Politik/Inland

Daham beim Islam: "Meine Freundin darf keinen Minirock tragen"

"Wenn Christen sagen, etwas ist eine Sünde, dann heißt das bei uns haram. Es hört sich bloß ein bisschen gefährlicher an", sagt Albert lachend und macht daraufhin typisch klingende arabische Rachenlaute nach. Damit bringt er auch die anderen vier Jungs im Raum zum Grinsen. Dann deutet Albert auf einen von ihnen. "Ebubekir ist im Gegensatz zu mir streng gläubig. Wenn er einen anderen Moslem darauf hinweisen will, dass etwas haram ist, dann sagt er ihm das."

Hasan, Ebubekir, Batuhan, Ahmed und Albert – fünf muslimische junge Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren, die derzeit an der Berufsschule in der Wiener Mollardgasse ihre Lehre zum Installateur abschließen. Albert hat kosovarische, die anderen haben türkische Wurzeln. 

"Was wäre denn für dich haram, Hasan?"

"Meine Freundin darf keinen Minirock tragen, das würde ich nicht wollen."

Die anderen nicken zustimmend. Ahmed erklärt, im Koran stehe, dass Frauen bis auf Hände, Füße und Gesicht bedeckt sein sollen. "Ganz so streng sehe ich das nicht, aber bis zu den Knien sollte der Rock schon reichen", sagt Batuhan. Ob ihre Frauen ein Kopftuch tragen, sei ihnen allen egal, die Entscheidung liege bei ihr. "Ich würde meine Frau nicht zwingen, ein Kopftuch zu tragen", sagt Ahmed. Einig sind sich die Burschen aber darin, dass sie lieber eine Muslimin als Partnerin wollen. Sowohl der streng gläubige Ebubekir als auch der am wenigsten religiös auftretende Albert. "Das macht den Alltag einfacher", sagt Ebubekir und meint damit seinen Lebensstil: kein Alkohol, kein Fortgehen, kein Schweinefleisch.

Alle Inhalte anzeigen

Meiden, was haram ist

Ebubekir betet jeden Tag, regelmäßige Moschee-Besuche sind Pflicht. Früher hat er im Sommer immer die Koranschule besucht und Suren auswendig gelernt. "Jeden Samstag versammeln wir uns in der Moschee und unterhalten uns über alles Mögliche", sagt Ebubekir. "Wir reden viel über den Islam, unsere Vorfahren und solche Dinge."

Batuhan gibt zu, dass er ab und zu Alkohol trinkt. Zeitlich schaffe er immer nur das Freitagsgebet. "Während der Arbeit dürfen wir ja leider nicht beten." Auch Albert und Hasan trinken manchmal Alkohol. "Und manchmal rauche ich", sagt Hasan. "Zigaretten sind so ein Mittelding, denn eigentlich ist ja alles haram, was deinem Körper schadet. Aber das reden wir uns halt schön", scherzt Hasan und Albert lacht laut auf.

Dass männliche, junge Muslime in der Öffentlichkeit oft dämonisiert werden, juckt die fünf Jungs hier recht wenig. „Ich fühle mich überhaupt nicht betroffen, denn es gibt Christen und auch Muslime, die schlimme Sachen machen. Sie sollen natürlich keine Frau vergewaltigen, aber das ist ihre Schuld, nicht meine“, sagt Ebubekir. Die anderen stimmen zu.

Alle Inhalte anzeigen

Wenn die fünf jungen Männer von ihrem Alltag erzählen, zeigt sich dieser untrennbar mit ihrer Religion verbunden. Bei den einen mehr, bei den anderen etwas weniger. Starker Glaube trifft auf so manche Doppelmoral. Es gibt Widersprüchlichkeiten bei der Identitätssuche. Tradition trifft auf eine neue Jugendkultur. "Haram" hat heute Eingang in die Wiener Jugendsprache gefunden, auch christliche Schüler und Lehrerinnen verwenden im Spaß das Wort. "Prinzipiell habe ich den Eindruck, dass die Religiosität unter muslimischen Jugendlichen zunimmt. Hinzu kommt, dass sie ohnehin bereits höher ist als beim Durchschnitt der Jugendlichen“, sagt der Historiker und Islam-Experte Heiko Heinisch.

Im Jahr 2016 wurden im Rahmen einer Studie junge Menschen befragt, die in den Wiener Jugendzentren betreut werden. Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen hatten muslimischen Hintergrund – die mit Abstand größte Religionsgruppe. Die Studie besagt, auch die zunehmende Islamfeindlichkeit in westlichen Ländern sei eine Erklärung für die steigende Religiosität von jungen Muslimen. Diese provoziere mitunter starke Reaktionen, schreiben die Studienautoren Kenan Güngör und Caroline Nik Nafs.

