Leben/Reise

Karakalpakstan: Die Exotik der usbekischen Wüste

Ein exotisches Land zu bereisen, war immer schon exotisch, aber so exotisch wie in den vergangenen zwei Jahren war es schon lange nicht. Während der Pandemie galt oft der Schritt aus der Haustüre als Abenteuer, beim Gedanken an ferne Dschungel und Wüsten sog sich die FFP2 mit kaltem Angstschweiß voll. Zugleich – und das ist psychologisch schon interessant – haben Menschen so viel „Universum“ und Reisedokus im Fernsehen geschaut wie noch nie.

Also trifft derzeit übergroße Fernsucht auf die postpandemische Reise-Renaissance. Man sagt sich Jetzt aber wirklich und schaut auf der Suche nach außergewöhnlichen Destinationen den Atlas noch mal ganz genau durch. Bis einer ruft: Schau bitte, Zentralasien ist riesig. Und gar nicht so weit weg. Nun kommen einem in Zeiten russischer Kriegslust die Ex-Sowjetstaaten nicht gleich in den Reisesinn, aber Usbekistan hat mit alledem nichts mehr zu tun. Das Land – neben Liechtenstein übrigens der einzige Binnenstaat, der nur von Binnenstaaten umgeben ist, siehe Atlas – hat sich eine Souveränität und seit dem Tod von Diktator Karimow (2016) auch eine gewisse Demokratie erarbeitet. Die Hauptstadt Tashkent mausert sich zum wirtschaftlichen Zentrum Zentralasiens, die Kulturschätze entlang der einstigen Seidenstraße sind Oberliga und die Natur ist für uns neu.

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Wem die erreichbaren Teile Usbekistans (wobei „erreichbar“ in einem Land, das größer als Deutschland und Österreich zusammen ist, mehrstündige Zug- oder Autofahrten bedeutet) immer noch zu banal sind, der sollte sich Karakalpakstan ansehen. Ja, das heißt wirklich so und nein, es ist keine Karl-May-Erfindung. Im Gegenteil: Karakalpakstan umfasst über ein Drittel der Fläche Usbekistans, leider das Wüstendrittel. Das war nicht immer so, in der heute autonomen Republik lag einst der stolze Aralsee, aus dem die sowjetischen Fischfangflotten Nahrung für das ganze Reich zogen. Leider zogen sie aus den einmündenden Flüssen auch Wasser für ihr Projekt Baumwollweltherrschaft, weshalb der See schrumpfte und das austrocknende Land versalzte, Landwirtschaft unmöglich, Fischfang tot, Abwanderung, Untergang. Karakalpakstan ist ein trister Ort.

Aber einer im Aufschwung. Fährt man nach Moynak – früher Hafenmetropole, dann Geisterstadt –, sieht man zwar den Schiffsfriedhof, aber auch eine neugebaute Stadt mit Flughafen (man munkelt von einem geplanten Casino-Großprojekt der Chinesen). Fährt man durch die Wüstensteppe Karakalpakstans sieht man eine Leere, aber freundliche Menschen, die ihr karges Land lieben und überleben. Und wenn auf diesen stundenlangen Holperfahrten plötzlich jahrtausendealte Wüstenschlösser aus dem flachen Land stechen wie das Shilpiq Kala (Bild); und wenn man die Hügel, auf denen sie einst gebaut wurden, besteigt; und wenn man dann auf diese Endlosigkeit in Ocker- und Rot- und Schwarztönen blickt ... dann stellt sich ein exotisches Glück ein. hahu

Moynak: Einst Hafen, nun 100 km vom Aralsee weg (Touren ab hier möglich). Bestechendes Beispiel eines  Ortes, der Blüte–Untergang–Neustart erlebte.
Pflicht: Aralsee-Monument, Schiffsfriedhof, Ethno-Museum. 


Nukus: Hauptstadt Karakalpakstans mit riesiger Sammlung usbekischer u. russischer Avantgarde-Kunst (Sawitsky-Museum).


Wüstenschlösser: Von Nukus aus eine Autostunde bis Shilpiq Kala – Zeit nehmen, um hinaufzugehen!