Leben

Die Schätze der Bundesgärten: Nachtwache für Zitronenbäumchen

Ganz sicher ist sich Manfred Edlinger nicht, ob Pflanzen mit Musik besser wachsen. Und schon gar nicht, ob Mozart das Richtige ist. „Meine werden mit Rock und Heavy Metal beschallt. Und es schadet ihnen jedenfalls nicht.“ Der Gärtner arbeitet seit 20 Jahren in den Glashäusern von Schönbrunn und ist Spezialist für fleischfressende Pflanzen. Die gedeihen üppig. Jede einzelne bekommt Zuwendung. Und als Edlinger jedes der unzähligen Töpfchen mit Sonnentau aus dem Regal nimmt und inspiziert, geht ein kleiner Regenguss nieder. Und es knackst und quietscht, wenn sich in dem tropisch-feuchten Glashaus die Klappfenster öffnen und schließen, damit das Raumklima passt.

Blühendes Erbe

Edlingers Arbeitsplatz ist die Botanische Sammlung der Bundesgärten in Schönbrunn. Das ist die blühende Schatzkammer Österreichs, in der das grüne Erbe des Landes gehegt und gepflegt wird. „Insgesamt 130.000 Pflanzen und 14.000 Arten umfasst die Sammlung. „Das ist die größte Sammlung Mitteleuropas“, sagt Institutsleiter Daniel Rohrauer.

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Alles begann in der Renaissance. Herrscher sammelten in Kunst- und Wunderkammern nicht nur Bücher, technische Geräte Gemälde und Juwelen – sondern auch Pflanzen. Eine Machtdemonstration. Der Kaiser herrschte gottgleich über sein Volk und auch über die Natur. Die Pflanzen wurden angeschafft, egal, ob sie unser Klima vertrugen oder nicht. „Es war die Zeit, als hart arbeitende 14-jährige Leibeigene an Staublunge starben. Derweil ließ der Kaiser  Häuser extra für Pflanzen bauen“, sagt Rohrauer. Das war dem Monarchen wichtiger als sein Volk. Und natürlich auch der Umstand, dass niemand anderer, auch kein König, prächtigere und exotischere Pflanzen als der Kaiser besaß.

Spekulationsobjekt

Mitunter wurden Pflanzen sogar zum Spekulationsobjekt, mit dem viel Geld zu verdienen war: Für eine tropische Begonie musste man 30 Monatsgehälter hinblättern – ehe die Gärtner draufkamen, dass dieses Gewächs auch in unseren Breiten gar nicht so schwierig zu züchten war.

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Im Gegensatz zu heute waren damals die Mittel der Herrschenden nahezu unbegrenzt. Maria Theresias Ehemann, Franz Stephan von Lothringen, schickte den Gelehrten Nikolaus von Jacquin samt zwei Vogelfängern 1754 auf eine abenteuerliche Expedition in die Karibik, um dort exotische Pflanzen und Tiere zu beschaffen – unter schwierigsten Bedingungen. Denn viele Regionen, Orte, an die die Reise die Gesandten des Kaisers führte, waren zu dieser Zeit noch weiße Flecken auf der Landkarte. Hitze, Krankheiten und lästige Insekten quälten die Reisenden. Erst fünf Jahre später kehrte Jacquin in die Heimat zurück.

Über Nacht erfroren

In dicken Folianten wurden die neu entdeckten Pflanzen gezeichnet und beschrieben und manche der Bücher,  die etliche hundert Jahre alt sind, hortet Daniel Rohrauer wie einen Schatz: Die Seiten werden nur mit Handschuhen umgeblättert. Nikolaus Jacquin wurde mit einem Adelstitel belohnt. Die Tiere wanderten in die Menagerie in Schönbrunn, die Pflanzen in Glashäuser. Lange überlebten sie dort nicht: Ein Gärtner hatte in einer eisigen Nacht vergessen, einzuheizen. Um seinen Fehler gutzumachen, heizte er am darauffolgenden Tag umso heftiger. Den meisten Pflanzen war dieser Kulturschock zu viel, sie gingen ein.

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Dass kälteempfindliche Pflanzen besonders aufmerksam zu pflegen sind, ist heute noch ein Thema. „Von 1. November bis 1. April gibt es eine Nachtwache im Reservegarten. Ein Mann schläft hier, damit er eingreifen kann, wenn die Heizung ausfällt“, sagt Rohrauer.  „Bei minus 5 Grad Außentemperatur hat er genau eine Dreiviertelstunde Zeit, bevor es zu irreversiblen Schäden kommt.“ In dieser Zeit kann er versuchen, die Heizung selbst wieder in Gang zu bringen,oder im Notfall Heizkanonen in Stellung bringen.

