Meinung/Kolumnen/Stadtspaziergang

Man trägt jetzt Toleranz

In Wien trägt man jetzt Toleranz. Das fällt bei jedem Spaziergang auf, bei jedem Stopp an einer Ampel.

Mag. Leila Al-Serori
über Song-Contest-Toleranz

Vor Kurzem hat mich ein Mann in der Straßenbahn angerempelt. Und mit einem vernichtenden Blick angesehen. "Net im Weg stehen!" Für einen kurzen Moment war ich verärgert. Dann aber hat sich Erleichterung breitgemacht.

Mein Wien ist also doch noch mein Wien. Das der unfreundlichen Grantler. Das der engstirnigen Bewohner. Zuletzt konnte man sich da ja nicht mehr so sicher sein.

Schließlich haben wir gleichgeschlechtliche Ampelpärchen, die es sogar in die Washington Post schaffen. Wir "bauen Brücken" und sind stolz auf sprachliche Vielfalt. Verehren Conchita Wurst und David Alaba. Kurzum: In Wien trägt man jetzt Toleranz. Das fällt bei jedem Spaziergang auf, bei jeder Werbekampagne, bei jedem Stopp an einer Kreuzung. Ein Toleranz-Event löst das andere ab. Wir haben einen Life Ball, einen Diversity Ball, einen Song Contest.

In der Vergangenheit galt man hierzulande ja eher als provinziell und kleinkariert. Dabei ist die Geschichte der Stadt eigentlich die einer multikulturellen Metropole. Bis zum Ersten Weltkrieg war sie Hauptstadt eines riesigen Reiches, mit intellektueller Vorreiterrolle. Wien war sogar die viertgrößte Stadt der Welt, 2,1 Mio. Menschen wohnten hier. Dann kam der kriegsbedingte Verfall, das Nazi-Regime, die Nachkriegszeit.

Doch nun erlebt die Stadt wieder einen Boom. Sie wächst – und das schneller als gedacht. Die Grätzel blühen auf. Die Austragung des Song Contests ist die Krönung, der lang ersehnte Regenbogen.

Aber so ganz traue ich dem Frieden nicht. Denn auch wenn Toleranz jetzt in Mode ist, von der Oberfläche ins Grantler-Herz ist es ein weiter Weg. Und wer die derzeitige Debatte zu Gleichstellung und Flüchtlingen verfolgt, glaubt sowieso nur an eine vorübergehende Erscheinung.

Wenn Sie also zu einem Song-Contest-Event mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren: Stehen Sie nicht im Weg. Denn auch wenn die Lautsprecherdurchsagen derzeit in Französisch sind: Wir sind ja immer noch in Wien