Politik/Ausland

Kaukasische Schlinge um Sotschi

Auf insgesamt 33 Todesopfer und 68 Verletzte hat sich die Schreckensbilanz von Wolgograd bis Dienstag summiert. Dem Anschlag auf den Bahnhof der südrussischen Stadt (ehemals Stalingrad) war Montagfrüh ein weiterer gefolgt: Ein Bus ging in die Luft. Er war nach Zündung von ca. vier Kilogramm Sprengstoff nicht mehr als solcher erkennbar.

Die Attentäter, sagt ein Veteran der auf Terrorbekämpfung spezialisierten Sondereinheit Alfa dem KURIER, hätten den perfekten Zeitpunkt gewählt: Die Menschen seien mit Festvorbereitungen befasst, Neujahr ist noch immer der wichtigste Feiertag in Russland, die Nation macht zehn Tage Ferien. Auch die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte, so der Alfa-Veteran, lasse nach. Dazu käme, dass Kreml und Geheimdienste offenbar der eigenen Propaganda erlagen, wonach der Terror in Russland besiegt sei. Immerhin zeigen Statistiken der letzten Jahren eine steil abfallende Tendenz.

Die Trendwende kommt zur Unzeit: Anfang Februar beginnen in Sotschi die Olympischen Winterspiele. Zwar befand der Chef des Nationalen Olympischen Komitees, Alexander Schukow, die Sicherheitsmaßnahmen, die zum 7. Januar in Kraft treten, für ausreichend. Aber ob Präsident Putin das so akzeptiert, bleibt abzuwarten. Zwar sind es von Sotschi rund 700 km nach Wolgograd. Doch dessen Umland grenzt im Süden an die Region Stawropol, die zum Vorland des Kaukasus gehört. Und dort, in Pjatigorsk, 270 km nordöstlich von Sotschi, tötete eine Autobombe erst am Freitag drei Menschen.

Kleinen Anschlägen – das war im postkommunistischen Russland stets so – folgen meist große. Solche wie in Wolgograd. Putin sandte daher auch Inlandsgeheimdienstchef Alexander Bortnikow an die „Front“. Er soll die Ermittlungen vorantreiben. Denn bisher herrscht zu Tätern wie Motiv Unklarheit.

Bei dem Anschlag auf den Bahnhof am Sonntag war zunächst von einer „Schwarzen Witwe“ aus dem Nordkaukasus die Rede. Doch schon kurz danach war alles anders. Unter dringendem Tatverdacht steht nun „ein junger Mann mit slawischem Aussehen, der eventuell auf den Vornamen Pawel“ höre, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft Radio Echo Moskwy sagte. Ein abgerissener beringter Männerfinger sei „womöglich“ ihm zuzurechnen.

Terrorangst in Wolgograd

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Hilflose Großmacht

Eventuell, womöglich – hilfloser kann die Antwort einer Großmacht kaum ausfallen. Gouverneur Sergei Baschenew, dem neben ehrlicher Sorge um die Opfer und deren Angehörige auch Angst um den eigenen Kopf anzuhören war, fielen dazu vor allem Appelle an die Bürger zu mehr Wachsamkeit und Verstärkung der regulären Polizei durch paramilitärische Formationen der Kosaken ein. Hilfssheriffs mit derben Fäusten gegen Fanatiker mit Feuerwaffen und Dynamit. Darunter häufig solche, die bei der Ermittlungsbehörde als „Personen mit slawischem Aussehen“ geführt werden. Gemeint sind zum Islam konvertierte Russen.

Für die islamischen Extremisten im Nordkaukasus ist die Pause im Kampf mit den Kafir – den Ungläubigen –, zu der sie die Verluste während der Tschetschenien-Kriege zwangen, jetzt offenbar beendet. Kinder, die 1994, als die Kriege begannen, geboren wurden, sind inzwischen erwachsen. Und könnten Putin nach den Spielen in Sotschi einen neuen Waffengang aufzwingen.

Russlands Führung ist zuletzt über ihren eigenen Schatten gesprungen; hat in salbungsvollen Gesten Menschen begnadigt, um die Olympischen Spiele doch noch mit Glanz und Gloria feiern zu können.

