Kolumnen

Paaradox: Blassrosa & scharlachrot

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"Psychische Angina, Zustand geistiger Verengung" – so beschrieb der spanische Philosoph mit dem klingenden Namen José Ortega y Gasset das Phänomen „Verliebtheit“. Nun, wenn ich das lese, muss ich sofort an den Mann gegenüber denken – der unerreichte Großmeister des gehobenen Liebesgeplänkels. Zumindest damals, vor einem Vierteljahrhundert, gab er den Top-Anbahnungstechniker, der alle Stückl’n spielte. Wenn ich morgens mein Büro betrat, lag bereits Schokolade auf der Tastatur, mitunter mit Blumen garniert und einem Herz-Post-it, in  Blassrosa gehalten. Wenn ich den Computer anwarf, ploingten in der Sekunde Mails mit Texten in mein Postfach, für die er den Literaturpreis „Scharlachrote Schmonzette“ verdient hätte. Und wenn er mir bei einem Date in die Augen blickte, sah ich einen tiefblauen See aus Sehnsüchten, so geistig verengt konnte er dreinschauen.

Lyriker und Schwärmer

Eines Tages knipste er wieder seinen Verstand an, versorgte die psychische Angina mit einem kühlen Wickel, verstaute den inneren Romantiker in eine wasserdichte Kiste mit der Aufschrift „Handle with care“ und räumte sie in den Keller. Nur zu bestimmten Anlässen holt er sie wieder hervor –  Weihnachten, etwa. Oder am Kennenlern- und Hochzeitstag (so er sich den Handywecker dafür gestellt hat). Und: am Geburtstag unserer Tochter, der vor Kurzem stattfand. Da verwandelt er sich  erneut in einen weltfernen Poeten und wird auf seltsame Weise „gefühlig“, vor allem aber nostalgisch.

Gerade dass er mich nicht zum synchronen Verhecheln von Presswehen auffordert,  mit mir auf dem Pezi-Ball auf- und ab wippt und mit einem Flascherl  Babynahrung herumfuchtelt. Aber ja, zugegeben –  das Leben mit so einem Vergangenheitsoptimisten hat was. Weil es dann nicht nur für La Tochter Blumen regnet, sondern auch für mich. Und auf einmal pickt da  ein Herz-Post-it, auf das er schnell was gekritzelt hat – aus der  legendären Kategorie „Scharlachrote Schmonzette“.

gabriele.kuhn@kurier.at / facebook.com/GabrieleKuhn60

Er

Ja, vieles ist nach 25 gemeinsamen Jahren nicht mehr ganz so wie am ersten Tag. Alles andere wäre sonderbar. Man stelle sich im Rahmen der vielen Alltagsstrapazen vor, ein Mann würde seine Zeit im permanenten Romantikrausch verbringen – wie lange würde es wohl dauern, ehe  zumindest meine Frau sagen würde: Schatzi, eh lieb, die vielen Brieferln und Blumerln und Schokis, aber ich würde mich dann allmählich auch freuen, wenn du endlich die Lampe am Klo montierst. Und so geschah es. Man muss sich also irgendwann eingestehen, dass verlässliches Flaschenwegbringen, Wäscheaufhängen oder Bücherregalbauen auch eine Interpretation von Liebe ist – ein wenig pragmatischer halt,  ohne Sonnenuntergang, Chopin und Champagner. Aber dann gibt es weit darüber hinaus eben diese magischen Jahrestage.

Dankbarkeit

Als meine geliebte Tochter geboren wurde, schrieb ihr mein Vater eine Kopfstücke-Kolumne. Nun, sie tat sich  damals, als Baby, mit dem Lesen noch schwer, aber das hat sie mittlerweile nachgeholt. Immerhin hat  der gerahmte Text vom Opa einen Fixplatz auf der Kommode. Darin steht unter anderem: „Wir werden Dich auch noch auf Händen tragen, wenn du längst gehen kannst.“ Das kann er leider nicht mehr tun. Aber ich tue es. Und denke dabei oft an ihn.

Es gibt  keinen Tag im Jahr, der mich emotional so berührt wie der Geburtstag meiner Tochter. Ich erinnere mich, wie mich die Hebamme kurz nach der Entbindung gefragt hat, ob ich das bedeutendste Geschenk meines Lebens halten wolle. Meine Antwort: „Einen Augenblick noch, ich zittere am ganzen Körper, ich könnte nicht einmal einen Bleistift halten.“ Vom Glück geblieben ist: unendliche Dankbarkeit meiner Frau gegenüber. Nicht nur für die Bereitschaft, dieses Kind mit mir haben zu wollen, sondern für ihre unaufhörliche Liebe und Hingabe als Mutter. Also bekommt  nicht nur die Tochter Blumen. Sondern auch gnä Kuhn, die – Achtung Scharlachrote Schmonzette – beste Mami der Welt!

michael.hufnagl@kurier.at / facebook.com/michael.hufnagl9