Leben/Reise

Haldenlifte: Der Einzelkämpfer im Bregenzerwald

Die meisten Urlauber, die vom Rheintal und vom Bodensee in den Bregenzerwald fahren, entscheiden sich für die gut ausgebaute Bundesstraße 200. Die Direttissima führt jedoch über das Bödele, auch als Losenpass bekannt. Hier, auf 1.140 Metern, vergnügen sich viele einheimische Familien im Revier der Skilifte Bödele. Sie schätzen die kurze Anreise, den Naturschnee, die gemütlichen Hütten. Fährt man von der Passhöhe jedoch weiter bergab Richtung Schwarzenberg, tauchen rechter Hand noch zwei weitere Schlepper auf, die zu den knapp vierundzwanzig Pistenkilometern des Mini-Skigebiets gehören: Haldenlift und Haglift. Sie sind das Reich von Mathias Metzler.

Beim Treffen zum Interview staunt man über das nostalgische Flair, das wohlige Kindheitserinnerungen weckt: Ja, an den Haldenliften lässt sich das noch erleben: ein langer Oldtimer-Schlepplift, der sich zwischen Fichten und wettergegerbten Heustadeln den Hang hinaufwindet, dazu ein Babylift und eine Abfahrt bis ins Dorf. In Summe: eineinhalb Pisten-Kilometer. Neben den günstigen Tageskarten für das Bödele-Revier (96 Euro für Eltern plus Kind) gibt es sogar noch Punktekarten. Für zehn Punkte bezahlen Kinder 6,30 Euro. Sie können sich damit an Mathias’ Babylift fünfmal nach oben ziehen lassen.

Mathias schmunzelt, wenn man ihn darauf anspricht. Ja, auch er hat hier als kleiner Bub das Skifahren gelernt, ist in jeder freien Minute die Pisten hinuntergeflitzt und auf der Raupe mitgefahren. Später, während seiner Lehre als Fahrzeugmechaniker und Hydrauliktechniker, half er bei der Liftrevision im Herbst und beim Service der Pistenraupen. Deshalb ließ es ihn nicht kalt, als Florian Berchtold, der langjährige Besitzer der Haldenlifte, in Pension ging und die Sache vor dem Aus stand. „Als er mich fragte, ob ich die Lifte nicht selbst übernehmen möchte, schlug ich ein: Mehr als schiefgehen kann es ja nicht!“

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„Corona war nicht lustig“

Ausgerechnet im ersten Pandemie-Jahr 2020 ging der junge Schwarzenberger an den Start. Im Winter 2020/21 durften nur Einheimische Skifahren, im folgenden Winter fehlten ihm lange die Ungeimpften. „Corona war nicht lustig“, lautet sein Fazit. Dennoch lief es ganz gut an, denn Schnee fiel in beiden Wintern reichlich. Um einen kleinen Gewinn zu machen, braucht er mindestens 30.000 Fahrten am großen und 10.000 am kleinen Lift, was etwa dreißig bis vierzig Betriebstagen entspricht. In der Saison 2021/22 kam er auf 60.000 Fahrten, doch der viel zu warme und erst spät in der Saison weiße Winter 2022/23 bereitete ihm Kopfzerbrechen. Bis Anfang März liefen seine Lifte an nur sieben Tagen. Mathias nimmt es sportlich: „Schneearme Winter hat es auch früher gegeben.“

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Ein halbes Jahrhundert

Immerhin hat er die Haldenlifte, die seit ihrem ersten Tag im Jahr 1971 als private Gesellschaft auf eigenen Beinen stehen, gerettet. Sie konnten vor zwei Jahren den 50. Geburtstag feiern. Außerdem: Die beiden Schlepper sind nicht Mathias’ einzige Erwerbsquelle.

Faible für Pistenraupen

Im Hauptjob ist er Servicetechniker für Pistengeräte und Landmaschinen bei der BG Fahrzeugtechnik + Service GesmbH in Sonntag im Großwalsertal, dem Vorarlberger Vertragspartner der Firma Kässbohrer (PistenBully). Er kommt also vom Fach. Nach der Lehre war er drei Jahre lang als Mechaniker für die Pistengeräte der Skigebiete Diedamskopf, Warth und

Jöchelspitze zuständig. Die Betriebsleiterprüfung für Liftanlagen, die er 2020 absolvierte, war deshalb keine wirkliche Hürde für ihn.

Finanziell ist es sehr wohl ein Wagnis, doch Mathias’ umfangreiches Know-how gibt ihm Sicherheit. Außerdem brennt er für seine neue Aufgabe. Ja, er fährt gerne Ski. Aber noch größer ist sein Faible für Pistenraupen, die ihn schon immer fasziniert haben.

