Politik/Ausland

Hashim Thaci: "Kosovo wird multiethnisch bleiben, Serbien auch"

Kosovo und Serbien. Beide wollen Europa näher sein, für Serbien ist die  EU-Mitgliedschaft zumindest in Sichtweite. Doch Brüssel diktierte Serbien und seiner früheren Provinz, die sich 1999 als Republik Kosovo unabhängig erklärt hat, einen Dialog. Ohne ein Abkommen gibt es keinen Weg in die EU

Doch Belgrad und Pristina waren einander schon weit näher als heute. In den vergangenen Monaten haben vor allem die Ankündigung Pristinas, eine eigenständige Armee gründen zu wollen, sowie das serbische Lobbying gegen eine Interpol-Mitgliedschaft des Kosovo für Aufsehen gesorgt. Pristina reagierte und belegte im November völlig überraschend serbische (und bosnische) Importe mit 100-Prozent-Zöllen. Der von der EU geführte Dialog ist seither eingefroren. Regierungschef Ramush Haradinaj wird von beinahe allen Seiten für die Zölle  kritisiert. Kürzlich ließ er zumindest jene Produkte von den Zöllen befreien, die bereits vor der Implementierung Ende November eingeführt worden sind. 

 

Der Präsident des Kosovo, Hashim Thaci, steht innenpolitisch mit Haradinaj auf Kriegsfuß.  Einst kämpfte er als Anführer der UÇK (Kosovo-Befreiungsarmee) für die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien, heute plädiert er für ein Abkommen, um „Frieden in die Region“ zu bringen. Die Gründung einer Kosovo-Armee unterzeichnete er nicht nur, sondern bewirbt sie  auch gerne. 

 

Thaci befand sich am Wochenende auf der „Durchreise“ durch Wien, wie er selbst sagt. Der KURIER traf ihn zu einem kurzen Gespräch. 

Haben Sie Neuigkeiten zu den Zöllen auf serbische Produkte mitgebracht?

Kosovo war gezwungen, in der einen oder anderen Form solche Maßnahmen zu unternehmen. Wir werden alles versuchen, den Dialog nicht zu erschweren. Aber Serbien darf auch keine Bedingungen für die Weiterführung des Dialoges stellen. Ich hoffe, dass die Blockade bald schon vorbei sein wird.

Bedeutet das, dass Premier Haradinaj die Zölle bald zur Gänze zurücknimmt?

Ich hoffe, dass es bald eine Lösung gibt, um die Gespräche fortzusetzen. Für ein Abkommen, das sowohl für die kosovarische, als auch für die serbische Seite gut wäre - und von der internationale Gemeinschaft akzeptiert wird.

 

Alle Inhalte anzeigen

Wenn Sie wetten müssten: Glauben Sie, dass heuer noch ein Abkommen mit Serbien zustande kommen kann?

Es wird sehr schwierig. Aber nicht unmöglich. Ein Abkommen zwischen Serbien und Kosovo ist absolut notwendig. Es soll nie wieder Krieg zwischen Albanern und Serben geben. In der ganzen Region soll Frieden herrschen. Wir wollen ein umfassendes Abkommen schaffen und nicht ein vorübergehendes.

Würde Kosovo jemals einem Abkommen zustimmen, in dem die Republik Kosovo nicht explizit von Serbien als Staat anerkannt wird?

Ein Abkommen ohne Anerkennung des Kosovo als Staat, ohne Sitz in der UNO, hätte keine Bedeutung. Ich glaube und arbeite daran, dass die Republik Kosovo einen Sitz in der UNO haben und global anerkannt wird. Die EU und Federica Mogherini leitet diesen Dialogprozess. Wir haben eine große Unterstützung seitens der USA, insbesondere von Donald Trump. Auch eine Akzeptanz von Russland, wenn wir ein umfassendes Abkommen haben. Das hat in der Vergangenheit noch gefehlt. Es ist ein passendes Momentum auf der internationalen Ebene. Wenn ein umfassendes Abkommen seitens der EU, USA und Russlands akzeptiert wird, das würde eine globale Unterstützung bedeuten.

Sie sind also zuversichtlich, dass Russland Kosovo als Staat anerkennt, wenn Belgrad und Pristina sich auf ein Abkommen geeinigt haben?

Nach diesem Abkommen wird Kosovo bald eine Botschaft in Moskau haben.

 

Kann der Brief von Donald Trump (an Thaci und Vucic) das momentane Eis zwischen Belgrad und Pristina brechen?

Das ist ein unterstützender Brief, der für eine Balance der Interessen beider Seiten plädiert. Wenn wir dieses Momentum jetzt nicht nutzen, könnte das zu einer Verschlechterung der Situation führen. Ich habe klar gemacht, dass die Republik Kosovo diese Chance nutzen wird. Ich betrachte das mit Blick auf die strategischen Ziele, nicht die kosovarische Innenpolitik.

Die Idee des Gebietstausches ist immer noch auf dem Tisch?

Das Abkommen wird umfassend sein - Personen, wirtschaftliche Entwicklung, kulturelles Erbe und weitere Punkte. Es wird keine Grenze auf ethnischen Linien geben. Beide Länder werden multiethnisch bleiben. Es wird multiethnischer und europäischer Geist herrschen. Wir wollen offene Grenzen, freien Handel. Keine klassischen Grenzen wie bisher. Das Abkommen wird die wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben, besseren Wohlstand und ein besseres Leben bieten und mehr internationale Investition. Die Republik Kosovo ist ein junges Land und es hat viel Potenzial, das noch nicht gut genug genutzt wird.

Die offenen Grenzen würden einen Tausch von Gebieten unnötig machen?

Ich spreche von offenen Grenzen, nicht nach ethnischen Linien, ein europäisches Modell. Ich bin überzeugt, dass ein umfassendes Abkommen zwischen Serbien und Kosovo zu einer perfekten Zusammenarbeit in der Region führen wird.

Die Kosovaren warten immer noch auf die EU-Visafreiheit…

Das ist wirklich eine Ungerechtigkeit, was die Bürger des Kosovo betrifft. Die Republik Kosovo hat alle Kriterien erfüllt, sogar mehr als andere in der Region. Allerdings haben wir nur einen Weg: die europäische Integration. Wir sind enttäuscht, aber wir werden den Weg nicht verlassen.

In der EU fürchtet man, dass so viele junge Kosovaren nach Europa gehen wollen.

Der Wahlkampf zur EU-Wahl hat gerade gestartet. Einige Mitgliedstaaten wollen davor nichts riskieren. Das ist eigentlich eine interne Angelegenheit der EU-Mitgliedstaaten. Aber die Republik Kosovo bezahlt den Preis.