Thema/WM2014

England nach Suarez-Doppelpack vor Aus

Es hätte sein Abend werden können. Ja, es hätte vielleicht sogar sein Abend werden müssen. Da schießt Wayne Rooney in seinem zehnten WM-Spiel endlich sein erstes Tor, da hat er genug Chancen für einen englischen Erfolg gegen Uruguay auf den Füßen und auf dem Kopf – und trotzdem ist Wayne Rooney wieder einmal nur die tragische Figur und der Nebendarsteller und Verlierer im Duell der großen Goalgetter. Bezwungen und gedemütigt von Rückkehrer Luis Suárez, jenem genialen und treffsicheren Stürmer aus Uruguay, der Rooney bereits in der abgelaufenen Premier League klar die Show gestohlen hatte.

Luis Suárez, der sich mit 31 Toren für Liverpool in England die Torjägerkrone gesichert hatte, stand nicht nur zwei Mal zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Der 27-Jährige machte dann auch noch zwei Mal das Richtige. Mit seinen zwei Genieblitzen sorgte Suárez für Donnergrollen im Mutterland des Fußballs. Sein gefühlvoller Kopfballtreffer gegen die Laufrichtung von Goalie Joe Hart (39.) und sein Kracher ins Kreuzeck (85.) waren entscheidend in diesem vorentscheidenden Gruppenspiel.
Mit dem 2:1 schickt Uruguay die Engländer schon Richtung Heimreise. Das letzte Gruppenspiel des Weltmeisters von 1966 gegen Costa Rica hat möglicherweise nur mehr statistischen Wert.

Chancentod

Da war es nur ein schwacher Trost, dass Rooney endlich Frieden mit seiner Hassliebe Fußball-Weltmeisterschaft schließen konnte. Der Engländer hätte mehr als diesen einen Treffer zum 1:1 erzielen können, als er eine Vorlage von Johnson nur mehr über die Linie drücken musste (75.).
Es war die x-te Offensivaktion des englischen Stürmers: Schon nach zehn Minuten sauste ein gefühlvoller Freistoßball von ihm knapp am Tor vorbei; wenig später brachte Rooney dann das Kunststück zuwege, den Ball aus einem Meter Entfernung ans Lattenkreuz zu köpfeln (31.). Und nach der Pause, als sich dem Engländer die dritte große Gelegenheit auf einen Ende der WM-Schusspechsträhne bot, fand er in Uruguay-Goalie Muslera seinen Meister (54.).
Die Südamerikaner hatten die Lehren aus der 1:3-Auftakt-Blamage gegen Costa Rica gezogen. Fast das halbe Personal (fünf Neue) wurde ausgetauscht, das routinierte Team (29,8 Jahre Altersschnitt) rund um den wieder genesenen Stürmer Suárez wirkte deutlich agiler und frischer als noch beim ersten Gruppenspiel.
Am Ende war es auch ein Sieg der Effizienz und der Cleverness. Die wenigen Defensivfehler der Engländer nützten die Südamerikaner gnadenlos aus und führten damit auch Wayne Rooney ad absurdum. Der Engländer hatte vor dem Turnier in Brasilien doch tatsächlich noch verkündet: „Vielleicht ist das die beste Nationalmannschaft, in der ich jemals gespielt habe.“

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Uruguay - England 2:1 (1:0).

Sao Paulo, Arena Corinthians, 62.103 Zuschauer (ausverkauft), SR Carballo (ESP)

Torfolge:

1:0 (39.) Suarez
1:1 (75.) Rooney
2:1 (85.) Suarez

Uruguay: Muslera - Caceres, Gimenez, Godin, Alvaro Pereira - Gonzalez (79. Fucile), Arevalo Rios, Cristian Rodriguez - Lodeiro (67. Stuani) - Suarez (88. Coates), Cavani

England: Hart - Johnson, Cahill, Jagielka, Baines - Gerrard, Henderson (88. Lambert) - Sterling (64. Barkley), Rooney, Welbeck (71. Lallana) - Sturridge

Gelbe Karten: Godin bzw. Gerrard

Mit drei Punkten kann man in einer Vierergruppe Zweiter werden – an diesen Strohhalm müssen sich die Engländer nach zwei 1:2-Niederlagen gegen Italien und Uruguay klammern.

Damit den Engländern drei Punkte zum Aufstieg reichen, müssten schon drei Dinge eintreffen:

1. Im Freitag-Spiel der Gruppe D der beiden Sieger der ersten Runde zwischen Italien und Costa Rica in Recife (18 Uhr, live ORFeins, ARD, SRF2) dürfen die Mittelamerikaner nicht punkten, also nur ein Erfolg Italiens hält die Engländer im Kampf um den Einzug ins Achtelfinale.

2. Die Engländer müssen am Dienstag in Belo Horizonte ihr drittes Gruppenspiel gegen Costa Rica gewinnen, dazu aber auch so hoch, dass sie ein besseres Torverhältnis als die Konkurrenz haben.

3. Ein Sieg alleine ist am Dienstag zu wenig, die Engländer müssen erneut den Italienern die Daumen drücken. Denn die müssen im Parallelspiel in Natal nach Costa Rica auch Uruguay besiegen.

Nach einem Start mit zwei Niederlagen hat seit Änderung des WM-Modus 1998 übrigens noch nie ein Team das Achtelfinale erreicht. In diesem Zeitraum schaffte auch nur ein einziges Team mit drei Punkten den Sprung in die nächste Runde. Chile gelang das Kunststück vor 16 Jahren mit drei Unentschieden, Österreich und Kamerun schieden in der Gruppe B mit jeweils zwei Punkten dahinter aus.

Luis Suarez (Matchwinner für Uruguay mit Doppelpack): "Ich habe das geträumt und das genieße ich im Moment sehr. Wir haben so gelitten und jetzt so gewonnen und damit unser Ziel erreicht. Wir müssen diesen Moment genießen, aber auch an Italien denken. Ich kann es nicht fassen, der Druck war so groß, wir wurden so sehr kritisiert in der Heimat, das ist unsere Antwort."

Edinson Cavani (Uruguay-Stürmer): "Dieser Sieg ist eine gewaltige Erleichterung für uns. Wir können jetzt zuversichtlich für das Spiel gegen Italien sein. Das wird ein richtiges Finale für uns."

Roy Hodgson (England-Teamchef): "Das ist natürlich ein ganz schlechtes Ergebnis für uns. Jetzt müssen wir darauf hoffen, dass Italien beide verbleibenden Spiele gewinnt. Wir wollten es natürlich aus eigener Kraft schaffen."