Porträt von Vea Kaiser mit dunklen, gewellten Haaren und einem sanften Lächeln.

Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Einigkeit in Wort und Reim

Wie man sich aufeinander zubewegen kann, auch wenn man inhaltlich nicht einer Meinung ist

In den letzten Jahren stellte ich regelmäßig fest, dass mein Sohn Dinge super findet, gegenüber denen ich gewisse Vorbehalte habe. Er mag schnelle wie laute Fahrzeuge, Ordnung und Polizisten. Als Jugendliche bezeichnete ich mich als überzeugte Linke und liebte Demos. Zwanzig Jahre später sehe ich zwar fast alles, was mein sechzehnjähriges Ich gut fand, problematisch, doch bleibt es herausfordernd, wenn man als einstiges Mitglied der Generation Schulstreik/Hörsaalbesetzung jemanden zur Welt bringt, der vor jedem Spielplatzbesuch ausgiebig das Regelschild studieren möchte.

Jene Heldin, die ich in seinem Alter verehrte – Pippi Langstrumpf –, findet er blöd. "Zweimal drei macht nicht vier", erklärte er mir streng, außerdem gehöre ein Pferd in den Stall, ein Affe in den Dschungel, und ein Leben ohne Eltern sei nicht erstrebenswert. Wenigstens darin waren wir uns einig. Ich glaube, auch mein Sohn spürte diesen ideologischen Graben früh, denn einer seiner ersten vollständigen Sätze lautete: "Mama, du fährst zu schnell." (Obwohl ich mich, seit ich Kinder habe, sklavisch an alle Tempolimits halte.)

Vor diesem Hintergrund ist es eine Sensation, dass wir uns nun für denselben Menschen begeistern: das Reimgenie Bodo Wartke. Stundenlang hören wir seine Zungenbrecher, Lieder, Reime und versuchen neuerdings, selbst miteinander zu reimen. "Mama, wollen wir Lego bauen?" – "Natürlich, aber ohne in die Anleitung zu schauen." – "Nein, das geht nicht so!" – "Oh doch, staunen wirst du süßer Floh!" – "Mama, Regeln sind wichtig", sagt er geschniegelt und klein. "Schon", sage ich, "doch manchmal darf’s anarchisch auch sein." Wir sind uns nicht einig in Weltbild und Blick, doch im Reim treffen wir uns – Stück für Stück.

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser ist die Autorin der Nr.1-Bestseller „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“. Ihre Bücher wurden vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die studierte Altphilologin lebt mit Familie am Wiener Stadtrand und schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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