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Jetzt ist er stolzer Besitzer zweier solcher Großkatzen, Baujahr 2010 und 2012. „Ist an ihnen etwas kaputt, repariere ich das natürlich selbst“, sagt er. „Sonst wäre das viel zu teuer.“ Weil er fast alles selbst macht, haben seine Arbeitstage im Winter bis zu sechzehn Stunden. Saison ist, wenn Schnee liegt. Das kann bereits im November der Fall sein und noch im April. Oder eben auch gar nicht. Da heißt es flexibel bleiben. Hat es nachts geschneit, ist er schon um fünf Uhr morgens mit der Pistenraupe unterwegs, um die Abfahrt hinunter ins Dorfzentrum zu präparieren. Um neun Uhr ist Betriebsbeginn, dann ist Mathias überall dort im Einsatz, wo man ihn gerade braucht. Mit Einbruch der Dunkelheit endet der Skitag nur für die Gäste, denn nun muss die Piste für den kommenden Tag präpariert werden. Und wenn nachts die Schneekanone läuft, ist Mathias alle zwei Stunden auf den Beinen, um am Hang nach dem Rechten zu sehen: „Wenn etwas kaputtgeht und die Leitungen gefrieren, stehe ich am Morgen vor einem Haufen Eis – und habe ein Riesenproblem!“

Festangestellte Mitarbeiter, die ihn permanent unterstützen, wären natürlich zu teuer. Unter der Woche genügen drei Aushilfen, am Wochenende braucht er bis zu fünf Helfer, die mit anpacken. Der Bruder, die ganze Familie ist dann im Einsatz. Außerdem gibt es einen Kollegen, der eine 50-Prozent-Stelle hat und deshalb entsprechend flexibel ist. Die Gemeinde Schwarzenberg unterstützt Mathias, indem sie die Dienstbarkeiten, also die Bezahlung für die Überfahrtsrechte an die verschiedenen Grundbesitzer, übernimmt. Alles andere wie Reparaturen, Revisionen und Pistenpflege macht Mathias selbst. Seine praktischen Kenntnisse und seine schier unerschöpfliche Energie sind die Grundvoraussetzung dafür, dass das Projekt funktioniert.

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Wovon alles abhängt

Der entscheidende Faktor ist jedoch die Schneesituation: „Wenn viel Schnee fällt, komme ich gut über die Runden. Doch zwischen November und April bestimmt nichts mein Leben so sehr wie der Schnee: Ob er kommt, ob er geht, wie lange er bleibt. Das Schicksal der Lifte hängt am Wetter, daran ist nicht zu rütteln.“

Der Einzelkämpfer besitzt eine einzige Schneekanone. Um die gesamte Piste künstlich zu beschneien, bräuchte er fünfzehn, besser wären zwanzig. „Die Preise beginnen bei 35.000 Euro pro Kanone – das sind dann die günstigeren Modelle“, rechnet er vor. Hinzu kämen die Kosten für Strom und Wasser. Letzteres bekommt er aus der kommunalen Versorgung, muss es aber Kubikmeter für Kubikmeter teuer bezahlen. Die Alternative, einen eigenen Speicherteich zu bauen, wäre noch kostspieliger.

Anreise
Mit der Bahn direkt nach Bregenz  oder  Dornbirn (von Wien in 6 Std.), oebb.at.
Die „3TälerPass-Skipässe“ (ab 2,5 Tagen!) gelten als Busfahrschein für den Raum Bregenzerwald

Skifahren
Preise und Öffnungszeiten zum Skigebiet Bödele und den Haldenliften auf boedele.info. Das Revier ist Mitglied im Verbund „3Täler-Skipass“.
Auf 3taeler.at gibt es auch mehr Infos zur Anreise mit dem Skibus bzw. zum Skipass Bonusticket

Skigebiete  in der Region
Im Bregenzerwald gibt es weitere kleine, feine Skigebiete, die es zu entdecken lohnt und die alle Verbund-Mitglieder sind:
– Egg-Schetteregg, schetteregg.at
– Hochlitten-Riefensberg, skilifte-hochlitten.com
– Niedere (Andelsbuch-Bezau), seilbahn-bezau.at
– Hochhäderich, alpenarena.com

Allgemeine Auskünfte
Infos zu Veranstaltungen und Unterkünften in der Region auf bregenzerwald.at

Trotz aller Hürden: Mathias lässt sich nicht entmutigen. Was viele nicht wissen: 1987 fand hier am Bödele sogar einmal eine Weltcup-Abfahrt der Frauen statt. Gestartet wurde am Gipfel des Hochälpelekopf (1.467 Meter), das Ziel befand sich unten in Schwarzenberg, und die Fahrerinnen waren dabei auch auf „seiner“ Piste unterwegs. Gefeiert wurde danach im Haldenstüble, das es noch immer gibt und wo sich heute Familien aufwärmen. 

Skiklubs kommen zum Training

Wenn es nach Mathias geht, soll das so bleiben, denn ihre überschaubare Größe macht die Haldenlifte zu einem idealen Skigebiet für Familien und Kinder: „Heim von der Schule, ab an den Skilift: Was damals mein Leben war, ist hier für die Kleinen noch immer möglich.“ Jeden Mittwoch-Nachmittag hätten die Kinder schulfrei, außerdem kämen die Bregenzerwälder Skiklubs zum Training. „Letztere schätzen meine lange Piste sehr, weil sie eben ziemlich anspruchsvoll ist“, erzählt Mathias.

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Mathias ist deshalb ein Entwicklungshelfer im besten Sinne des Wortes. Und nachhaltig ist seine Nachwuchsförderung obendrein: „Meine Lifte liegen gleich neben dem Zuhause der Kids. Sie können mit geschulterten Ski zu Fuß gehen, müssen nicht von den Eltern im Auto gefahren werden.“ Von den Locals allein kann er aber nicht leben. „Wir sind ein Geheimtipp, nicht nur für Einheimische. Auch aus Deutschland und der Schweiz kommen viele Schleppliftfans zu uns.“