Leben/Gesellschaft

Incels: Die tödliche Rache der Verschmähten

Am 23. Mai 2014 setzte sich der Student Elliot Rodger hinter das Lenkrad seines BMW, stellte die Kamera auf das Amaturenbrett und begann zu reden: „Seit ich in die Pubertät gekommen bin, war ich gezwungen, eine Existenz in Einsamkeit zu erdulden, eine Existenz voller Zurückweisung und unerfüllter Begehren. Alles nur deshalb, weil Frauen sich nie zu mir hingezogen fühlten“, sagte er, und weiter: „Wenn ich euch Mädchen nicht haben kann, werde ich euch zerstören.“

Kurz danach tötete der 22-Jährige sechs Menschen, darunter zwei Mitglieder einer Studentinnenverbindung. Rodger, ein hübscher junger Mann mit schwarzen Haaren und weißen Zähnen, hinterließ neben dem Video ein Manifest, in dem er von Konzentrationslagern für Frauen fantasierte und einen „Krieg gegen Frauen“ ankündigte – weil sie ihm, dem „perfekten Gentleman“, Sex vorenthalten hätten.

„Alpha-Männer“

Vor seinem Amoklauf trieb sich Rodger in Internetforen herum, wo er seine Aggressionen mit anderen Incels teilte. „Incel“ steht für „involuntary celibate“, also „unfreiwillig enthaltsam“: heterosexuelle Männer, die darunter leiden, keinen Sex und keine romantische Beziehung zu haben und ihren Frust auf Frauen projizieren. In ihrer Vorstellung sind Frauen nur an gut aussehenden, muskulösen „Alpha-Männern“ interessiert, können selber aber – unabhängig von ihrer Attraktivität – jederzeit Sex haben.

Der Begriff wurde Ende der Neunziger ausgerechnet von einer Frau namens Alana geprägt, um verzweifelten Singles eine Plattform und Unterstützung zu bieten. Doch dann begannen sich die Incels online zu radikalisieren, beschimpften Frauen (die sie „Femoids“ nennen) und rechtfertigten Vergewaltigungen mit dem Argument, dass jeder Mann ein Recht auf Sex habe. Vor einem Jahr sperrte das Portal Reddit eine Incel-Gruppe mit 40.000 Mitgliedern, weil die hasserfüllten Beiträge gegen die Nutzungsbedingungen verstießen. Rodger wird in der Community als Held gefeiert: „Die Incel-Revolution hat gerade erst begonnen“, postete der 25-jährige Alek Minassian auf Facebook, ehe er in Toronto mit einem Lieferwagen in eine Menschenmasse raste und vorwiegend Frauen tötete. Auch der Attentäter, der in einem Yoga-Studio in Florida auf sechs Frauen schoss, hatte in Incel-Foren über Zurückweisung geklagt und misogyne Ansichten geäußert.

Österreichischer Fall

Ähnlich klingen die Motive jenes Wieners, der Ende des Jahres zwei Passantinnen mit einer Eisenstange bzw. einem Hammer attackierte. Er habe sich nach Liebe und Sex gesehnt und mehrmals vergeblich gesucht, mit fremden Frauen auf der Straße Kontakt aufzunehmen. Ihre Blicke hätten ihn „provoziert und aggressiv gemacht“.

Bis er zuschlug. Es ist ein klassisches Denkmuster von Incels, Frauen für das eigene Versagen verantwortlich zu machen. Sie schieben ihre vermeintliche Hässlichkeit bzw. die Oberflächlichkeit der Gesellschaft vor, um über andere Defizite hinwegzutäuschen, erklärt Psychotherapeut Helmut Tesarek, der in seiner Praxis Männer und Paare betreut. Ein Incel saß noch nicht auf seiner Couch – aus gutem Grund: „Incels leben ihren Hass im Netz aus und sehen keinen Bedarf, etwas zu ändern.“ Was sie nicht einsehen wollen: Nicht die fehlende Attraktivität ist der Grund, warum Männer keine Partnerin finden – sondern Beziehungsunfähigkeit. „Sie können nicht auf ein Gegenüber eingehen, nehmen den anderen als Sexobjekt wahr und nicht als gesamte Persönlichkeit.“

Kränkung

Patriarchale Strukturen und Geschlechterstereotype sind der Nährboden für Phänomene wie die Incels. „Männer dürfen sich keine Schwächen eingestehen, das ist gesellschaftlich noch immer verankert. Verlassen oder abgelehnt zu werden, ist eine enorme narzisstische Kränkung, mit der patriarchal orientierte Männer nicht zurechtkommen“, sagt Tesarek. Das Zauberwort ist Frustrationstoleranz: „Nicht alles, was man anstrebt, erreicht man sofort. Man kann nicht sagen, ich habe ein Recht darauf und hole es mir mit Gewalt. Man muss etwas dafür tun, an sich arbeiten etc. Incels begreifen das nicht.“

Seit die Reddit-Gruppe gesperrt wurde, rotten sich die verletzten Männerseelen in der „Manosphere“ zusammen, ein Netzwerk, das verschiedene Foren und Blogs umfasst und sich als Antithese zum Feminismus versteht. Incel-Erfinderin Alana hat inzwischen ein neues Projekt für einsame Seelen gegründet. Sie nannte es Love Not Anger – Liebe, nicht Wut.