Sport/Wintersport

Der Weitenjäger aus der Wundertüte

Ein kleines Problem hätte sich dann für Stefan Kraft also schon einmal in Luft aufgelöst. Unabhängig davon, ob er am Dienstag in Bischofshofen (16.30 Uhr, live in ORFeins) die Tournee gewinnt oder nicht, solche Erfahrungen, die er noch im Herbst machen musste, die bleiben dem Pongauer künftig wohl erspart. "Mich haben sie in der Vergangenheit öfters mit Thomas Diethart verwechselt", berichtet der Tourneeleader.

Wobei: Die Ähnlichkeit mit dem Vorjahressieger kann Kraft ja nicht einmal abstreiten. Viele Kapitel der aktuellen Erfolgsstory erinnern unweigerlich an Dietharts Tournee-Triumph vor einem Jahr. Da ist wieder ein Springer, der praktisch aus heiterem Himmel einen Höhenflug gestartet hat; wieder einer, der lange im Schatten gestanden ist; einer, dem kaum jemand zugetraut hätte, dass er die Ruhe, die Nerven und die Souveränität besitzen würde, auch tatsächlich den Gesamtsieg zu holen.

Alleskönner

"Am Ende ist der vorne, der auch im Kopf der Beste ist", hatte Kraft schon in einem seiner allerersten Interviews als Teenager gewusst. Dass der 21-Jährige jetzt so kurz vor dem großen Karriereziel auf seiner Heimschanze in Bischofshofen noch das große Nervenflattern bekommt, damit rechnet ohnehin niemand. "Der zieht das durch", ist auch Springer-Legende Anton Innauer überzeugt.

Aber was zeichnet den 21-Jährigen nun eigentlich aus? Wie konnte der Salzburger bei der Tournee zum Senkrechtstarter werden? Und wo führt die Flugbahn des Pongauers noch hin?

Für die Trainer war es nur eine Frage der Zeit, bis Stefan Kraft einmal den großen Coup landen würde. Zumal der 21-Jährige alles mitbringt, was einen Skispringer zum Überflieger macht: eine hervorragende Sprungkraft, ein feines Fluggefühl, dazu den Mut für gewagte Landemanöver und den Spaß am Fliegen. Für Anton Innauer, der in seinem langen Leben als Flugbegleiter schon viele Siegertypen und Stars gesehen hat, ist dieser Stefan Kraft wieder einmal das Ergebnis der "österreichischen Skisprungkultur", die sich hierzulande über Jahrzehnte entwickelt hat. "Mit den Vereinen, mit dem Skigymnasium in Stams, und mit dem Erfahrungsschatz. Und wenn bei einem das Rüstzeug, das Talent und die Bereitschaft da sind, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis so einer explodiert", erklärt Innauer.

Spaßvogel

Dass aus Stefan Kraft einmal ein Skispringer werden würde, lag fast auf der Hand. Sein Heimatort Schwarzach mit der riesigen Schanzenanlage ist ein traditioneller österreichischer Adlerhorst, fast jeder Bub aus der Gemeinde versucht sich irgendwann einmal als Skispringer. Kraft machte im Alter von zehn Jahren Bekanntschaft mit dem Skispringen, damals noch auf Alpinskiern. "Die Mama war zwar am Anfang nicht begeistert, aber mir hat’s gefallen", erinnert sich Kraft, der in der Tournee-Historie erst der zweite Salzburger Gesamtsieger nach Bubi Bradl (1953) wäre.

Das Tournee-Finale wird für Kraft nun zum großen Heimspiel. Auf der Paul-Außerleitner-Schanze von Bischofshofen, die keine Viertelstunde von Schwarzach entfernt ist, hat der 21-Jährige vor drei Jahren sein Weltcupdebüt gegeben, vor zwei Jahren war er dort erstmals auf das Siegespodest gesprungen (Dritter).

Schon damals hatten alle Experten dem Salzburger eine große Karriere prophezeit. "Man braucht ihm ja nur ins Gesicht schauen und kennt sich sofort aus. Der Krafti hat die Freude eines kleines Kindes, aber trainieren tut er wie ein Großer", sagt der österreichische Co-Trainer Alexander Diess.

Das Lachen ist längst zum Markenzeichen des 21-Jährigen geworden. "Er ist ein richtiger Lauser", weiß Patrick Murnig, der private Coach von Stefan Kraft, und immer und überall ist er für einen Scherz zu haben. "Eine echte Wundertüte. Aber im positiven Sinn."