Chronik/Wien

Leben in der neuen Leopoldstadt

Sie sei eine der "buntesten Ecken von Wien", sagt Bezirksvorsteher Karlheinz Hora über seine Leopoldstadt. Jung und Alt, Österreicher und Zuwanderer leben hier Tür and Tür. In den kommenden Jahren wird der Bezirk um weitere 21 Prozent wachsen, nicht zuletzt wegen seiner Stadtentwicklungsgebiete. Doch wie klappt das Zusammenleben dort? Der KURIER machte einen Lokalaugenschein am Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs.

"Schon im Kaiserreich waren wir ein Einwandererbezirk", schildert Hora. "Damals endete die Nordwestbahn bei uns. Neuankömmlinge mussten sich in der Zirkusgasse registrieren lassen." Viele suchten danach gleich im selben Bezirk eine Bleibe. "Und nicht zu vergessen die jüdische Bevölkerung, die aus der Innenstadt vertrieben wurde", ergänzt Hora. All dies präge den Bezirk bis heute: "Hier leben Menschen aus 143 Nationen."

Am Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs dominieren heute modernste Häuser und Grünflächen – aber auch riesige Baustellen. "Es gibt dort Genossenschafts-, Miet- und Eigentumswohnungen", erklärt Hora. "Den Unterschied soll man aber von außen nicht erkennen. So wollen wir für eine ausgewogene soziale Durchmischung sorgen."

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Bis 2025 sollen insgesamt 10.000 Wohnungen auf dem Areal entstehen, rund 4500 Menschen leben jetzt schon dort. So etwa Dejan Palalic: Seit dreieinhalb Jahren betreibt er das Lokal Aero am Nordbahnhofgelände. Mit seiner Familie wohnt er gleich nebenan: "Dass ich hier mit meinen drei Kindern lebe, zeigt ja schon, dass die Lebensqualität hoch ist", schildert er.

Eine seiner Stammkundinnen ist die junge Zahnärztin Eva-Maria Mozgan: "2007 habe ich dringend eine Wohnung gesucht. Ich bin im dritten Bezirk aufgewachsen, und es war der Schock meines Lebens, als ich gehört habe, dass ich in der Nähe vom Mexikoplatz wohnen soll", erinnert sie sich und lacht herzlich. Mittlerweile sei sie aber begeistert: "Mit meiner Tochter und meinem Hund habe ich es lieben gelernt, hier zu leben."

Thomas Rauscher, 25 Jahre alt, ist praktisch ein junger alteingesessener Bewohner der Gegend: "Ich bin in einem Gemeindebau hier um die Ecke aufgewachsen", erzählt er. Vor zwei Jahren überredete er seine Freundin, mit ihm in das Stadtentwicklungsgebiet zu ziehen. "Wir wollen gemeinsame Kinder und einen Hund. Dafür ist das hier die optimale Umgebung."

Junge Familien

Generell würden viele junge Familien auf das Nordbahnhofgelände ziehen, erzählt der für das Grätzel zuständige Bezirksrat Christoph Zich. "Wir hoffen daher, dass bis 2020 tatsächlich der hier geplante Schulcampus mit 48 Klassen fertig gestellt wird."

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Auch das Lokal Aero ist auf junges Publikum eingestellt: Es gibt Crêpes, Suppen, Salate und eine eigene Kinderspielecke. "Und alles ist biologisch – da sind hier alle deppert danach", scherzt die Stammkundin Mozgan.

Doch gibt es auch Probleme beim Zusammenleben in der neuen Nachbarschaft? Viele Bewohner würden sich über Lärm und Staub von der Baustelle beschweren, schildert Zich. "Das ist aber Jammern auf höchstem Niveau", erwidert Mozgan. Freilich sei es zuweilen laut, sie empfinde das aber nicht als großes Problem.

Vor dem Supermarkt sei eine Bettlerin gesehen worden, wirft jemand ein. Rauscher zuckt mit den Schultern: "Das stört mich nicht, sollen sie mich anquatschen." Angeblich habe jemand im Park einen Joint gefunden, erzählt ein anderer. "Das war ein dummes Gerücht", entgegnet Zich. "Ich habe längere Zeit abends alle Klos im Park kontrolliert – auch wenn das vielleicht blöd ausgeschaut hat." Irgendwelche Hinweise auf Drogenkriminalität habe er nicht gefunden.

Bloß bei einem sind sich alle einig: dass die Preise für die Eigentumswohnungen zu hoch sind. "Für einen Normalbürger sind die mittlerweile unleistbar", sagt Zich. In der nächsten Bauetappe würden aber wieder günstigere Mietwohnungen entstehen.

Lesen Sie hier noch einmal Teil eins und Teil zwei der KURIER-Serie "Die Zukunft Wiens".