Ob Realitätsverweigerung oder nicht vorhandenes Problembewusstsein: Jetzt fliegen den Kontrollfreaks im Kreml handfeste Probleme um die Ohren. Die Anschläge in Wolgograd sind sichtbares Zeichen dafür. Sie relativieren das Bild, das sich Moskau für den Kaukasus zurechtgelegt hat: das einer Region, die nach Aufstieg und scheinbarer Aussöhnung im Rahmen der Russischen Föderation strebt. Der Krieg im Kaukasus ist vorbei, das stimmt wohl. Aber befriedet ist er nicht. Wo Armut auf Repressionen trifft, ist Extremismus eine logische, wenn auch unentschuldbare Folge. Diesen Umstand können auch wortreich ausformulierte Visionen nicht überdecken. Und auch keine Spiele in einem potemkinschen olympischen Dorf, dessen Glanz die handfesten Probleme Russlands nicht überstrahlen kann.

Der Rauch des ersten Anschlags von Wolgograd hatte sich kaum verzogen, schon hatten die russischen Medien ein Bild der Attentäterin parat: Eine junge „schwarze Witwe“ würde hinter dem Attentat auf den Bahnhof stecken, bei dem 17 Menschen ihr Leben ließen. Ebenso schnell war klar, woher der Terror kam: Aus dem Nordkaukasus, aus jenen Regionen Südrusslands, die seit Jahren um ihre Loslösung vom Riesenreich kämpfen – mit blutigen Mitteln.

Dass die Verdächtige schlussendlich nicht die Attentäterin war, ist im Endeffekt egal. Denn sie steht sinnbildlich für die Gefahr, die die Russen im Kaukasus sehen. Schwarze Witwen, die übriggebliebenen Ehefrauen islamistischer Kämpfer, sollen den Krieg bis ins Herz des ehemaligen Zarenreichs tragen. Unverdächtige Frauen mit schwarzen Kopftüchern: So entspricht es der Vorstellung der Russen; und so entspricht es in gewisser Weise auch dem Diktum von Doku Umarow.

Mythos Kaukasus

Der gebürtige Tschetschene hat sich in den vergangenen Jahren zum Führer der islamistischen Separatisten in Südrussland aufgeschwungen. Er bedient den Jahrhunderte alten Wunsch nach Loslösung vom Riesenreich mit islamistischen Ideen: War es während der beiden Tschetschenienkriege Schamil Bassajew, der die Idee vom eigenen Staat im Kaukasus mit blutigen Mitteln durchsetzen wollte, ist es spätestens seit dessen Tod 2006 der bärtige Umarow.

Wie alt der Pate ist, darüber herrscht Rätselraten – auch seine genaue Sozialisation ist mehr Legende als verbrieft. 1964 soll er in Tschetschenien zur Welt gekommen sein, soll in Moskau studiert haben, als 1994 der erste Tschetschenienkrieg ausbrach. Bald darauf fand er sich bereits im Führungsgremium der „Tschetschenischen Republik Itschkeria“ wieder, einem Separatistengebilde, das von der UNO nie anerkannt wurde. Ebenso wie das „Kaukasische Emirat“, das Umarow höchstselbst 2007 ausrief: Er erklärte sich zum Emir eines von Russland unabhängigen islamischen Gottesstaates, der beinahe alle kaukasische Teilrepubliken umfasst.

Todesbringer

Dafür, dass dieser nicht nur in den Köpfen seiner Gefolgsleute existiert, sollen seine „Smertnicy“ sorgen: Selbstmordattentäter, die den Krieg vom Kaukasus weg ins Herzen Russlands tragen sollen. Umarow selbst ist dafür nichts zu blutig: Nach dem fatalen Geiseldrama in einer Schule in Beslan, bei dem 360 Menschen – darunter viele Kinder – starben, wurde er von Überlebenden als einer der Angreifer identifiziert. Die Anschläge auf die Moskauer Metro mit 40 Toten und auf den Schnellzug zwischen der Hauptstadt und St. Petersburg mit 26 Opfern gehen ebenso auf sein Konto wie der Selbstmordanschlag auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo im Jahr 2011 (siehe Chronologie unten).

