Diese wichtige Lektion können wir von Wicked-Star Erivo lernen
Wie ihr Film-Alter-Ego musste „Wicked“-Star Cynthia Erivo erst lernen, auf sich selbst zu hören. In einem Buch motiviert sie nun andere dazu. Das Lied „Frei und schwerelos“ schallt am 22. Jänner per Singalong um den Globus.
Musical-Verfilmungen sind – sofern man das Genre schätzt – so gut wie immer mitreißend berührend. Man denke an Hugh Jackman, der sich als entlaufener Sträfling Jean Valjean in „Les Misérables“ leidenschaftlich seiner Vergangenheit stellt, oder Meryl Streep, die als Donna Sheridan in "Mamma Mia!" zunächst energisch, dann melancholisch ihre Tochter auf die Hochzeit vorbereitet.
Doch kaum ein Filmmoment hat vergangenes Jahr derart viel Gänsehaut erzeugt wie jener, in dem sich Cynthia Erivo als Hexe Elphaba in „Wicked“ voll Macht und Entschlossenheit „Frei und schwerelos“ singt.
Erivos Stimmgewalt begeisterte das Wicked-Publikum.
©Giles Keyte/Universal PicturesDas bestätigen die Zahlen: Mit eingespielten 758 Millionen Dollar (umgerechnet 650 Millionen Euro) hat bereits der erste Teil der „Wicked“-Verfilmung dem Konkurrenten „Mamma Mia!“ den Titel um die Broadway-Musicalverfilmung mit den höchsten Einspielergebnissen streitig gemacht.
Wie sehr die Geschichte und die Lieder an sich begeistern, wird am Donnerstag, 22. Jänner, in ungewöhnlicher Form augenscheinlich. Zum 20. Bühnenjubiläum des Musicals im Londoner West End lädt die Organisation „Young Voices“ zum weltweiten Singalong.
Die aktuelle Elphaba-Darstellerin Emma Kingston wird mit 8.000 Kindern in der Londoner O2-Arena singen. Rund 500.000 Menschen werden weltweit auf digitalem Weg in die Hymnen einstimmen.
Zu laut, zu frech, zu viel
Doch der Erfolg der Broadway-Verfilmung hängt wohl auch mit der Besetzung der „Wicked Witch of the West“ mit Cynthia Erivo zusammen.
Die Rolle der Elphaba, erklärt Psychotherapeutin Ines Gstrein vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie, erörtere ein zentrales Entwicklungsthema: „Den Konflikt zwischen Zugehörigkeit und Selbsttreue, die Entwicklung bzw. Unterdrückung von Authentizität.“
Und in diesem Punkt – das legt Cynthia Erivo in ihrem neuen Buch „Mehr als genug“ (Goldmann) offen – hat die Schauspielerin und Sängerin überraschend viel mit ihrem Film-Alter-Ego gemein.
Zwischen Filmfigur und Schauspielerin gibt es einige Parallelen.
©EPA/ANDY RAINAufgewachsen mit einer alleinerziehenden Mutter in Südlondon, bekam Erivo in ihrer Kindheit wiederholt zu spüren, dass sie „zu laut“, „zu frech“, „zu viel“ war. Als ihre Englischlehrerin sie dann noch der Klasse verwies, brach die Wut aus ihr heraus. Sie verstand nicht: „Warum muss ich immer still sein?“ Sie hatte vielleicht keine grüne Hautfarbe – und doch fühlte sich ganz anders als die anderen.
Kampf um Anerkennung
Und so begann sie, zu kämpfen, zu laufen, zu leisten. Die leidenschaftliche Sängerin begann ein Studium der Musikpsychologie, warf es aber wieder hin, weil es nicht das Richtige für sie war. Sie bewarb sich an der Royal Academy of Dramatic Arts in London, doch dort kam es laufend zu „Mikroaggressionen und Missverständnissen“.
Ines Gstrein dazu: „Anpassung um den Preis der Selbstverleugnung kann langfristig zu innerer Leere, Erschöpfung und Scham bis hin zu dem Gefühl führen, nicht wirklich gemeint zu sein.“
Cynthia Erivos Buch ist soeben im Goldmann Verlag erschienen.
©Penguin RandomhouseDer Tiefpunkt kam für Cynthia Erivo während ihres Engagements im Musical „Company“. Als zwei Hauptdarstellerinnen kurz vor der Premiere an einer Kehlkopfentzündung bzw. einer Lebensmittelvergiftung erkrankten, wurde sie nicht gebeten, einzuspringen, sondern musste hinter der Bühne singen, während die Mädchen auf der Bühne ihre Lippen bewegen würden. Am Ende der Vorstellung fühlte sie sich zerstört, gedemütigt.
„Wicked“ wendet alles
Dann gönnte sie sich zum 25. Geburtstag ein Ticket für „Wicked“ im Londoner West End. Die Musik, die sie bereits von ihrer Zeit an der Schauspielschule so gut kannte, riss sie mit. Die Geschichte verzauberte sie. Doch nicht in ihren kühnsten Träumen, dachte sie, würde sie Elphaba spielen.
Unterdessen wurde an einem kleinen Theater in London „Die Farbe Lila“ vorbereitet. Und aus einem Grund, den die Schauspielerin heute nur Intuition nennen kann, wusste sie, dass sie sich bewerben musste.
Als sie die Zweifel zurückließ, schreibt sie in ihrem Buch, kam sie in ihre Kraft.
©EPA/ALLISON DINNEREs ist einer der vielen Momente im Buch, in dem sie sich an ihre Leserinnen richtet: „Folge deinem inneren Kompass!“ und „Hab Geduld!“ Denn sie bekam nicht nur die Hauptrolle der Celie zugeteilt. Das Stück war jeden Abend ausverkauft, ihre Performance so gewaltig, dass ein New-York-Times-Kritiker eine Lobeshymne schrieb, sie mit dem Stück auf den Broadway reiste und schließlich in „Wicked“ landete.
In dem Moment, in dem sie aufhörte, um Anerkennung zu kämpfen, war – so scheint es – Platz für den Traum. „Selbstwert“, erläutert Ines Gstrein, „entsteht nicht durch Anpassung, sondern durch Selbstannahme. Wer sich nicht mehr verbiegt, erlebt eine innere Stimmigkeit und emotionale Entlastung. Man selbst zu sein ist kein Trotzakt gegen andere, sondern ein Akt psychischer Selbstfürsorge – und oft der entscheidende Schritt zu innerer Freiheit.“
Eine Freiheit, die es im Film der Hexe Elphaba erlaubt, ihre grüne Hautfarbe nicht als Makel, sondern als Auszeichnung zu sehen. Und die es Cynthia Erivo ermöglicht, ihre Neugier, ihre Quirligkeit, ihre Lautstärke nicht länger zu verstecken, sondern mit fantastischen lauten Outfits und faszinierend langen Nägeln zu komplementieren.
„Authentisch zu leben“, meint Ines Gstrein abschließend, „heißt, sich selbst die Erlaubnis zu geben, mit der eigenen Intensität da zu sein.“ Nicht geduckt und entschuldigend, sondern frei und schwerelos.
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