Zu wenig Nachwuchs

Überhaupt ist die Expertise der Gärtner heute ungleich größer als in vergangenen Jahrhunderten. „Wir bilden unsere Gärtner selber aus. Die besten bleiben.“ Es ist zwar schwer, Nachwuchs zu finden, aber jene, die in den Glashäusern in Schönbrunn arbeiten, sind mit spürbarer Begeisterung am Werk. Die meisten von ihnen haben sich auf ein Fachgebiet spezialisiert: Da gibt etwa den Kulturleiter für Orchideen, für Sukkulenten und den Orangeur.

Die Goldenen Äpfel

Ein Highlight der Sammlung sind die „Goldenen Äpfel des Kaisers“: Die Zitrussammlung. Sie umfasst 100 Arten und Sorten, von „Buddhas Hand“ und Zitrat-Zitronen bis zu Bitterorangen. Die werden in Kübeln kultiviert, damit man sie leichter transportieren kann, sie überwintern, weil nicht frostfest, in der 190 Meter langen Orangerie. Die im Boden verlegte Heizung stammt noch aus Zeiten Maria Theresias,  sie wird wie damals mit einen Meter langen Eichenscheitern aus dem Schlosspark befeuert. Im Revolutionsjahr 1848 war die Nationalgarde in der Orangerie einquartiert und Wachposten mussten die Pflanzen vor „Unfug“ der Soldaten schützen.

In den Glashäusern stehen die grünen Schätze dicht an dicht – von kühl und trocken bis tropisch feucht. Die Azaleen, die in der Zeit Kaiser Franz Josephs angeschafft wurden, sind bis zu 160 Jahre alt. Die spektakulären Fleischfresser und Kannenpflanzen, die es feucht lieben, die Orchideen, Farne und Philodendren.

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Nicht alle sehen so spektakulär aus wie der kugelige Kaktus Echinocactus grusonii, mit seinen wirklich bösen Stacheln, weswegen  er im Volksmund auch „Schwiegermuttersitz“ genannt wird. Die sensationellste Pflanze der Sammlung ist vielmehr so unscheinbar, dass man an ihr vorübergehen würde, ohne sie zu bemerken: Sie hat den Ehrentitel „Die Alte Dame von Schönbrunn“  bekommen und ist die älteste im Topf kultivierte Pflanze der Welt. Das Exemplar hier ist mindestens 600 Jahre alt und hat ihren Ursprung in Südafrika.

Besuch bei der Alten Dame

Die Fockea crispa aus der Familie der Seidenpflanzengewächse ruht mehrere Monate im Jahr blattlos und sieht dann aus wie ein warziges Holzgebilde. Und auch die spärlichen, kleinen Blätter, die sie danach austreibt,  machen keine Schönheit aus ihr. Lange galt die Alte Dame als letzte ihrer Art, wurde als lebendes Fossil unter einem Glassturz ausgestellt und sogar zur Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 gebracht. Erst 1907 wurde in Südafrika ein weiteres Exemplar entdeckt.
Dass die Alte Dame heute noch existiert, ist der besonderen Liebe der Gärtner zu verdanken: Als im Zweiten Weltkrieg die Bomben über dem Schönbrunner Schlosspark zu fallen begannen, nahm einer von ihnen sie zu sich nachhause und stellte sie aufs Fensterbrett, wo sie den Krieg unbeschadet überdauerte. Und heute übersteht die Alte Dame Heavy Metal und Rockmusik.

Ein Jahr zum Mitfeiern

Heuer feiern die Bundesgärten zwei runde Jubiläen:  450 Jahre Gärten und Pflanzensammlungen in Schönbrunn und 100 Jahre Gärten der Republik. Zum „Imperium“ der Bundesgärten zählen Schönbrunn, Belvedere, Hofburggarten, Hofgarten Innsbruck und Schloss Ambras in Tirol.
 

Die nächsten Ausstellungstermine:
„Agaven, Bananen und Kaffee – die Pflanzensammlung des Prinzen Eugen“ (bis 30. Juni, Menageriegarten beim Oberen Belvedere).
„Die Königin im Wasser – Die Seerose im Innsbrucker Hofgarten“ (8. Juli bis 15. September, Palmenhaus im Hofgarten Innsbruck).
www.bundesgaerten.at