Das Glück verließ den Bombenexperten
Meine Frau befürchtet, dass ich eines Tages stückchenweise in einer Box heimkommen werde", erzählte Rahed Taysir al-Hom dem britischen Journalisten Jason Burke. Drei Tage später starb der Polizist beim Versuch einen Blindgänger zu entschärfen.
Bombenentschärfer im Gazastreifen
Tag für Tag setzte al-Hom sein Leben für unzählige Menschen in Gaza aufs Spiel. Der 43-jährige Vater von sieben Kindern war im Gegensatz zu seinem Bruder kein Kämpfer der radikalislamischen Hamas, sondern der Kopf der einzigen Bombenentschärfungstruppe im Norden des Gazastreifens. Seine Aufgabe war es, hunderttausende Menschen vor Bomben und Raketen, die beim Aufprall nicht explodierten, zu schützen.
Bereits 20 Jahre arbeitete er bei der Polizei in Gaza, die letzten fünf davon war al-Hom in seiner neuen, risikoreicheren Anstellung als Bombenentschärfer oder Kampfmittelräumer tätig. "Ich entschärfe so viele Objekte wie nur möglich. Jedes Mal, wenn ich von einer Explosion höre, fühle ich mit. Wir haben zu wenig Leute und uns fehlt eine angemessene Ausrüstung für diesen Job", erklärte er dem Guardian drei Tage vor seinem Tod. Zwar besuchte er einige Ausbildungseinheiten bei internationalen Experten, aber hauptsächlich lernte er, wie er im Interview betonte, "on the job".
Ausrüstung ist mangelhaft
Die Männer, die ohne Schutzkleidung an die Arbeit gingen, hatten nur ein übliches Basiswerkzeug zur Verfügung: Eine Bohrmaschine, einen Schraubendreher und eine Flachzange. Helme, Körperrüstungen oder mechanische Instrumente waren nach dem letzten Gaza-Konflikt 2012 entweder abgenutzt oder zerstört worden, so der 43-Jährige im Interview mit Jason Burke.
Ob die Rakete von der israelischen Armee oder von der Hamas kam, kümmerte al-Hom nicht. Er musste sie "bearbeiten", das war seine Aufgabe. Und wenn eine Granate, Bombe oder Rakete nicht sofort entschärft werden konnte, rückte sein Team mit einem Transporter an und beförderte den Blindgänger auf das Fußballfeld gegenüber der Polizeistation. Dort lagerte das gesamte Armeematerial - entschärft oder scharf, ungeschlichtet in der prallen Hitze.
Beerdigung einige Stunden danach
Unzählige Male am Tag klingelte das Telefon von al-Hom, auch am vergangen Mittwoch. Diesmal war es ein 500 Kilogramm schwerer Blindgänger, den er entschärfen musste. Palästinensischen Angaben zufolge war das Geschoß von der israelischen Armee bereits vor Inkrafttreten einer Waffenruhe vor einigen Tagen abgefeuert worden, aber beim Aufprall nicht detoniert. Al-Hom machte sich an die Arbeit, kniete sich nieder, holte seinen Schraubendreher raus.
Kurz darauf haben sich die Befürchtungen seiner Frau bewahrheiteten. Die Bombe explodierte. Dieser Einsatz war der Letzte des Bombenentschärfers. Mit ihm starben drei Kollegen und zwei Journalisten - der Italiener Simone Camilli und der Palästinenser Hatem Moussa.
Rahed Taysir al-Homs sterbliche Überreste wurden Stunden nach der Explosion am Friedhof in Dschabaliya begraben - nach über 400 entschärften Raketen, Granaten und Bomben.
Die Waffenruhe im Gazastreifen ist in der Nacht auf Freitag eingehalten worden. Nach den gegenseitigen Angriffen kurz nach Inkrafttreten der Feuerpause am Donnerstag um Mitternacht ereigneten sich im Tagesverlauf und am Freitag in der Früh keine weiteren Feindseligkeiten. Die Konfliktparteien hatten sich am Mittwochabend auf eine Verlängerung der Feuerpause um fünf Tage geeinigt. Seit Beginn des jüngsten israelischen Militäreinsatzes im Gazastreifen Anfang Juli wurden fast 2.000 Palästinenser und 67 Israelis getötet. Laut der Onlineausgabe der Zeitung "Haaretz" hat die israelische Armee im jüngsten Konflikt mindestens 30.000 Artilleriegranaten abgefeuert. Militärische Quellen hätten eingeräumt, dass viele palästinensische Zivilisten möglicherweise durch die Artillerie getötet worden seien.
In Tel Aviv forderten am Donnerstagabend 10.000 Israelis bei einer Demonstration in Tel Aviv eine dauerhafte Lösung für die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen. Die Organisatoren hatten zu einer friedlichen Kundgebung aus Solidarität mit den Menschen im Süden Israels aufgerufen, die besonders von den Angriffen betroffen sind. Auf Schildern der Demonstranten waren sowohl Forderungen nach einer sofortigen Besetzung des Gazastreifens als auch nach "Frieden mit den Palästinensern" zu lesen. Das israelische Sicherheitskabinett tagte am Donnerstag, um über die weiteren Verhandlungen über einen dauerhaften Waffenstillstand unter ägyptischer Vermittlung in Kairo zu beraten.
Kommentare