Sport/Fußball

Nationalteam-Verweigerer: Die wilde Geschichte von Leon Bailey

Star-Allüren. Das ist vermutlich der erste Gedanke, der einem kommt, wenn man von dieser Aktion hört. Leon Bailey, vom deutschen Bundesligisten Bayer Leverkusen, hat seine Teilnahme an den kommenden Länderspielen von Jamaika kurzfristig abgesagt, weil sein Bruder nicht einberufen wurde.

Der Flügelstürmer soll jamaikanischen Medienberichten zufolge eine entsprechende Abmachung mit dem Verband geschlossen haben. Der 21-Jährige wäre bereit für den Inselstaat zu debütieren - aber nur in jenem Falle, dass sich für seinen Adoptivbruder Kyle Butler, der übrigens beim österreichischen Zweitligisten FC Juniors OÖ unter Vertrag steht, ein Plätzchen im Teamkader findet. Butler wurde auch zu einem Sichtungslehrgang eingeladen, spielte vor und erfüllte schlussendlich nicht die Anforderungen des Teamchefs Theodore Whitmore. Daraufhin zog Bailey seine Zusage zurück.

Eine Zeitungsente? Eher nicht, wenn man den Werdegang des großen Aufsteigers der vergangenen Bundesliga-Saison kennt.

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Erste Station: Österreich

Leon Bailey wurde am 9. August 1997 in Kingston, Jamaika, geboren. In Cassava Piece, einem suburbanen Ghetto der jamaikanischen Metropole, wuchs er mit seiner Mutter auf. In der von einem gewissen Craig Butler betriebenen Phoenix All-Star Academy machte er als Achtjähriger seine ersten fußballerischen Schritte. "Chippy" nannte ihn Coach Butler - in Anlehnung an eine Figur aus dem Kinofilm "Alvin und die Chipmunks". Butler schloss den Jungen schnell ins Herz, adoptierte ihn später.  

2011 nahm Butler seinen erst zwölfjährigen Adoptivsohn sowie seinen leiblichen Sohn   nach Europa, um den Traum von einer Profifußballer-Karriere zu verwirklichen - und landete ausgerechnet beim damaligen Regionalligisten USK Anif, der kurze Zeit später zum FC Liefering mutierte. In Jamaika hatte sich Butler zuvor alles verbaut, nach kontroversen Machenschaften wurde er für alle Transfergeschäfte für sechs Jahre gesperrt.

Im U15-Team Anifs stellte "Chippy" sein enormes Potenzial zwar eindrucksvoll zur Schau, abseits des Rasens lief es aber weniger gut. "Wir kamen mit einer Jacke nach Europa, hatten zuvor mit dem Winter nie Erfahrung gemacht. Und es war gerade Februar, also tiefster Winter", erinnerte sich Bailey in einem Interview an die Anfänge in Europa. "Wir hatten nicht so viel Geld, so dass wir oft zum Frühstück, Mittag- und Abendessen nur Thunfisch-Sandwiches aßen, um durch den Tag zu kommen".

Die Legende sagt, dass er in 16 Meisterschaftsspielen für Anif insgesamt 75 Tore erzielte. Das sprach sich in ganz Österreich herum, die Folge war ein Probetraining beim SK Rapid, bei dem der junge Jamaikaner durchfiel. Heute wird man sich in Wien-Hütteldorf über dieses Versäumnis ärgern. 

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Illegal

Der Weg führte die drei weiter nach Belgien, wo Craig Butler Connections zu haben schien. Der KRC Genk war auf Anhieb vom Talent Baileys überzeugt und wollte ihn mit 16 unter Vertrag nehmen, doch der Papa machte dem jungen Kicker einen Strich durch die Rechnung. Er tauchte völlig ab, was seine Söhne zu "unbegleiteten Minderjährigen" machte. Die beiden Jungs hielten sich dementsprechend illegal im Benelux-Staat auf. 

"Das war eine kranke Situation", wurde Genks Technischer Direktor Gunter Jacob damals zitiert. "Um zu verhindern, dass die Jungs auf der Straße herumliefen, haben wir dafür gesorgt, dass sie zur Schule gehen konnten und bei uns ausgebildet wurden."

Nach vier Monaten tauchte Butler wieder auf, mit einem Märchen im Gepäck. Er begründete sein plötzliches Verschwinden mit einer wilden Entführungsgeschichte: In Mexiko soll er überfallen und in der Wüste zurückgelassen worden sei. Als die Behörden dem Fall nachgingen, flüchtete Butler mit seinen Söhnen in die Slowakei. Dort führte der Weg zum AS Trencin, wo Bailey in der U19 kickte. Sobald der pfeilschnelle Stürmer volljährig wurde, holte ihn Genk zurück. 

Aufsteiger

Der 18-Jährige war bei seiner Rückkehr nach Belgien schwer von sich überzeugt. "Die ersten Worte, die er zu mir sagte, waren: 'Ich bin nun nach Genk gekommen und ich will hier lernen, aber in drei Jahren will ich in einer besseren Liga als der belgischen spielen", erzählte der damalige Genk-Coach Peter Maes gegenüber Bleacher Report. "Wow, dachte ich mir. Nicht mal die hochtalentierten Spieler reden so, aber er hatte dieses unglaubliche Selbstvertrauen", sagte Maes. 

Nach zwei und nicht drei von ihm selbst vorhergesagten Jahren bzw. 15 Toren und 21 Torvorlagen in 77 Partien für den belgischen Erstligisten war es an der Zeit, den Sprung in eine bessere Liga zu wagen. Ende Jänner 2017 verkündete Bayer Leverkusen die Verpflichtung des 19-jährigen Jamaikaners. "Dieser Junge stand auch bei vielen anderen europäischen Klubs ganz weit oben auf der Wunschliste", sagte Leverkusens Geschäftsführer Michael Schade. Medienberichten zufolge überwies der deutsche Bundesligist rund zwölf Millionen Euro Ablöse an Genk

Geld, das Leverkusen mit ziemlich großer Sicherheit in ein paar Jahren mehrfach zurückbekommen wird. Denn gleich auf Anhieb erwies sich Bailey als eine echte Verstärkung. Der kicker wählte den Linksaußen zum Aufsteiger der Hinrunde. In der vergangenen Saison kam er in 30 Liga-Partien auf neun Tore und sechs Assists, in der laufenden läuft es für den 21-Jährigen noch nicht nach Maß. In sieben Partien traf er erst einmal. Zu wenig für die Ansprüche eines jungen Mannes, der glaubt, eine Mannschaft selbst aufstellen zu können. 

Übrigens, Baileys ein Jahr jüngerer Bruder Kyle, wurde erst Ende August vom LASK verpflichtet. Der offensive Mittelfeldspieler soll vorerst als Kooperationsspieler bei Zweitligist FC Juniors OÖ spielen. Zuvor stand er beim FC St. Andrews auf Malta unter Vertrag. Eine Empfehlung für das Nationalteam lieferte er noch keine ab.