Chronik/Österreich

Land unter in den Voralpen: Vom Hochwasser eingeschlossen

Hedwig Veith aus dem kleinen Ort Wiesenfeld im niederösterreichischen Mostviertel konnte es kaum glauben, als sie Freitagfrüh aus dem Fenster blickte. Die Gölsen hatte sich binnen weniger Stunden in einen reißenden Fluss verwandelt. Während die Pensionistin in ihrer Garage brusttief durch das Wasser watete, ließ sie ihren Ärger über die Politik los. "Uns wurde schon vor Jahren ein Flutschutz versprochen, umgesetzt wurde nichts."

Einige Häuser weiter war die Stimmung trotz der angespannten Lage etwas besser. Denn der neunjährige Leon konnte Meerschweinchen "Coco" gerade noch vor der Flut ins Trockene retten.

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Stundenlanger Dauerregen sorgte am Freitag von Oberösterreich bis ins Burgenland für Überflutungen. Hotspot war das Pielachtal. Dort führte ein 100-jährliches Hochwasser zu zahlreichen Straßensperren. Tausende Bewohner saßen fest. Viele wurden von der Flut überrascht. Bereits in der Nacht mussten Hunderte Feuerwehrleute ausrücken. Tagsüber lösten die Behörden in den Bezirken Lilienfeld und St. Pölten-Land Katastrophenalarm aus.

Laut Friedrich Salzer, Leiter des Hochwasserdienstes des Landes NÖ, waren bis Sonntag 150 Millimeter Niederschlag prognostiziert. "Die sind aber plötzlich in einer Nacht gekommen. Das hat dazu geführt, dass die Pegel so rasch gestiegen sind", erklärt Salzer (siehe Grafik weiter unten). Das sei auch der Grund, warum das Hochwasser so plötzlich aufgetreten ist.

Abgeschnitten

Besonders dramatisch entwickelte sich die Lage in Kirchberg an der Pielach. Die Gemeinde war am Freitag von der Außenwelt abgeschnitten. Die Pielach hatte einen historischen Höchststand von 3,30 Metern erreicht. Für die Gemeinde hat dieses 100-jährliche Hochwasser einen besonders bitteren Beigeschmack. Zwar gibt es ein fertiges Hochwasserschutz-Konzept, doch das wird vom Fischereiverband immer wieder beeinsprucht. "Die Menschen haben dafür bald kein Verständnis mehr", sagt Bürgermeister Anton Gonaus.

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Claudia Hackner, Tankwartin mitten im Ort Ybbsitz im Bezirk Amstetten, muss am verbarrikadierten Eingang des Tankstellenshops hilflos beobachten, wie die Fluten der Schwarzen Ois an ihrer Arbeitsstelle vorbeischießen: "Es ist ein Wahnsinn. Jetzt können wir nur warten, dass das Wasser zurückgeht", sagt Hackner.

Bilder: Dauerregen führte zu Überschwemmungen

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Rekordregen überraschte Bewohner

Im Alpenvorland Niederösterreichs zeichnete sich die Flutkatastrophe bereits in den Nachtstunden ab. Kurz nach Mitternacht bereiteten sich im Ybbstal viele Feuerwehren auf den Einsatz vor. Um 3.44 Uhr holten die Sirenen die Bevölkerung endgültig aus den Betten. Alle Schulbusse mussten umkehren. Die ersten Einsätze für die Feuerwehren folgten, als in den Morgenstunden Dutzende Häuser vom Wasser eingeschlossen wurden. Zu den ersten Geretteten gehörte ein pflegebedürftiges Paar in Ybbsitz. Es wurde ins Spital eingeliefert.

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Im Ort selbst herrschte tagsüber gespenstische Ruhe. Die rauschenden Wassermassen flößten den wenigen Schaulustigen Angst ein. Erinnerungen an das Jahr 2009 wurden wach. Damals war Ybbsitz gleich zwei Mal von einem derartigen Hochwasser heimgesucht worden.

Straßen gesperrt

Alarm auch im inneren Ybbstal: Die Ybbs trat im Rekordtempo über die Ufer. Der Ort St. Georgen am Reith war stundenlang völlig von der Umwelt abgeschnitten. In Hollenstein wurde die B31 vermurt. Im Nachbarbezirk stieg die Erlauf in der Stadt Scheibbs dramatisch an. Der mobile Hochwasserschutz sicherte zwar die Altstadt, außerhalb waren mehrere Zufahrtsstraßen unpassierbar. "Wir haben um drei Uhr Früh mit Sicherungsmaßnahmen begonnen", sagte Feuerwehrchef Andreas Kurz.

In Hofstetten (Bezirk St. Pölten) stieg der Pegelstand der Pielach am Freitag innerhalb von drei Stunden um drei Meter an. "Wir haben hier ein Rekordhochwasser", sagt Feuerwehrkommandant Walter Bugl. Auch Hofstetten war am Freitag von der Außenwelt abgeschnitten.

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Hochwasseralarm gab es auch in der Landeshauptstadt St. Pölten. Die Traisen trat über die Ufer, Teile des Regierungsviertels wurden überschwemmt. Im Wirtschaftshof wurden Tausende Sandsäcke befüllt. Insgesamt kämpften am Freitag in NÖ 265 Feuerwehren mit 3400 Einsatzkräften gegen die Wassermassen.

