Kultur

Anna Netrebko: "Ich höre immer auf meine Stimme"

Sie müsste gar nicht singen und wäre doch einer der absoluten Stars der Salzburger Festspiele 2013: Anna Netrebko. Kaum eine Opernpremiere an der Salzach, bei der die russische Sopranistin mit österreichischer Staatsbürgerschaft nicht Mittelpunkt ist – sei es auch nur als interessierte Zuhörerin. Wenn sie auch noch singt, ist ohnehin allgemeine Verzückung angesagt. Das war bei drei konzertanten Aufführungen von Verdis „Giovanna d’Arco“ so, nach denen Netrebko neben Opernlegende Plácido Domingo bejubelt wurde. Und das dürfte wohl auch am Sonntag bei Brittens „War Requiem“ so sein. Im KURIER-Interview spricht die Diva ohne Allüren über berufliches und privates Glück sowie neue Herausforderungen.

KURIER: Sie haben mit Verdis „Giovanna d’ Arco“ konzertant einen unglaublichen Erfolg gefeiert. Warum wurde die Oper nicht auch szenisch umgesetzt?

Anna Netrebko: „Giovanna d’ Arco“ ist musikalisch großartig, und die Partie liegt meiner Stimme sehr. Aber die Geschichte – naja. Da hört eine Frau plötzlich irgendwelche Stimmen, zieht in den Krieg und wird zur Märtyrerin, ja Heiligen. Das ist doch totaler Quatsch! Man muss wirklich nicht alles inszenieren.

Ihre neue CD trägt den Titel „Verdi“. Sie sind als Giovanna, als Elisabetta in „Don Carlo“, als Lady Macbeth, als „Troubadour“-Leonora und als Elena in der „Sizilianischen Vesper“ zu hören. Der Vorgeschmack auf einen Fachwechsel?
Vor allem soll dieses Album eine Hommage an einen der größten Komponisten aller Zeiten sein, passend zu Verdis 200. Geburtstag. Aber es ist wahr: Meine Stimme hat sich in letzter Zeit extrem verändert. Sie ist dunkler, voller, dramatischer geworden – das kommt mir bei Verdi entgegen. Ich will mir dieses Fach erobern. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt dafür. Deshalb werde ich 2014 in München auch mein Debüt als Lady Macbeth geben. Das ist dann aber szenisch, denn da kann ich mich ausleben, mit dieser Rolle kann ich mich identifizieren.

Anna Netrebko: Glamour-Star der Opernwelt

Alle Inhalte anzeigen

Sie können sich mit der Lady Macbeth identifizieren?
Aber sicher! Das ist eine sehr starke Frau, die weiß, was sie will. Dass sie für ihre Ziele über Leichen geht, ist nicht okay. Aber sie trägt die Konsequenzen – bis in den Wahnsinn. Ich mag auf der Opernbühne wie im realen Leben spannende Charaktere. So wie die Leonora im „Troubadour“, die ich ja auch erstmals singen werde. Andere Verdi-Partien interessieren mich dafür gar nicht, selbst wenn ich sie singen könnte.

Alle Inhalte anzeigen
Welche zum Beispiel?
Eine Desdemona etwa in „Otello“ möchte ich defintiv nicht spielen. Was ist das denn bitte für eine dumme Frau? Wenn ich so einen eifersüchtigen Macho wie Otello an meiner Seite habe, dann trenne ich mich von dem doch sofort. Und das war’s dann. Ich als Desdemona überlebe, und er soll machen, was er will. Das ändert natürlich nichts daran, dass sowohl das Shakespeare-Drama als auch das Boito-Libretto und Verdis Musik fantastisch sind. Aber das ist nicht der Typ von Frau, den ich auf der Bühne repräsentieren will. Gleiches gilt übrigens für die Lady Macbeth von Mzensk von Schostakowitsch. Ich wäre nie so blöd, für einen Mann ins Wasser zu gehen!

2016 sind Sie als Elsa in einer Neuproduktion von Wagners „Lohengrin“ mit Dirigent Christian Thielemann angesetzt ...
Oh ja, das wird ein Abenteuer. Diese Frau fragt zwar ein bisschen viel, sonst aber mag ich sie. Nein, im Ernst: Ich habe bereits angefangen, mich mit dem „Lohengrin“ zu beschäftigen. Nur leicht ist das echt nicht. Diese Wagner-Sprache muss man erst lernen und sich dann noch merken. Wagner macht es den Sängern nicht einfach. Aber die Elsa kommt zur richtigen Zeit. Wie auch Puccinis „Manon Lescaut“. Dafür habe ich ein paar Belcanto- und ein paar Mozart-Partien aufgegeben. Auch die Gräfin in der „Nozze“ werde ich nicht in mein Repertoire aufnehmen, das geht sich stimmlich nicht aus. Und ich höre immer auf meine Stimme.