Auch die letzte Anschlagsserie in der Wolgaregion trägt seine Handschrift. Nicht zuletzt deshalb, weil Umarow im Sommer per Videobotschaft dazu aufgerufen hat, die Olympischen Spiele in Sotschi mit Anschlägen übersäen zu wollen. „Blut und Tränen“ hat der Tschetschene den Russen versprochen. „Der Krieg wird in ihre Straßen kommen, der Krieg wird in ihre Häuser kommen.“

Kriegstreiberei

Ergebnis dieser Rhetorik ist nicht zuletzt eine wachsende Feindseligkeit der Russen gegenüber Kaukasiern, die aus ihrer Heimat Richtung Norden fliehen, um dem Krieg zu entgehen. Die Ausgewanderten sind deshalb - vor allem in Moskau - mit rassistischer Gewalt konfrontiert, werden verpügelt, gejagt und vor allem von der russischen Polizei traktiert. Sein Terrorregime bedient auch Feindbilder jedweder Art: Ramsan Kadyrow, Putins Statthalter in Tschetschenien, glaubt sogar, dass „Umarow von unseren Feinden aus dem Westen und Europa instrumentalisiert“ werde.

Putin selbst sieht in Umarow jedenfalls den Staatsfeind Nummer eins. Auch die UNO und die USA fahnden auf Betreiben des Kremlchefs nach dem bärtigen Paten, der in Videobotschaften fast immer mit schwarzer Kappe zu sehen ist. Was Putin ihm entgegensetzt - die Sicherheitsvorkehrungen für Sotschi ließ er sich einige Milliarden Euro kosten - gibt dessen eigenen Streben nach Allmacht in Russland aber auch Auftrieb: Der Kremlherrscher kann sich so zum starken Mann stilisieren - mit Aussagen wie „wir werden die Terroristen überallhin verfolgen. Wir werden sie auf dem Klo kaltmachen.“

Russland im Bann des Terrors

Österreichs größtes Aufgebot der Olympiageschichte (120 bis 130 Athleten, fast 200 Betreuer) wird während der Winterspiele in Sotschi (7. bis 23. Februar) aktiv sein. Das Österreichische Olympische Komitee (ÖOC) bedauert die Opfer von Wolgograd. Die bisher versprochenen und durchgeführten Sicherheitsmaßnahmen könne man nicht beeinflussen. Generalsekretär Peter Mennel: „Wir vertrauen auf den Veranstalter. Derzeit gehen wir davon aus, dass wir beruhigt nach Sotschi reisen können. Diese Einschätzung teilt auch das IOC.“

Es werde keine zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen geben, sagt Alexander Schukow vom Organisationskomitee in Sotschi. Alles Notwendige sei bereits getan worden. Erstmals in der Olympia-Geschichte werden alle Zuschauer registriert, erhalten einen Spezial-Ausweis. Russland gibt für die Spiele 37,7 Milliarden Euro aus, davon zwei Milliarden für die Sicherheit. Bis zu 60.000 Sicherheitskräfte werden im Einsatz sein.

Was geht in den Köpfen der Teilnehmer vor?

Hans Pum, Direktor des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), meint dazu: „Die Meldungen sind beängstigend. Aber der Sport darf sich nicht einschüchtern lassen. Weder von der einen noch von der anderen Richtung. Ich bin von der Sicherheit überzeugt und extrem strenge Kontrollen sind wir seit Salt Lake City 2002 gewohnt.“ Doch der ÖSV werde keinen Sportler zwingen, nach Sotschi zu reisen.

Keine Panik

„Diese Sachen, die dort passiert sind, machen nachdenklich“, erklärt Thomas Morgenstern, Skisprung-Olympiasieger 2006. Trotzdem hält der Kärntner nichts von übertriebener Panikmache. „Wenn wir dann dort sind, wird das der sicherste Ort der Welt sein“, meint Morgenstern, der sich noch gut an die Generalprobe vor einem Jahr erinnert. „Damals waren Scharfschützen rund um die Schanze aufgestellt.“

Auch Rodel-Olympiasieger Wolfgang Linger denkt ähnlich: „Sehr tragisch, aber man darf sich jetzt nicht verrückt machen lassen. Denn dann hätte man nach dem 11. September in keinen Flieger mehr einsteigen dürfen.“

ÖSV-Damen-Trainer Jürgen Kriechbaum gibt zu, froh zu sein, dass das Ski-Team in den Bergen im alpinen Dorf und nicht direkt in Sotschi stationiert sei. „Da fühlt man sich psychologisch ein wenig sicherer.“