Sport/Fußball

Liverpool-Trainer Jürgen Klopp und das verflixte siebente Jahr

Nach dem schlechtesten Saisonstart des FC Liverpool seit zehn Jahren hat Trainer Jürgen Klopp die Meisterschaft schon abgeschrieben. „Wir sind nicht im Titelrennen“, stellte der Deutsche nach dem 2:3 bei Arsenal vor einer Woche klar – die Reds liegen immerhin schon 14 Punkte hinter den Gunners.

Das 7:1 in der Champions League in Glasgow bei den Rangers hat die Kritik zwar etwas leiser werden lassen, ruhig ist es vor dem Meisterschaftsschlager gegen Manchester City aber nicht geworden. Didi Hamann hatte gefragt, „von wo der Funke überspringen soll“. Der TV-Experte traut seinem Landsmann Klopp offensichtlich nicht mehr zu, eine Trendwende herbeizuführen. Klopp reagierte dünnhäutig, trotz Hinweis auf seine Liverpool-Vergangenheit habe Hamann „nicht das Recht, zu sagen, was du willst – vor allem, wenn du keine Ahnung hast“.

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Der 55-jährige Klopp ist angezählt. Wie schon bei Mainz und Dortmund ist er im verflixten siebenten Jahr.

Zwei Abschiede

Klopp wiegelte aber ab. „Mir fehlt es nicht an Energie, und die Situation hier ist völlig anders.“ In Mainz sei nach dem Auf- und Abstieg und dem Abgang zahlreicher Spieler ein Neustart notwendig gewesen. „Sie wollten, dass ich bleibe. Ich war voller Energie, bin direkt nach Dortmund gegangen und alles war fein.“ Dort habe er immer wieder Leistungsträger verloren. „Statt ein Team zu entwickeln, gehen wir zwei Schritte zurück. Und jeder fragt dich: Warum seid ihr nicht so gut wie letztes Jahr?“

An Energie habe es ihm 2015 aber nicht gefehlt, versicherte Klopp. „Ich habe nur gesagt, ich mache ein Jahr Urlaub, weil das zu der Zeit in Mode war. Ich glaube, Pep und Thomas Tuchel haben das auch gemacht.“ Es waren nur vier Monate Urlaub, weil er am 8. Oktober 2015 seinen Job in der Premier League antrat, wo er mittlerweile der längstdienende Trainer ist. Sein Vertrag in Liverpool wurde im April vorzeitig bis 2026 verlängert. Überraschend, weil er seinen Abschied für 2024 angekündigt hatte.

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In den ersten acht Ligaspielen feierte Liverpool nur zwei Siege, und heute, Sonntag, kommt Meister Manchester City mit Tormaschine Erling Haaland an die Anfield Road. „Ist das der perfekte Gegner, um sein Selbstvertrauen wiederzuerlangen? Wahrscheinlich nicht“, sagt Klopp.

Wie sehr die Formkrise in der Meisterschaft Jürgen Klopp mitnimmt, zeigte sich auch bei der Pressekonferenz nach der Niederlage gegen Arsenal. „Einer ihrer Kollegen sagte mir, er kenne mich nur als jemanden fröhlichen, der Scherze macht“, erzählte der Trainer. „Ich weiß nicht genau, welchen Jürgen Klopp er kennt. Wir sind weder in der Stimmung für Scherze, noch sind wir fröhlich. Wir sind an einem schwierigen Moment und wollen da gemeinsam durchkommen.“

Neues System?

Klopp will seinem Team die „Unberechenbarkeit“ zurückgeben, die zu den Erfolgen der letzten Jahre geführt hat. „Unsere Gegner haben herausgefunden, wie sie gegen uns spielen müssen. Deshalb brauchen wir verschiedene Systeme.“ Seit er das 4-3-3 bei Liverpool etabliert hat, sind die großen Systemrevolutionen ausgeblieben.

Die aktuelle Krise hat aber vor allem individuelle Ursachen. Viele langjährige Spieler haben die für Klopp-Teams typische Intensität gegenwärtig verloren. Und weil zu viele Einzelne gerade auf sich selbst schauen müssen, leidet das Kollektiv.

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Während Erling Haaland mit 15 Toren in neun Spielen bei Manchester City eingeschlagen hat, hält Darwin Núñez erst bei zwei Toren. Der 23-Jährige aus Uruguay kam im Sommer um 75 Millionen Euro von Benfica Lissabon. Abwehr-Fels Virgil van Dijk hat zu bröckeln begonnen, Nebenmänner wie Gomez, Matip oder Konaté konnten die Lücke nicht schließen. Vor allem aber die Schaltzentrale Mittelfeld funktionierte nicht. Wijnaldum haben die Reds längst abgegeben, Thiago ist nicht konstant. Und weil Kapitän Jordan Henderson anfangs verletzt fehlte, war Oldie James Milner wieder unverzichtbar geworden.

Youngster Harvey Elliott war in dieser Saison bisher zwar einer der Lichtblicke, aber er ist noch lange nicht der Führungsspieler, der für die Balance im Liverpooler Spiel sorgen kann. Vorne geht Mohamed Salah – ohne seinen einst kongenialen Partner Sadio Mané – Frische und Schärfe ab. Wobei: In Glasgow kam der Ägypter erst in der 68. Minute ins Spiel, lieferte danach aber gegen zerfallende Rangers in nur sechs Minuten den schnellsten Hattrick in der Geschichte der Champions League ab.