Leben/Gesellschaft

Tiger Woods: Welche Rolle die Psyche beim Wiederaufstieg spielt

Er ist wieder da: Unter Tränen nahm Tiger Woods beim US-Golf-Masters in Augusta am Sonntag die Siegestrophäe entgegen – elf Jahre nach seinem 14. und bis dahin letzten Majorsieg. Dazwischen lagen Krisen: Verletzungen, persönliche Probleme und Skandale warfen den heute 43-jährigen US-Amerikaner zeitweilig völlig aus der Bahn.

Von vielen Medien wird die Auferstehung des Golf-Stars als sein "emotionalster Triumph" bezeichnet. Dass sportliche Errungenschaften nach Leistungsproblemen einen besonderen Stellenwert haben, bestätigt Sportpsychologe Georg Hafner. "Diese Momente zählen zu den bewegendsten einer Profisportlerkarriere. Wenn man nach schwierigen Jahren wieder in der Leistungselite ankommt, kann das unglaublich wertvoll sein."

Mit seinem Comeback reiht sich Woods neben Muhammad Ali, Martina Hingis oder Niki Lauda in die Liste jener Sportler ein, die sich nach Rückschlägen in den Spitzensport zurückgekämpft haben (siehe Diashow ganz unten). Laut Hafner teilen sie eine für den Wiederaufstieg wesentliche Gemeinsamkeit: "Was sie auszeichnet ist, dass sie einen sehr starken Willen und ein hohes Selbstwertgefühl haben. Sie haben außerdem, im Gegensatz zu Jungsportlern beispielsweise, den Vorteil, auf Erfolgserlebnisse zurückgreifen zu können." Das Wissen, dass ein Athlet dem damit verbundenen Druck bereits standgehalten hat, könne als Ressource genutzt werden.

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In Etappen zum Ziel

Um in erfolglosen Jahren die Motivation nicht zu verlieren, ist Hafner zufolge eine kontinuierliche Adaptierung der eigenen Ziele unabdingbar: "Im Idealfall wird man von einem Psychologen begleitet, der einem hilft, Misserfolge zu reflektieren und sich Etappenziele zu setzen." Auch die Einordnung dessen, was als Erfolg und was als Misserfolg gewertet wird, sollte thematisiert werden: "Je differenzierter die Zielsetzung, desto besser kann man eigene Leistungen einordnen und darauf aufbauen", sagt der stellvertretende Leiter der Fachsektion Sportpsychologie des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen.

Ganz so rational lässt sich die Sache freilich nicht abhandeln: Das Scheitern und mühsame Hinarbeiten auf Erfolge geht mit Wut, Hilflosigkeit und Frustration einher. Diesen Gefühlen muss Raum gegeben werden; der Umgang mit ihnen ist der Grundbaustein mentaler Stärke. "Dabei geht es nicht darum, negative Emotionen auszuschalten, sondern sie anzunehmen und in eine konstruktive Richtung zu lenken. Ein mental starker Sportler ist der, der auch aus einem verlorenen Wettkampf etwas mitnimmt." Hier schließt sich der Kreis zu Krisensituationen im Alltag: Auch hier kann es hilfreich sein, sich im Umgang mit unangenehmen Gefühlen zu üben und sich bewusst zu sein, "dass die Gedanken uns und unser Tun formen".

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Krise als Chance

Neben normalen Leistungsschwankungen sind es oft Verletzungen, die Erfolgsserien beenden. Bei der Rehabilitation spielt die Psyche eine entscheidende Rolle. "Wenn ein Sportler während einer Verletzungsphase psychologisch betreut wird, kann er die Zeit, in der er körperlich eingeschränkt ist, für mentales Aufbautraining nutzen – und im besten Fall gefestigt aus der Situation hervorgehen."

Nicht nur bei Rückschlägen ist die Psychologie wichtig. Sie sollte im Sport dauerhafter Begleiter sein. Paradox sieht Hafner, der selbst Olympiasportler betreut, dass die Inanspruchnahme psychologischer Unterstützung manchmal Schwäche angesehen wird. "Um einen Profisportler nachhaltig zu fördern, sollte er seine mentale Stärke genauso trainieren wie Kraft und Kondition."

Wichtig sei nicht zuletzt, dass die Motivation, eine Krise zu überwinden, "aus dem Sportler selbst kommt". "Wenn der Comeback-Gedanke ausschließlich von außen vorgegeben wird, ist das nicht zielführend." Den Sportler in Krisenphasen als Individuum zu betrachten sei essenziell, weil "die einen an der Herausforderung wachsen und andere daran zerbrechen können". Sich nach Misserfolgen einzugestehen, dass man seine persönliche Grenze erreicht hat und es nicht mehr weitergeht, "kann auch wertvoll sein".

Einige Meilensteine im Leben des Tiger Woods

Aufstieg

1996 wird er mit 20 Profi, erster Sieg auf der PGA-Tour (wichtigste US-Golf-Tour). 1997 triumphiert er erstmals beim Masters (einem der vier Major-Tourniere) im Augusta National Golf Club in Georgia. 2001 hält er alle Titel der vier Major-Turniere gleichzeitig – das ist bisher nur ihm gelungen. 2004 Heirat mit der Schwedin Elin Nordegren. 14. Major-Titel 2008.

Fall – und neuerlicher Aufstieg

2009 fährt er mit seinem Auto gegen einen Baum und einen Hydranten, Medien berichten von außerehelichen Affären. 2010 ist die Scheidung von seiner Ehefrau abgeschlossen. 2012 beginnt  eine fast dreijährige Beziehung zu US-Ski-Star Lindsey Vonn. 2014 erste von vier Rückenoperationen, nach 15 Monaten Pause erstes Comeback im Dezember 2016. Im Mai 2017 wird er in Florida wegen Drogenmissbrauchs am Steuer festgenommen, die Bilder schockieren die Öffentlichkeit. Eine stationäre Behandlung folgt. Erneutes Comeback im November 2017 – als 1199. der Weltrangliste. Im April 2019 sein fünfter Triumph beim Masters und sein 15. Erfolg bei einem Major-Turnier.

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