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"Flüchtlingsarbeit ist eine zache Gschicht"

Vor 20 Jahren hatte Willi Resetarits beim „Lichtermeer“, der größten Demonstration der zweiten Republik, eine Vision von anständiger Flüchtlingsbetreuung und Unterbringung. Gemeinsam mit Gleichgesinnten war das „Wiener Integrationshaus“-Projekt geboren. Den Start ermöglichte der erste Wiener Flüchtlingsball im März 1995, der die fehlenden Geldmittel einbrachte. Heute beherbergt das Integrationshaus maximal 110 Personen, 60% der Bewohner stammen aus Ländern der ehemaligen Russischen Föderation, ein Viertel aus afrikanischen Ländern und ein weiteres Viertel aus Ländern des Nahen und Fernen Ostens. Zudem gibt es eine betreute Wohneinrichtung für 20 unbegleitete Jugendliche. Die Bewohner erhalten professionelle psychologische und juristische Begleitung.

Herr Resetarits, Sie beschäftigen sich seit fast 3 Jahrzehnten ehrenamtlich mit Flüchtlingen und Flüchtlingspolitik. Wie beurteilen Sie den passiven Widerstand der Asylwerber in der Wiener Votivkirche? Ist das eine zielführende Aktion?

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Die Verzweiflung der Menschen dort entsteht ja auch, weil ihre Tragödien unsichtbar sind. Es ist also insofern ein probates Mittel, weil man damit das Leid sichtbar macht und weil endlich mal wieder darüber geredet wird. Aber natürlich ist es nicht gewünscht, dass man schreit, dass man sich da wichtig macht, aber es gibt keine andere Wahl. Wir Älteren wissen es von unseren Protestbewegungen, wenn man das erste Mal auftritt und schreit, dann wird das nie gerne gesehen, denn es war ja zuvor so schön still. Dann kommt aber irgendwann ein Punkt, an dem der Inhalt des Protestes zumindest von einem Teil der Bevölkerung als berechtigt angesehen wird. Ich bin halt ein alter Protestler und hab gelernt, dass man zuerst eine Fensterscheibe einhauen muss, damit die Leute sagen: „Halt! Was ist da?“

Kommen wir zu Ihrem Projekt, dem Wiener Integrationshaus. 19 Jahre sind seit der Eröffnung vergangen, sind Sie zufrieden, wie das Haus nun dasteht?

Ich war nach etwas mehr als 15 Jahren so zufrieden mit dem Haus und dem Team, dass ich sagen konnte: mein Traum hat sich erfüllt! Was ich mir einst vorgestellt hatte, das ist Realität geworden. Wohlgemerkt, ich bin nicht zufrieden, wie der Staat mit Flüchtlingen umgeht, auch nicht mit den Asylgesetzen, aber mit unserem Beitrag.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Flüchtlingspolitik in Österreich in den letzten 20 Jahren entwickelt?

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Beginnend mit dem Lichtermeer 1993 hat sich einiges in der Akzeptanz der Österreicher gegenüber Flüchtlingen verändert. Damals haben wir gezeigt, es gibt auch ein Österreich, das nicht alle Flüchtlinge auf den Mond schießen will. Es hat sich tatsächlich Akzeptanz entwickelt, vor allem in Ortsverbänden. In der Stadt herrscht dagegen eher die Meinung der diversen Innenminister vor: „Wir wollen das weg haben!“. Alle politischen Verbeugungen Richtung FPÖ sind leider verblieben, alle Innenminister führen diesen politischen Verbeugungstanz gegenüber den Rechten auf. Nach dem Motto: Die anderen Wählerstimmen haben wir eh, jetzt brauchen wir noch die rechten Stimmen. Und da kommen uns die Flüchtlinge gerade recht, die sind eh fremd, auf denen kann man rumtrampeln.

Ein wenig erinnert Flüchtlingsarbeit an den Griechen Sisyphos, der immer wieder auf`s Neue einen Felsbrocken den Berg hinauf rollen musste. Auch die Flüchtlingsströme versiegen nie.

Es ist schon eine zache Gschicht, ich mache das ja ehrenamtlich schon seit der Ayatollah Khomeini zurück kam. Du wirfst dich quasi ins Rad, wie man sagt, versuchst den Karren aus dem Schlamm zu ziehen, bewegst die Speichen knirschend 3cm nach vorne, dann geht`s wieder 2cm zurück. Aber es gibt einen Punkt, den man dabei nicht vergessen darf: Hilft man nur einem Menschen, oder einer Familie, denen es sonst entsetzlich gegangen wäre, dann muss einem das genügen. In einem Supermarkt kam einmal ein Regalbetreuer zu mir, reichte mir die Hand und bedankte sich. Ich erkannte ihn nicht, aber es war ein ehemaliger Bewohner des Integrationshauses. Er hatte nun eine Wohnung und konnte seine Familie ernähren. Er war zwar für einen Regalbetreuer bei weitem überqualifiziert, aber er war zufrieden. Das Wichtigste für ihn war: Seine Familie kann überleben.

Die letzten Inserat-Sujets der FPÖ zeigen, dass in der Flüchtlings-Debatte die „verbale Kampfzone“ wiedermal erweitert wird, die Rhetorik wird erneut schärfer. Macht das Ihre Arbeit zusehends schwieriger?