In Salzburg überraschen Sie das Publikum dafür mit Benjamin Brittens „War Requiem“ ...
Ja, ein hinreißendes, berührendes Werk. Ich darf es mit Antonio Pappano, dem Orchestra di Santa Cecilia und Kollegen wie Thomas Hampson oder Ian Bostridge machen. Immerhin feiern wir 2013 nicht nur Verdi und Wagner, sondern auch den 100. Geburtstag Brittens. Da ist so eine Aufführung wichtig. Außerdem liebe ich Britten. Diese Musik kann etwas, ist seriös und geht unter die Haut. In dieses Fach würde ich gern noch viel mehr hineinschnuppern, aber ich mache beruflich ohnehin schon so viele verrückte Dinge.

Welche denn zum Beispiel?
Daniel Barenboim hat mich zu einem ganz wilden Projekt überredet. Ich werde die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss auf CD aufnehmen. Ein irres Unterfangen. Ich und Strauss! Aber Daniel hat gesagt: „Anna, das ist genau das Richtige für dich, du kannst das.“ Wenn Daniel etwas will und er mir ein Projekt vorschlägt, kann ich nur zusagen. Ich vertraue ihm absolut. Aber das ist eine harte Arbeit. Da geht es weniger um die Sprache selbst, als vielmehr um das Idiom, um die Betonung einzelner Wörter, Silben. Ich studiere Strauss intensiv und hoffe, dass ich ihm letztlich auch gerecht werden kann.

Vielleicht eines Tages sogar auf der Opernbühne?
Warum nicht? Doch dafür muss ich mir ganz sicher sein, dass es sich um die richtige Rolle in der richtigen Konstellation und zum absolut richtigen Zeitpunkt handelt. Die Musikbranche ist heute so schnelllebig geworden, dass man oft kaum noch mitkommt. Ich muss Verträge über Jahre hinweg unterschreiben und habe nicht einmal eine Ahnung, wie meine Stimme dann klingen wird, ob sie für diese oder jene Rolle noch oder schon geeignet ist.

Ein harter Job ...
Ja, nicht nur für mich, für uns alle. Wie geben jeden Tag unser Bestes, denn das erwarten die Menschen einfach, wenn sie Karten kaufen. Und sie haben damit auch völlig recht. Andererseits birgt es immense Gefahren. Man sollte sich stimmlich nicht zu schnell in irgendwelche Abenteuer treiben lassen. Das kann nach hinten losgehen. Außerdem braucht man zu all dem einen Ausgleich, eine Familie, Freunde.

Alle Inhalte anzeigen
Sie sind mit dem bekannten Bassbariton Erwin Schrott liiert, haben mit Tiago einen gemeinsamen Sohn, Ihr Privatleben ist ständig der Öffentlichkeit ausgesetzt. Jeder Ihrer Schritte wird in die eine oder andere Richtung interpretiert. Wie gehen Sie damit um?
Das gehört leider dazu. Beruf ist eben Beruf, aber Privatleben ist Privatleben. Ich schaffe mir meine Freiräume. Ich gehe etwa sehr gern mit Tiago in Wien in den Tiergarten. Er liebt das, wir sehen stundenlang den Tieren zu, und keiner erkennt uns. Denn wir sind da einfach Mutter und Sohn. Das ist für mich ein kleines, ganz großes Glück. Dazu kommen aber auch Pflichten wie das Erledigen diverser Hausaufgaben. Ich lerne viel von Tiago. Das genieße ich, denn da bin ich nicht Anna Netrebko, sondern eine Mutter mit ganz alltäglichen Sorgen und Nöten.

Sie haben Wien zu Ihrem Lebensmittelpunkt gemacht ...
Die beste Entscheidung! An der Wiener Staatsoper, wo ich nächste Saison wieder die Marguerite in Gounods „Faust“ singe, bin ich zu Hause. Wien ist pure Musik. Das tägliche Angebot ist unglaublich. Und Wien ist eine Stadt, in der ich atmen kann, wo ich einfach ich sein darf – Anna Netrebko.

Alle Inhalte anzeigen
Auftritte:
Am Sonntag ist Netrebko in Salzburg mit Brittens „War Requiem“ zu hören. Das Konzert wird vom ORF aufgezeichnet, der Sendetermin ist offen. Eine CD ist geplant. In Wien singt Netrebko im Mai 2014 (Gounod: „Faust“) an der Staatsoper. In Berlin ist sie ab November 2013 in Verdis „Troubadour“, in München ab Juni 2014 in „Macbeth“ zu erleben.

Neuerscheinung:
Anna Netrebko: „Verdi“, DG. Orchestra Teatro Regio Torino. Dirigent Gianandrea Noseda. Arien aus „Macbeth“, Giovanna d’Arco“, I Vespri Siciliani“, „Don Carlo“ und „Il Trovatore“.