Bilder: Unwetterschäden in Frankenfels

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Bundesheer-Einsatz

Das Bundesheer alarmierte in Niederösterreich und im Burgenland insgesamt 1100 Soldaten und stellte fünf Hubschrauber bereit. 36 Pioniere wurden in Lilienfeld für eine Dammsicherung eingesetzt. Bei der Bezirkshauptmannschaft Lilienfeld wurden zwei Sanitäts-Pinzgauer für Rettungseinsätze stationiert. Mit ihrer Geländegängigkeit und ihrer hohen Wattiefe können sie auch überflutete Orte erreichen. Ein Black-Hawk-Helikopter des Heeres wurde für Lebensmittel- und Trinkwassertransporte in abgeschnittene Orte ausgerüstet.

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An der Donau war es am Freitag noch ruhig. Der rasant steigende Wasserspiegel lässt allerdings am Wochenende erste Überflutungen in der Wachau befürchten. In Spitz begannen Einsatzkräfte vorsorglich mit dem Aufbau des mobilen Hochwasserschutzes. Stromabwärts ist die Feuerwehr in Klosterneuburg-Kritzendorf auf Straßensperren und Evakuierungen vorbereitet.

125 Einsätze verzeichnete die burgenländische Landessicherheitszentrale bis Freitagnachmittag im ganzen Land. Neben dem Handynetz brach auch das Stromnetz immer wieder zusammen. Pinkafeld stürzte ein Baum auf ein Haus. Durch das aufgeweichte Erdreich wurde der Baum entwurzelt und legte sich langsam auf das Dach. Der Baum wurde entfernt, der siebente in zwei Tagen. In Oberschützen beschädigte ein umgestürzter Baum den Kindergarten.

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1500 Feuerwehrleute standen in der Nacht auf Freitag in der Steiermark im Einsatz. Die Schäden durch den Sturm, der über den Süden und Osten Österreichs hinwegfegte, fielen weniger schlimm als befürchtet aus.

Bereits am Donnerstag hat eine Böe ein Blechdach von einem Haus in Graz gerissen. In Bad Gleichenberg wurde ein fahrendes Auto von einem umstürzenden Baum getroffen, ein zweiter beschädigte das Auto der Polizisten, die den Unfall aufnahmen. Verletzt wurde niemand. Umgestürzte Bäume haben in Osttirol, Kärnten, Steiermark und dem Burgenland zu Stromausfällen geführt. Am Freitag war die Versorgung weitestgehend wiederhergestellt.

Wien blieb von Sturmtief "Yvette" großteils verschont. Die Feuerwehr musste 15 Mal wegen kleinerer Überflutungen ausrücken. Dem Veranstaltungskalender hat das schlechte Wetter aber schon zugesetzt.

Die Wiener-Festwochen-Eröffnung von "Into the City" am Schwarzenbergplatz wurde auf Sonntag verschoben. Beim 31. Wiener Stadtfest der ÖVP lässt man sich die gute Laune aber nicht vermiesen. Am Heldenplatz stehen Zelte bereit. "Wir sind nicht aus Zucker", scherzte eine Besucherin.

Absagen kam für die Organisatoren des LinzFest nicht in Frage. Und so startete das dreitägige Open Air an der Donaulände am Freitagnachmittag plangemäß trotz Regens und Temperaturen um die acht Grad.

Der Besuch beim Auftritt der Local Heroes von "Shy" war noch verhalten, in den Abendstunden pilgerten aber doch hunderte Fans zu den Auftritten von Louie Austen, Stereo MCs und The Cesarians in den Donaupark. Mit dabei: Warme Jacke und Regenschirm.

Am Balkan kämpfen Bewohner und Rettungsmannschaften gegen die schwersten Überschwemmungen seit Jahrzehnten. In Ost- und Zentralkroatien sind Bäume umgestürzt und Dächer beschädigt worden.

Schlimmer erwischte es die Nachbarn Serbien und Bosnien-Herzegowina (mehr dazu). Kroatien sagte am Freitag zu, zwei Militärhelikopter nach Bosnien zu schicken. Doch der Sturm machte auch die Flüge der Hubschrauber teils unmöglich. Auch Rettungsboote für die Bergung in den betroffenen Gebieten waren knapp. Mindestens zehn Menschen verloren in den betroffenen Ländern ihr Leben. Serbiens Premier Vucic bat um ausländische Hilfe. Österreichs Innenministerium hat nun die Kärntner Wasserrettung für einen Auslandseinsatz angefordert.

Auch in sozialen Netzwerken gab es Aufforderungen zur Hilfe. Unter dem Titel „Hilfsaktion für Flutopfer in Bosnien- und Herzegowina“ haben sich Freitagmittag auf Facebook mehr als 1000 Menschen gemeldet. Mehrere Organisationen sammeln am Samstag und Sonntag Sachspenden (Decken, Hygieneartikel, Trinkwasser etc.) beim Arbeiter-Samariterbund Landesverband Wien (15., Pillergasse 24).