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Originale des umstrittenen Pernkopf-Atlas kehren an MedUni Wien zurück

Jeder, der Medizin studiert, kommt vermutlich mit ihm in Berührung: Der sogenannte "Pernkopf-Atlas" erreichte weltweites Renommee und galt über Jahrzehnte aufgrund seiner detailgetreuen anatomischen Zeichnungen von menschlichen Körperteilen und Organen als Standardwerk.

Das ist er für viele auch heute noch - doch seit einer Untersuchung der Universität Wien und speziell des "Pernkopf-Atlas" gilt er als höchst umstritten. Der Grund dafür ist seine Entstehungsgeschichte, wie auch die von der Holocaust-Gedenkorganisation Yad Vashem angeregte Untersuchung zeigte. Der damalige Rektor der Uni Wien, Alfred Ebenbauer, entschuldigte sich bei den Opfern und 2002 wurden die sterblichen Überreste von Opfern der NS-Justiz, die an Instituten der Uni als medizinische Präparate gefunden wurden, bestattet.

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Körper von NS-Opfern

Das Lehrbuch wurde von Eduard Pernkopf (1888-1955) verfasst. Als Vorlage für die Zeichnungen dienten aller Wahrscheinlichkeit nach hingerichtete Opfer der NS-Justiz, teilte die MedUni Wien am Dienstag mit.

Das anatomische Institut in Wien hatte unter seinem Leiter Eduard Pernkopf (1888 - 1955) die Körper von mindestens 1.377 hingerichteten Personen erhalten. Darunter waren auch viele Mitglieder des Widerstands gegen das NS-Regime.

Pernkopf, ein glühender Nazi

Pernkopf war 1933 Leiter des zweiten anatomischen Instituts und wurde 1938 Dekan der medizinischen Fakultät und 1943 Rektor der Uni Wien. Schon früh engagierte er sich für den Nationalsozialismus und trat 1933 der NSDAP und 1934 der damals in Österreich verbotenen SA bei. Nach dem "Anschluss" 1938 stieg er zum Dekan der Medizinischen Fakultät und zum Rektor der MedUni auf.

Die Arbeit an einem Anatomie-Standardwerk begann Pernkopf schon früh, der erste Band von "Topographische Anatomie des Menschen"erschien 1937. Nach Kriegsende und Gefangenschaft arbeitete Pernkopf bis zu seinem Tod weiter an den Bänden. Die Arbeit wurde bis 1960 fortgesetzt.

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Weiterhin verlegt

Auch verlegt wurde der Band weiterhin und der Druck von Neuauflagen erst 1994 eingestellt. Bereits bestehende Ausgaben blieben weiterhin in Verwendung. Zuletzt waren die Originalzeichnungen sowie Publikationsrechte im Besitz des Wissenschaftsverlags Elsevier, der sie 2003 von Urban & Fischer erworben hatte.

Man sei sich "bewusst, dass die Zeichnungen für Wissenschafter von Bedeutung sind, insbesondere für solche, die im Bereich der Medizingeschichte und -ethik arbeiten", wird Nick Fowler von Elsevier in der Aussendung zitiert. Nun übergab der Verlag die noch vorhandenen Originalzeichnungen des umstrittenen "Pernkopf-Anatomieatlas" an das Josephinum, die Sammlungen der Medizinischen Universität Wien. Zusätzlich fördert der Verlag die Digitalisierung, Erschließung und Katalogisierung des Bestandes mit 30.000 Euro, teilte die Uni am Dienstag mit.

Forschungsauftrag

Mit der Übergabe an das Josephinum soll die fachgerechte Archivierung, Konservierung und Digitalisierung, sowie die Zugänglichkeit vor allem für die zeitgeschichtliche Forschung gewährleistet werden. "Als Nachlassverwalter der Pernkopf-Sammlung liegt es in unserer Verantwortung, Aufklärungsarbeit zu leisten und die schockierende Entstehungsgeschichte gemeinsam mit Historikern und Experten weiter offenzulegen", so Josephinum-Direktorin Christiane Druml. Im Fachjournal Annals of Anatomy ist nun ein Beitrag zu dem Thema erschienen.