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Bei der FPÖ ist man halt irgendwann draufgekommen, dass man mit Hass gut Wählerstimmen lukrieren kann. Das wird eben zynisch bedient, unabhängig davon was sie selber glauben. Die haben ihre Spin-Doktoren und die sagen ihnen, wir müssen wieder so weit gehen, bis es weh tut, bis wer aufschreit. Würden sie ignoriert werden, würden sie die Schraube noch weiter anziehen. Das ist eine simple Technik. Ich hätte dagegen eine Lösung parat, bei den Wahlen einfach nicht die FPÖ wählen. Aber Sie wissen, das ist ein Wunsch ans Christkind (lacht).

Fürchten Sie die FPÖ?

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Man kann nicht ständig vor dem Wolf warnen, denn das nutzt sich irgendwann ab, dann glaubt einem niemand mehr. Vor 20 Jahren, beim Lichtermeer, da war es einmal notwendig ein Zeichen zu setzen, da gab es zuvor wenig Widerspruch gegenüber einer Welle von rechtem Hass. Da war es notwendig, dass sich auch das andere Österreich zeigt. So was kann man aber nicht jedes Jahr inszenieren, sonst bleiben einem die Leute aus. Ich seh das realistisch, was die FPÖ treibt ist durchaus gefährlich, aber ich will denen auch nicht die Freude machen, vor diesen Ungustln zu schlottern.

Sie sind ja ein 68er und in einer Ära des Protestes und Aufbegehrens groß geworden. Ist Ihnen die heutige Jugend zu egozentrisch und passiv?

Jede Generation hat ihre eigenen Problemstellungen. Meine Generation hatte in der Schule eben noch viele alte Nazis als Lehrer, weil sonst das Schulsystem offenbar zusammengebrochen wäre, das können wir den Schülern heute natürlich nicht mehr bieten (grinst). Von den meisten jungen Leuten, die ich heute persönlich kennenlerne, bin ich aber begeistert. Und dass die „heutige Jugend nix wert ist“, das hört man schließlich schon seit Platon.

Nun noch zu ein paar privateren Fragen. Ihre Brüder (Lukas und Peter Resetarits, Anm.) und Sie sind allesamt sehr erfolgreich. Was haben Ihre Eltern richtig gemacht?

Das weiß ich nicht. Wir sind als sehr arme Leute aus dem Südburgenland nach Wien gezogen. Dort waren wir weiter arm, das machte aber nichts, weil alle anderen waren es auch. Die Eltern haben halt drauf gschaut, dass wir eine gute Schulbildung bekommen. Der Vater hat sich ja schließlich auch vom einfachen Arbeiter zum Baumeister weitergebildet. In der Schule hat man auf uns Burgenland-Kroaten ein wenig herab gesehen, speziell die alten Nazi-Lehrer. Da wurde schon des Öfteren gefragt, was wir eigentlich in der Schule wollen, schließlich bräuchte man ja auch Handwerker. Das hat enormen Widerspruchsgeist hervorgerufen.

Ihr Vater war Arbeiter und seine zwei ältesten Söhne, Ihr Bruder Lukas und Sie, wurden Künstler. Gab es da Probleme zuhause?

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Ja, das wurde gar nicht gerne gesehen. Lukas und ich hätten was Gscheit`s studieren sollen, beide haben wir das Studium abgebrochen und die unsichere Künstlerexistenz gewählt. Das war hart für die Eltern. Ich habe als erstes Musik mit den „Schmetterlingen“ gemacht und meine Brüder haben gesehen, wenn der Bruder, der Trottel, das kann, dann kann das ja nicht schwer sein (lacht).

Ihr Vater ist mit 53 sehr jung verstorben. Hat er erste Erfolge von euch noch erlebt?

Ja. Und er hat zumindest Bereitschaft signalisiert, es zu akzeptieren. Es gab ja irgendwann die Zeit, in denen es üblich wurde, sich auch zwischen den Generationen auszusprechen. Wir waren knapp dran, Gesprächsbereitschaft war vorhanden, doch dann ist er gestorben.

Werden Sie heute eigentlich noch als Kurt Ostbahn angesprochen?

Ich werde ab und zu noch als Dr. Ostbahn oder Kurtl angesprochen, aber es hat sich, so wie ich mir das gewünscht habe, auch der Willi sehr gut durchgesetzt. Der ist natürlich nicht so groß und strahlend wie der Kurtl. Manchmal, wenn ich mich durch die Stadt bewege, hör ich schon mal ein „Kompliment, Herr Doktor“, oder ein „Grüß Sie, Herr Professor. Das gefällt mir (grinst hämisch).

Von Sean Connery weiß man, dass er auf sein Alter Ego James Bond nicht immer gut zu sprechen war. Wie stehen Sie zur Kunstfigur Kurt Ostbahn, die Sie berühmt gemacht hat?

Ich liebe den Kurtl, ich möchte fast sagen, ich war der Kurtl. Mein Kurtl hat meistens das gesagt, was der Willi auch gesagt hätte.

Herr Resetarits, vielen Dank für das Gespräch.

Willi Resetarits wurde 1948 im burgenländischen Stinatz geboren. Mit seiner Verkörperung, der von Günter Brödl erdachten Kunstfigur „Kurt Ostbahn“, wurde er zum Kult. Er hat zwei Brüder, Lukas Resetarits („Kottan“) ist Schauspieler und Kabarettist, Peter ist Jurist und für den ORF tätig.

Am 08.02.2013 findet der 19. Flüchtlingsball zu Gunsten des Wiener Integrationshauses statt.

Wiener Rathaus
8. Februar 2013
Einlass: 20:00
Beginn: 21:00

Karten gibt es in allen Bank Austria Filialen und in der Jugendinfo Wien (1010, Babenbergerstr.1/Ecke Burgring ).
VVK: € 45,- (für Clubmitglieder € 43,-; Studenten € 40,-); AK: € 48,-