis nach Schottland oder Island durchqueren. Nur wenige der Fische, die mittlerweile unter Naturschutz stehen, schaffen die anstrengende und gefährliche Reise und  kehren nach drei, vier Jahren wieder an ihre Laichplätze zurück. Der Kreislauf von Abschied und Wiederkehr setzt sich fort.

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ANREISE
Seit dem Vorjahr bietet die Fluglinie Volotea zweimal wöchentlich einen praktischen Direktflug von Wien nach Nantes. Flugtage sind Montag und Freitag, Dauer: 2,20 Stunden, Tickets ab 30 €.
www.volotea.com

ESSEN, TRINKEN
FISCH
Die Fische in der Loire sind rar, es gibt Hecht, Lachs oder Karpfen. In Nantes liebt man es bretonisch: mehrstöckige Plateaux de fruits de mer mit Langusten, Austern, Seespinnen und Muscheln.
ZIEGENKÄSE
Junge Ziegenkäse aus Sainte-
Maure, Chavignol oder Valençay – als Rolle, Pyramide oder in Form eines Knödels.
TARTE TATIN
Die gestürzte Apfeltorte (Bild. r.), ist eine Erfindung der Schwestern Tatin, die mangels Backofen auf der Herdplatte backen  mussten.
Köstlich!
MUSCADET
Der frische, trockene Weiße, der aus Trauben der Sorte Melon de Bourgogne gekeltert wird, erfreut auch den an österreichische Weiße gewöhnten Gaumen.
www.vinsdeloire.fr
www.vgc.fr/de
 

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LA CIGALE
Dieses Jugendstiljuwel in Nantes (gr. Bild) lässt kaum einTourist aus – es ist aber nicht nur schön, sondern auch gut. Meeresfrüchte sind die Spezialität.
www.lacigale.com

RESTAURANT LES GROTTES
Traditionelle französische Küche im Restaurant in einer Felshöhle in Azay-le-Rideau.
www.restaurantlesgrottes.sitew.fr

LA CORNE DES PÂTURES
Diese stimmungsvolle Guingette am Loire-Ufer in Baule bietet Essen und Trinken, das man in einem zur Theke umgebauten ausrangierten Autobus holt, man sitzt auf Strohballen. Freiluftkino, Musik, Theater.
www.lacornedespatures.com

SCHLAFEN
MERCURE NANTES CENTRE GRAND HOTEL
Viersternehaus mit toller Lage im Zentrum von Nantes, alle Sehenswürdigkeiten sind zu Fuß zu erreichen.
www.accorhotels.com/de/
 HÔTEL DE BIENCOURT
Klein, aber umso feiner: Romantisches Hotel ein paar Schritte von Schloss Azay-le-Rideau entfernt. Ideal auch für Radfahrer.
www.hotelbiencourt.fr

INFOS
www.nantes-tourisme.com
www.loiretal-frankreich.de
www.france.fr
www.loire-radweg.org