Das Stigma, muslimisch zu sein, werde in eine positive Eigenschaft der Gruppe umgedeutet: Die Muslime sind dann nicht mehr Opfer, sondern Angehörige einer überlegenen Religion. Auch Musiktexte, vor allem der Rapkultur, illustrieren das. All das münde schließlich in einer Neuerfindung des Islam unter den Jungen. "Es ist jetzt cool, streng religiös zu sein", sagt zum Beispiel der 19-Jährige Eren, der in der Studie zitiert wird.

Familien- und Frauenbild im Fokus

"Selbst Muslime, die religiös-liberal sind und zum Beispiel Alkohol trinken, haben oft eine konservative Auffassung von Ehe, Familie und Geschlechterrollen", sagt Islam-Forscher Heinisch. Laut der Jugendzentren-Studie findet die Hälfte der muslimischen Jugendlichen, dass muslimische Frauen ein Kopftuch tragen sollten. 28 Prozent hingegen lehnen es ab, 20 Prozent sind unsicher. Hier zeigt sich ein starker Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Muslimen: 52 Prozent der Mädchen sind dagegen, dass muslimische Frauen ein Kopftuch tragen sollen.

Es gibt viele Debatten darüber, wie junge Muslime in Österreich ticken. Studien und Gespräche zeigen, dass Religion jedenfalls ernster genommen wird und aus dem Glauben mehr Verbote, Gebote, soziale Rituale und Regeln für den Alltag abgeleitet werden. Nicht zufällig sind die Geschlechter- und Familienbilder im Brennpunkt der Diskussion: Es geht um die Rechte und Freiheit von Musliminnen.

Die Politikwissenschaftlerin Nina Scholz hat sich intensiv mit traditionellen Ehrvorstellungen und deren Auswirkungen auf junge Muslime beschäftigt. Im Zentrum des konservativen Islam stünden der Körper und die Sexualität von Mädchen und Frauen. Man sehe hier oft eine anti-emanzipatorische, zutiefst sexual- und körperfeindliche Erziehung, die auf Geschlechtertrennung ausgelegt sei. Die frühe Sexualisierung von Mädchen habe schwerwiegende psychische und gesellschaftliche Folgen.

"In Europa waren Jugendrebellionen meist gegen autoritäre Strukturen gerichtet, das trifft auf diese nicht zu, im Gegenteil. Sie ist autoritär, wir sehen etwa muslimische Burschen, die der Mutter sagen, sie sei nicht religiös genug, weil sie kein Kopftuch trägt", erzählt Heinisch. Zu bedenken sei allerdings immer, dass die Gesellschaft nur die auffälligen Muslime wahrnimmt. Denn die weniger Konservativen fielen gar nicht als Muslime auf. In zahlenmäßigen Gruppen könne man die muslimische Community nicht fassen, sagt Heinisch.

Alle Inhalte anzeigen

Im Floridsdorfer Wasserpark treffen wir Yousef, einen 18-jährigen Gymnasiasten. Er trägt eine schwarze Brille, eine Umhängetasche, weiße Turnschuhe und Designer-Jeans mit vielen Rissen. Der Gymnasiast drückt sich gewählt aus, er wirkt schick und smart. Zugleich sagt er: "Alle Entscheidungen, die ich in meinem Leben treffe, versuche ich, mit meinem Glauben zu vereinbaren."

Derzeit hat Yousef keine Freundin. Wie seine zukünftige Frau sein sollte? "Wenn sie denselben Glauben hat, würde es mir das um einiges leichter machen." Es müsse aber nicht sein. Er hat einen ägyptischen Vater und eine österreichische Mutter, beide Muslime. Mit dem Kleidungsstil vieler Mädchen und Frauen in Österreich kann er als gläubiger Muslim nicht viel anfangen. "Ich finde schon, dass man sich nicht so offen kleiden sollte." Er meint damit Dekolletés und offene Jeans. Auf Nachfrage sagt er, seine eigene Hose sei zwar auch zerrissen, aber da sei noch Stoff drunter. "Ein Gläubiger darf keinen Frauen hinterherschauen", erklärt er. Die Kleidung mancher Mädchen macht es ihm schwerer, seine Ansprüche an sich selbst zu erfüllen. So sieht er es wohl.

