Wissen

Zellforscher Ohsumi bekommt Nobelpreis für Medizin

Insagesamt waren 273 Wissenschafter im Bereich der Medizin und Physiologie für den Nobelpreis nominiert. Am Montagvormittag hat das Karolinska-Institut seine Entscheidung bekanntgegeben: Der Nobelpreis geht an den Zellbiologen Yoshinori Ohsumi für die Entdeckung des sogenannten Autophagie-Mechanismus (Selbstverdauung), der unter anderem bei der Zersetzung von Zellbestandteilen eine Rolle spielt.

Der Wissenschafter am Tokyo Institute of Technology hat in den 1990er-Jahren bahnbrechende Experimente durchgeführt. Bereits in den 1960er-Jahren hatten Forscher beobachtet, dass die Zellen eigene Bestandteile zerstören können. Aber wie das funktionierte, war lange nicht geklärt.

" Yoshinori Ohsumi benutzte die Bäckerhefe, um die Gene für diese Autophagie zu identifizieren. Er ging dann weiter, indem er die der 'Selbstverdauung' zugrunde liegenden Mechanismen in der Hefe aufklärte und zeigte, dass eine ähnliche Maschinerie dafür auch in unseren Zellen benutzt wird", hieß es in der Begründung. Autophagie-Gene können auch Krankheiten verursachen und sind beteiligt an manchen Krebsleiden und neurologischen Erkrankungen.

Alle Inhalte anzeigen

Der Nobelpreis für Medizin ist mit acht Millionen Schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro) dotiert. Im vergangenen Jahr hatten die Parasitenforscher Youyou Tu, William Campbell und Satoshi Omura die begehrte Auszeichnung bekommen.

Die Bekanntgabe bildet den Auftakt zu der Woche, in der die meisten Gewinner der diesjährigen Nobelpreise verkündet werden. Am Dienstag und Mittwoch werden die Preisträger für Physik und Chemie bekanntgegeben, am Freitag dann der Friedensnobelpreisträger enthüllt (siehe Fahrplan unten).

Laureaten seit 2006

Seit 1901 werden Wissenschaftler aus dem Bereich der Medizin mit dem prestigeträchtigen Preis geehrt. Die erste Auszeichnung ging damals an den deutschen Bakteriologen Emil Adolf von Behring für die Entdeckung der Serumtherapie gegen Diphtherie.

2006

Andrew Z. Fire und Craig C. Mello ( USA)

Für ihre Entdeckung der RNA-Interferenz

2007

Mario R. Capecchi, Oliver Smithies (beide USA) und Sir Martin J. Evans (Großbritannien)

Für Entdeckungen im Bereich embryonaler Stammzellen und der DNA-Rekombination bei Säugetieren

2008

a.) Harald zur Hausen (Deutschland)

b.) Francoise Barre-Sinoussi und Luc Montagnier (Frankreich)

a.) Für die Entdeckung der Papilloma-Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen

b.) Für die Entdeckung des Aidserregers HIV

2009

Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak (alle USA)

Für die Erforschung der Zellalterung

2010

Robert Edwards (Großbritannien)

Für die Entwicklung der In-vitro-Fertilisation

2011

a.) Bruce Beutler (USA) und Jules Hoffmann (Frankreich)

b.) Ralph Steinman (Kanada) war kurz vor der Verkündung gestorben und bekam den Preis posthum.

a.) Für Arbeiten zur Alarmierung des angeborenen Abwehrsystems

b.) Für seine Entdeckung der dendritischen Zellen und ihrer Rolle in der adaptiven Immunität

(Alle Informationen hier)

2012

John Gurdon (Großbritannien) und Shinya Yamanaka

Für die Rückprogrammierung erwachsener Körperzellen in den embryonalen Zustand

(Alle Informationen hier)

2013

Thomas Südhof (Deutschland), James Rothman (USA) und Randy Schekman (USA)

Für die Entdeckung von wesentlichen Transportmechanismen in Zellen

(Alle Informationen hier)

2014

May-Britt und Edvard Moser (Norwegen) sowie John O'Keefe (USA/Großbritannien)

Für die Entdeckung eines Navis im Hirn

(Alle Informationen hier)

2015

a.) Youyou Tu (China)

b.) William C. Campbell (Irland) und Satoshi Omura (Japan)

a.) Für die Entdeckung des Malaria-Wirkstoffs Artemisinin

b.) für ihre Entdeckungen betreffend eine neuartige Therapie für von Fadenwürmern verursachten Infektionen

(Alle Informationen hier)

2016 Yoshinori Ohsumi (Japan) Für die Entdeckung des Autophagie-Mechanismus

Die Bekanntgabe des Nobelpreises für Medizin bildet den Auftakt der alljährlichen Preisverleihung. Dienstag und Mittwoch folgen die Auszeichnungen für Physik und Chemie, am Donnerstag der Nobelpreis für Literatur. Der Friedensnobelpreis-Gewinner folgt am Freitag, den 9. Oktober. Seit 1969 gibt es den von der schwedischen Nationalbank gestifteten Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, der am 12. Oktober verkündet wird. Verliehen werden die Auszeichnungen am Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, dem 10. Dezember, in Stockholm und Oslo. Die Verkündung des Physik-Gewinners gibt es am 4.10. ab 11.45 Uhr im Stream:

