Chronik/Wien

Wiener Linien wollen keine Sicherheitsschleusen

In London gibt es sie schon längst, genauso wie in Paris oder New York: Schleusen an den Eingängen der U-Bahn-Stationen, die sich nur für Besitzer von Fahrscheinen öffnen.

Alle Inhalte anzeigen
Wien sollte diesen Beispielen folgen. Das fordert die Wiener FPÖ angesichts derMesserattacke in der Station Handelskai am vergangenen Wochenende: „So eine Sperre würde Rauschgiftsüchtige, Bettler und viele Kriminelle davon abhalten, in den Stationen herumzulungern und dort ihren üblen Geschäften nachzugehen“, glaubt Klubobmann Johann Gudenus. „Wie London oder Barcelona zeigen, ließen sich solche Sperren auch barrierefrei einrichten.“

Für die Wiener Linien kommt eine Verriegelung der Stationseingänge freilich nicht in Frage: „Das wäre keine wirksame Sicherheitsmaßnahme“, betont ein Sprecher (siehe Interview und "Frage des Tages" weiter unten). „Wenn dem so wäre, müsste ja in den U-Bahnen von New York oder Paris alles eitel Wonne sein.“

Ganz bewusst setze man in den rund 100 Wiener U-Bahn-Stationen auf ein offenes System. Nicht zuletzt, um für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Kinderwagen den Zugang so unkompliziert wie möglich zu gestalten. „Und beim Thema Sicherheit geht es auch darum, dass die Passagiere die Stationen bei einem Notfall rasch und ungehindert verlassen können.“

Hohe Kosten

Eine Umrüstung würde laut groben Schätzungen der Wiener Linien viele Millionen Euro verschlingen, zumal es nicht nur um die Barrieren selbst geht. Auch das Ticket-System müsste umgestellt werden. Und selbst Schwarzfahrer ließen sich von Schleusen nicht immer abhalten, sagt der Sprecher.

Alle Inhalte anzeigen
Ganz neu ist die FPÖ-Forderung übrigens nicht: Bereits im Wiener Wahlkampf 2010 schlug die ÖVP die Errichtung von Sicherheitsschleusen in der U-Bahn vor. Mittlerweile hat sie ihre Meinung dazu allerdings revidiert. Stattdessen fordert sie jetzt – wie auch die FPÖ – mehr Sicherheitspersonal in den Öffis. Gemeinderat Wolfgang Ulm: „Menschen sorgen für mehr Sicherheit als Maschinen.“

Nach der Messerattacke in der S-Bahn-Station Handelskai am Wochenende ist die Debatte um die Sicherheit in den Wiener Öffis neu entbrannt. Die Wiener FPÖ fordert in einer Aussendung drastische Maßnahmen: Zugangssperren an den Eingängen zu den U-Bahn-Stationen wie in London oder Barcelona, eine massive Ausweitung der Videoüberwachung sowie mehr Polizei-Präsenz in Öffis und Stationen seien notwendig, um die "untragbare Lage" zu entschärfen. Aber sind solche Maßnahmen sinnvoll? Und wie sicher sind die öffentlichen Verkehrsmittel in der Bundeshauptstadt generell? Der KURIER bat einen Sprecher der Wiener Linien, Dominik Gries, um Antworten.

KURIER: Wiens FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus apostrophiert die Wiener U-Bahnen und deren Stationen als "Zentren des Verbrechens", was sagen Sie dazu?
Dominik Gries: Das ist völlig überzogen. Jeder, der selbst U-Bahn fährt, weiß, dass dem nicht so ist, und das sagt auch die Polizei. Sie bestätigt, dass die Wiener U-Bahn sehr sicher ist, dass nicht viel passiert und dass auch nicht mehr passiert als früher. Trotzdem ist natürlich jeder Vorfall einer zu viel.

Welche Sicherheitsmaßnahmen setzen Sie konkret?
Sicherheit ist uns ein großes Anliegen. Derzeit läuft unsere Kampagne "Im Zweifelsfall ist es ein Notfall", damit wollen wir die verschiedenen Notfalleinrichtungen bekannter machen und den Fahrgästen die Scheu davor nehmen. Der gelernte Österreicher denkt ja, dass er Schwierigkeiten bekommt, wenn er Alarm auslöst. Das müssen wir ändern. In jedem Straßenbahnwaggon finden Sie 18 Notfalleinrichtungen – so etwas werden Sie im Straßenverkehr vergeblich suchen.

Gibt es auch Missbrauch?
Natürlich, wir haben täglich gleich mehrere Fälle. Trotzdem nehmen wir jeden Vorfall ernst und gehen ihm mit unverminderter Aufmerksamkeit nach.

Würden Sie sich von den Fahrgästen mehr Zivilcourage wünschen?
Das kommt auf die konkrete Situation an, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Zumindest sollen die Menschen die Verantwortung übernehmen, Alarm auszulösen.

Alle Inhalte anzeigen

Dominik Gries, Sprecher der Wiener Linien

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Polizei aus?
Wir stehen laufend mit ihr im Kontakt und betreiben auch gemeinsame Ausbildung – junge Beamte absolvieren ein Training bei den Wiener Linien, um die U-Bahn und deren Strukturen kennenzulernen. Wir wissen auch, dass es "Hotspots" gibt. Was uns auffällt, wird gemeldet. Die konkrete Überwachung und die Einsatzplanung sind aber Sache der Polizei.

Wird es eine eigene U-Bahn-Polizei geben?
Das muss die Polizei entscheiden. Die ist ohnehin sehr präsent, auch in zivil.

Haben Sie Wünsche an die Stadtpolitik?
Nein, wir sind mit der Stadt im besten Einvernehmen.

Die FPÖ verlangt eine Ausweitung der Video-Überwachung und eine Speicherung der Daten für 48 Stunden.
Ich verstehe die Forderung nicht. Wo es Bilder gibt, da werden sie bereits 48 Stunden lang gespeichert. Und die Video-Überwachung bauen wir sukzessive aus. 2011 hatten wir rund 1700 Video-Anforderungen seitens der Polizei, 2012 waren es bereits 2000.

Zeitigt die Überwachung auch einen Erfolg?
Auf jeden Fall. Sie wirkt bereits präventiv, vor allem gegen Sachbeschädigungen wie Graffiti. Das merkt man auch, wenn man die Öffis benützt.

Ist die Errichtung von Eingangsschleusen für die Wiener U-Bahn angedacht?
Definitiv nicht. Wir haben uns aus mehreren Gründen ganz bewusst für ein "offenes System" entschieden, zum Beispiel wegen der Barrierefreiheit – wir wollen keine "gated community". Wir müssten außerdem Dutzende Millionen Euro allein für die Investitionen in den 101 Stationen in die Hand nehmen und hätten in der Folge einen massiv erhöhten Personalaufwand. Letztlich sind Eingangsschleusen auch kein Sicherheitsmerkmal, sonst wäre man etwa in New York ja in einem "sicheren Hafen". Die wirklich bösen Buben lassen sich von Eingangsschleusen nicht beeindrucken.