Yousef betont, er habe viele nicht-muslimische Freunde. "24 Stunden am Tag zuhause sitzen ist nicht islamisch", sagt Yousef. Als Muslim sei man schließlich dazu aufgerufen, zum Beten in die Moschee zu gehen – auch um auf dem Weg dorthin, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Im Gegensatz zu den etwa gleichaltrigen Muslimen aus der Berufsschule sagt Yousef, die hedonistischen Verführungen eines jungen Lebens in Wien ließen ihn gleichgültig. Abends fortgehen, mit Alkohol und lauter Musik, sei nichts für ihn. Er mache viel Sport, gehe regelmäßig ins Fitnesscenter. Sein kräftiger Oberkörper spannt seine taillierte, schwarze Jacke.

Häufiger Widerstand gegen gleiche Frauenrechte

Eine Studie der Pädagogischen Hochschule Wien über Berufsschüler zeigt: Während muslimische und nicht-muslimische Jugendliche in vielen Bereichen ähnlich denken, gab es bei der Frage nach der beruflichen Gleichstellung von Mann und Frau Unterschiede. 74 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund finden das Voranschreiten der Gleichstellung gut, in der Gruppe aus muslimischen Familien war es nur eine relativ knappe Mehrheit von 55 Prozent. Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, liegt aber dem KURIER vor. Berufsschüler ohne Migrationshintergrund, mit muslimischem Hintergrund und mit serbischen oder kroatischen Wurzeln wurden dafür befragt.

"Bei der Frage, ob Frauen Führungspositionen übernehmen sollten, hat der Migrationshintergrund eine Rolle gespielt, allerdings der Migrationshintergrund aus islamisch geprägten Ländern genauso wie der serbische oder der kroatische", gibt Studienautor Georg Lauß zu bedenken. Die Ergebnisse würden zeigen, dass es falsch ist, diese Einstellungen auf den religiösen Hintergrund zu reduzieren.

Yousef sagt, er selbst wolle später studieren. Politikwissenschaft, vielleicht auch etwas Technisches oder Medizin. Bildung und Islam versteht er keineswegs als Widerspruch, vielmehr leitet er seine Strebsamkeit aus dem Glauben ab. Es gebe einen weisen Satz dazu, der ihm gerade nicht einfällt. Yousef holt sein Smartphone hervor und und wird schnell fündig. "Die Tinte der Gelehrten ist besser als das Blut der Märtyrer", liest er vor. Später wird er auch den Koran in arabischer Originalfassung aus seiner Schultasche holen.

Islam bringt Aufmerksamkeit

Bei Frauen, die kein Kopftuch tragen, "mische ich mich nicht ein", beteuert Yousef. Islam-Forscher Heinisch glaubt allerdings, dass sich an einigen Schulen in Wien "ein islamisch-religiöses Klima ausbreitet". Es gebe Berichte von Lehrkräften, dass sogar muslimische Mädchen einander wegen des Kopftuchs mobben und unter Druck setzen. Heinisch berichtet weiter von Lehrerinnen, die sich aufgrund muslimischer Schüler verdeckter anziehen, da sie den Unmut spürten und nicht provozieren wollten. "Ich glaube nicht, dass Integration etwas ist, das man laufen lassen kann. Das haben wir 50 Jahre gemacht, und das Resultat sind sich entwickelnde Parallelgesellschaften rund um Moscheevereine", sagt Heinisch auch in Hinblick auf die Kriegsspiele mit Kindern in der Moschee in der Wiener Dammstraße. Da müsse man jetzt hin- und nicht wegschauen.

Studienautor Lauß interpretiert die Bedeutung der Kleidung unter Muslimen anders: "Sich als religiös zu bezeichnen ist eine erfolgsversprechende Strategie von Pubertierenden im Kampf um Aufmerksamkeit. Die Zugehörigkeit über eine bestimmte Bekleidung ist zwar nicht unproblematisch. Dies als Bedrohung für das Staatsganze zu sehen, ist eine Aufmerksamkeit, die diesen Ansichten gar nicht zusteht."

Alle Inhalte anzeigen

In der Berufsschule in der Mollardgasse wird die Stimmung während des Gesprächs lockerer. Die Burschen tauen auf, beginnen etwas mehr von ihrer Religion und ihrem Privatleben zu erzählen. Ahmed sagt, er hätte nichts dagegen, wenn seine zukünftige Frau arbeiten geht. "Ich würde nur nicht haben wollen, dass sie wo arbeitet, wo es nur Männer gibt", wirft er nach. Albert betont, dass es ihn überhaupt nicht stören würde, wenn seine Frau arbeiten geht. "Das wäre gar kein Problem, ganz im Gegenteil. Ist doch gut, wenn sie Geld nach Hause bringt. Je mehr desto besser."