Alle Inhalte anzeigen

Chemie folgt am 5.10. ab 11.45 Uhr:

Alle Inhalte anzeigen

Der Gewinner des Friedensnobelpreis wird am 7.10. ab 11 Uhr bekannt gegeben:

Alle Inhalte anzeigen

An wen der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht, ist am 10.10 ab 13 Uhr hier zu sehen:

Alle Inhalte anzeigen

Der Termin für Literatur steht noch nicht fest:

Alle Inhalte anzeigen

Um zu verstehen, was der Medizinnobelpreisträger 2016 tut, muss man zuerst einen Ausflug ins Griechische machen: Zellbiologe Yoshinori Ohsumi hat nämlich die molekularen Mechanismen von Autophagie am Beispiel von Hefezellen, später auch bei Säugerzellen, die sich durch Abbau körpereigener Proteine auf gewandelte Umweltbedingungen einstellen, geklärt.

Autophagie kommt vom altgriechisch αautós „selbst“, phagein „fressen“ und cýtos „Zelle“ und beschreibt den Prozess in Zellen, mit dem sie eigene Bestandteile abbauen und verwerten. Der Prozess ist für ein Gleichgewicht zwischen der Produktion neuer und dem Abbau alter Zellbestandteile notwendig. Ein Mitochondrium einer Leberzelle hat beispielsweise eine Lebenszeit von zehn Tagen, bevor es durch Autophagozytose abgebaut wird, und seine Bestandteile erneut zum Aufbau anderer Strukturen weiterverwendet werden.

Somit ist die Autophagie eine im Laufe der Evolution entwickelte Strategie der Zellen, um Energie zu sparen. Autophagozytose ermöglicht auch den Abbau von Viren, Bakterien und Fremdeiweißen, die in die Zelle eingedrungen sind. Sie dient damit auch der Immunantwort. Sie kann auch das Absterben von Zellen verursachen. Es ist Teil des programmierten Zelltodes. Es reguliert somit das Wachstum von vielzelligen Organismen und Kolonien (Hefe). Autophagie ist also ein Prozess, bei dem die Zellen sich selbst aufräumen, ihren Zellmüll, etwa deformierte oder beschädigte Proteine, entsorgen.

Ohsumi, geboren 1945 hat fast sein ganzes Leben lang in Japan geforscht und wurde von Thomson Reuters seit 2013 als Favorit für den Medizin-Nobelpreis gehandelt – groß war die Zahl seiner Zitationen und Preise. 2015 erhielt er den Internationalen Preis für Biologie, den Keio Medical Science Prize und den Rosenstiel Award. Für 2016 wurden ihm der Wiley Prize in Biomedical Sciences, der Dr. Paul Janssen Award for Biomedical Research zugesprochen.

Univ.-Prof. Georg Wick ist Zell- und Alternsforscher in Innsbruck.

KURIER: Was genau ist das Prinzip hinter der heurigen Nobelpreisauszeichnung?Georg Wick: Zellen können auf zwei Arten zugrund gehen: Das eine ist die Nekrose: Wenn etwa bei einem Herzinfarkt die Blutversorgung unterbrochen wird, sterben Zellen hinter dem Gefäßverschluss ab. Das ist wie ein Unfall, wie wenn sie zerquetscht oder zerdrückt werden. Das andere ist die Apoptose, der programmierte Zelltod. Dazu wird etwa in alten Zellen oder in bösartigen Zellen durch das Immunsystem ein Selbstmordprogramm angeworfen.

Das heißt, die Zellen sterben ab? Ja, das ist ein Schutzmechanismus des Körpers etwa gegen Krebserkrankungen. Der nächste Schritt ist dann die Autophagie: Fresszellen etwa können die Rückstände dieser abgestorbenen Zellen aufnehmen und entsorgen, ohne dass es zu einem Entzündungsprozess - also zu einer Reaktion des Immunsystems - kommt. Sie verdauen sozusagen diesen Zellmül.. Das ist quasi eine körperinterne Mülllabfuhr.

Wodurch genau wird dieser programmierte Zelltod ausgelöst? Es sind Signale von Abwehrzellen an die Krebszellen, sinngemäß „Jetzt kille ich dich“. Daraufhin wird eine Signalkaskade in der Krebszelle in Gang gesetzt, von der Oberfläche bis ins Innere, die dann im Zellkern die Selbstmordgene aktiviert.

Das funktioniert aber nicht immer. Genau, die Krebszelle kennt drei Möglichkeiten, diesem Prozess von Selbstmorprogramm und Autophagie zu entkommen: Sie teilt sich so rasch, dass das Immunsystem nicht mehr nachkommt mit dem Weitergeben der Selbstmordbefehle. Zweiter Schutzmechanismus ist, dass die Krebszellen Tarnkappen aufsetzen, die sie für die Immunzellen unsichtbar machen. Und das Dritte ist, dass sie es schaffen, die Immunzellen zu lähmen. Hier ist die neue Krebsimmuntherapie ein erfolgreicher Ansatz, dieses Tarnen und Lähmen zu überwinden. Es geht immer darum, die bremsenden Signale von der Krebszelle an die Abwehrzellen nicht ankommen zu lassen. Vielmehr muss die Abwehrzelle die Möglichkeit haben, ihren Befehl zum Selbstmord erfolgreich an die Krebszelle zu übermitteln.