300 Millionen Menschen von Hochwasser bedroht
Über eine Woche schon dauern die Regenfälle in Zentralafrika an. Der Fluss Oubangui ist über die Ufer getreten. In der Zentralafrikanischen Republik sind fast 30.000 Menschen obdachlos. Ganze Stadtviertel stehen unter Wasser. In der Hauptstadt Bangui gleichen mehrere Viertel mittlerweile Sumpfgebieten.
In Somalia mussten wegen schwerer Überschwemmungen über 180.000 Menschen ihr Zuhause verlassen. Ackerland und Infrastruktur sind zerstört. Auch in Kenia hat es überdurchschnittlich viel geregnet. In Saudi-Arabien sind bei schweren Regenfällen und Überschwemmungen mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen, im Osten Japans mindestens zehn Menschen.
Fast eine Million Menschen sind im Krisenland Südsudan von schweren Überschwemmungen betroffen. Ernten wurden zerstört, Nutztiere sind gestorben, daher werden etliche Familien noch monatelang auf Hilfe angewiesen sein.
An das Bild überfluteter Städte und Landstriche werden wir uns gewöhnen müssen. In den kommenden Jahrzehnten laut einer Studie Hunderte Millionen Menschen mehr als angenommen von regelmäßigem Hochwasser bedroht. Ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen seien bis 2050 Küstengebiete, in denen heute 300 Millionen Menschen leben, mindestens ein Mal jährlich von Überschwemmungen betroffen, legte die US-NGO Climate Central am Dienstag auf Grundlage eines neu entwickelten Rechenmodells dar.
Der Großteil der Betroffenen lebt demnach in den sechs asiatischen Ländern China, Bangladesch, Indien, Vietnam, Indonesien und Thailand. Mit insgesamt 237 Millionen Menschen ist die Zahl der dortigen Betroffenen laut den Berechnungen von Global Central mehr als vier Mal so hoch wie in bisherigen wissenschaftlichen Prognosen.
Die Zahl der Küstenbewohner, deren bisheriger Lebensraum bis zum Jahr 2050 wegen des klimabedingten Anstiegs des Meeresspiegels dauerhaft unter Wasser gesetzt wird, beziffert Climate Central mit rund 150 Millionen, davon 30 Millionen in China. Bis zum Jahr 2100 könnten der Prognose allein in den sechs asiatischen Ländern Gebiete dauerhaft unter Wasser stehen, die derzeit von 250 Millionen Menschen bewohnt werden. Dies seien fünf Mal mehr als in bisherigen Prognosen.
Diese Berechnungen zeigten "das Potenzial des Klimawandels, Städte, Ökonomien, Küstengebiete und ganzen Regionen auf der Welt noch zu unseren Lebzeiten umzukrempeln", erklärte der führende Studienautor Scott Kulp.
Die Prognosen von Climate Central zum Anstieg der Meeresspiegel beruhen auf einem von ihren Wissenschaftern neu entwickelten digitalen Rechenmodell namens CoastalIDEM, in dem systematische Fehler mithilfe Methoden des sogenannten maschinellen Lernens korrigiert werden. Dies führt nach Angaben der NGO dazu, dass die Fehlerspanne bei der Berechnung der Meeresspiegel bei höchstens etwa zehn Zentimetern liegt.
Das bisher international gebräuchliche Rechenmodell der US-Raumfahrtbehörde NASA namens SRTM könne sich hingegen um mehr als vier Meter verrechnen und so ein falsches Bild von Hochwassergebieten zeichnen, betonten die Forscher von Climate Central. Sie wollen daher eine Gratis-Version von CoastalIDEM zur Verfügung stellen, die zu wissenschaftlichen Zwecken und für humanitäre Maßnahmen verwendet werden darf.
Climate-Central-Chef Benjamin Strauss erklärte, das CoastalIDEM-Modell erlaube ein genaueres Bild von den klimabedingten Gefahren der Zukunft. Regierungen und Luftfahrtunternehmen müssten aber noch genauere Daten zum Meeresspiegelanstieg sammeln. "Leben und Lebensgrundlagen hängen davon ab."