Politik/Ausland

Ankara sieht Kurden-Frühling mit Argwohn

Im Windschatten der bewaffneten Auseinandersetzungen haben sich die Kurden in Syrien ihr kleines „Reich“ aufgebaut – bis dato gehören sie zu den Kriegsgewinnlern. „Wir haben unsere eigene Selbstverwaltung aufgebaut – mit Volksräten, die sich um die Belange der Bevölkerung kümmern, etwa Gesundheitsfragen oder die Versorgung mit Gas. Wir haben eigene Sicherheitskräfte und unsere Checkpoints“, sagt Hassan Mohamed Ali, der sich derzeit in Wien aufhält, im KURIER-Gespräch.Er ist der Auslandsbeauftragte der „Democratic Union Party“ (PYD). Die militante Gruppierung ist ein Ableger der PKK, auch wenn dies PYD-Vertreter dementieren.

Möglich wurde der „Kurdische Frühling“, nachdem sich die syrischen Truppen im Sommer aus dem Hauptsiedlungsgebiet der Kurden im Norden des Landes zurückgezogen hatten. Machthaber Assad benötigte die Armee im Kampf um Damaskus und Aleppo. Doch zuletzt drohte neues Ungemach. „1500 salafistische und El-Kaida-nahe Kämpfer sind über die Türkei eingedrungen“, berichtet Ali. Es kam zu heftigen Gefechten mit zahlreichen Toten. Bei den erbeuteten Waffen der Gegner seien türkische Seriennummern entdeckt worden, deutet Ali eine Verwicklung Ankaras an.

Und liefert die Begründung: „Die Türkei befürchtet Auswirkungen auf ihre eigene kurdische Bevölkerung, wenn es mit Westkurdistan (Nord-Syrien) und Südkurdistan (Nord-Irak) nun zwei selbstverwaltete kurdische Einheiten vor der Haustüre gibt.“ Deswegen hält der PYD-Mann eine türkische Militärintervention – auch mit Bodentruppen – für durchaus denkbar: „Die geplante Stationierung von Patriot-Abwehrraketen an der Grenze ist der erste Schritt.“ In diesem Fall würde die kurdische Bevölkerung „massiven Widerstand leisten, wir gehen nicht von einem Unterdrückungsregime ins nächste“.

„Groß-Kurdistan“

Ein „Großkurdistan“, das die syrischen, irakischen, türkischen und iranischen Kurden vereinen würde, sei aber nicht das Ziel. „Die Realität in der Region lässt das nicht zu. Aus diesem Grund streben wir auch keine Abspaltung von Syrien an, sondern eine Dezentralisierung mit größtmöglicher Selbstverwaltung. Das sollte in den anderen drei Ländern ebenso erfolgen, womit die Grenzen letztlich ihre Bedeutung verlieren.“

Mit Assad sei das freilich nicht machbar. „Er ist ein Diktator und muss gehen.“ Doch auch der soeben gegründete Oppositionsblock ist den Kurden nicht grün. Dort sei kein einziger Vertreter einer kurdischen Partei oder Gruppierung. Also kochen sie weiter ihr eigenes Süppchen, das für die Kurden bekömmlich ist, der Türkei aber gar nicht schmeckt.