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Kunst für alle: Roy Lichtensteins Pop-Art-Revolution in der Albertina

Es gibt Künstler:innen und Stile, die nur eine ganz bestimmte Zielgruppe ansprechen. Und dann gibt es Kunst, die nahezu allen zusagt. Denke ich an Pop Art, dann würde ich die Kunstrichtung der 1950er- und 1960er-Jahre definitiv der zweiten Kategorie zuordnen. Schon Andy Warhol, Mitbegründer und bedeutender Vertreter dieser Bewegung, sagte einst: „Pop Art is for everyone.“ Dass das allerdings nicht immer so war, wird mir erst nach meinem Besuch der neuen Ausstellung „Roy Lichtenstein – Zum 100. Geburtstag“ in der Albertina klar. 

Wussten Sie zum Beispiel, dass es bei Roy Lichtensteins erster Ausstellung heftige Besucherproteste und sogar Plagiatsvorwürfe gab? Oder, dass das berühmte Magazin Life 1964 mit dem Titel „Ist er der schlechteste Maler Amerikas? gegen ihn giftete? Heute ist der wohl bekannteste Vertreter der amerikanischen Pop Art aus der Kunstwelt nicht mehr wegzudenken. „Seine Werke sind und waren schon immer sehr beliebt, wurden aber nicht immer verstanden“, erklärt Klaus Albrecht Schröder, Generaldirektor der Albertina. Wir waren bei der Ausstellungseröffnung dabei und verraten, warum Lichtenstein hie und da für jede Menge Kontroverse sorgte, ob Pop Art wirklich für jede:n etwas ist und warum sich der Besuch lohnt. 

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Roy Lichtenstein: Eine Retroperspektive 

Um zur Ausstellung zu gelangen, müssen wir zunächst eine Rolltreppe nach unten nehmen – und hier beginnt auch schon die Retroperspektive des amerikanischen Künstlers: rechts von uns sind verschiedene Meilensteine Lichtensteins an der Wand illustriert. Um diese zeitlich besser einordnen zu können, stehen verschiedene Großereignisse, wie beispielsweise die erste Mondlandung, den Etappen des Künstlers gegenüber. Wir bekommen ein erstes Gespür für Lichtenstein, der 1923 als Sohn deutsch-jüdischer Eltern in New York geboren wurde und 1997 ebenda im Alter von nur 73 Jahren gestorben ist. Anlässlich seines 100. Geburtstages, und aufgrund der Schenkung von 95 Objekten durch die Roy Lichtenstein Foundation, hat das Museum im 1. Wiener Gemeindebezirk die neue Ausstellung initiiert.

„Die Schenkung wurde 2023 der Albertina übergeben. Sie umfasst 95 Objekte, wie Pinselstrich-Skulpturen und Skulpturenmodelle für Projekte im öffentlichen Raum, Vorzeichnungen und Collagen sowie Teppiche und Keramiken“, verrät Schröder im Vorfeld. Zudem wurden einige Werke von Museen aus aller Welt ausgeliehen unter anderem vom renommierten Museum of Modern Art in New York oder Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid , um einen ganzheitlichen Überblick über sein künstlerisches Schaffen zu geben. Besucher:innen der Albertina haben somit bis 14. Juli 2024 die einzigartige Gelegenheit, 89 Werke des amerikanischen Künstlers an einem Ort zu bestaunen. 

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Punkte, Farben, Comics: Lichtensteins Pop-Art-Revolution

Unten angekommen, werden wir direkt von einem Meisterwerk aus dem Jahr 1963 begrüßt: Woman In Bath. Lichtensteins Stil, der von knalligen Farben, klaren Linien und den ikonischen Punkten geprägt ist, kommt hier sehr schön zum Vorschein und gibt uns einen kleinen Vorgeschmack darauf, was uns in den ersten Räumen erwartet. Die Ausstellung beginnt mit Frühwerken aus den 1960er-Jahren, darunter auch die erste und wohl bekannteste Malerarbeit: Look Mickey. Das Gemälde aus dem Jahr 1961 zeigt die bekannten Disney-Charaktere Donald Duck und Micky Maus in einer humorvollen Szene. Lichtenstein nutzte dabei die Vorlage aus einem Comic und übertrug sie auf die Leinwand. Sein besonderes Merkmal: monotone Rasterpunkte, sogenannte „Ben-Day-Dots“, die bisher nur als Grafikvorlage im Druck verwendet wurden. Durch die Übertragung der Punkte auf die Leinwand wirkt das Werk wie eine Vergrößerung eines gedruckten Bildes und verbindet so in gewisser Weise hohe Kunst mit Alltagskultur.

Es wird gemunkelt, dass das Werk Look Mickey durch eine Bemerkung seines Sohns entstanden ist, der beim Durchblättern eines Comichefts sagte: „Ich wette, so gut kannst du nicht malen, Papa?“  

Stieß Lichtenstein damit auf Begeisterung? Zunächst nicht. Der abstrakte Expressionismus war international noch vorherrschend und unterschied sich klar vom neuen Stil des amerikanischen Künstlers. Vor der Eröffnung seiner ersten Ausstellung 1962 in New York gab es heftige Besucherproteste und sogar Plagiatsvorwürfe standen im Raum. Die Verwendung von schlichten Comicbildern und Werbeinseraten in Form von Historienmalerei wurde von vielen Kritiker:innen als eine Attacke auf die Würde der Kunst wahrgenommen. Lichtenstein ließ sich davon allerdings nicht beirren. Ob ihm wohl bewusst war, dass er die Kunstgeschichte noch nachhaltig verändern wird? Vermutlich nicht.

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Ein derart in Verruf geratenes Sujet wie Donald Duck oder Micky Maus auszusuchen und dann daraus ein Kunstwerk zu machen hatte etwas Absurdes, Komisches an sich. Vorher war man in der Kunst ernsthafter gewesen.

Roy Lichtenstein

Quasi über Nacht wird Lichtenstein durch seine Ausstellung sowie den Medienrummel berühmt und verhilft der amerikanischen Pop Art zum Durchbruch. Er reißt die traditionellen Grenzen zwischen hoher Kunst und Alltagskultur nieder und durchbricht sämtliche Konventionen. Dabei war er stets ironisch und humoristisch, später auch kritisch. Neben seinen berühmten Ben-Day-Punkten waren klischeehafte Blondinen, Kriegshelden und Comic-Figuren mit Sprechblasen sein Kennzeichen und beliebte Motive. Berühmte Beispiele, die in den ersten Räumlichkeiten bestaunt werden können: Thinking Of Him, We Rose Up Slowly oder Vicki! I - - I Thought I Heard Your Voice!

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Von Comics bis Skulpturen: Mehr als „nur“ ein Maler

Die Ausstellung präsentiert allerdings nicht nur Lichtensteins Comic-inspirierte Werke, sondern auch seine vielseitigen Experimente mit verschiedenen Techniken und Stilen. In einem separaten Raum tauchen wir zum Beispiel in die Schwarz-Weiß-Zeichnungen des Pop-Art-Meisters ein, in denen er sich über die traditionelle Vorstellung von Kunst lustig macht. Er nutzt gewöhnliche Motive wie Werbeanzeigen aus Telefonbüchern oder Zeitungen und konzentriert sich auf eine spärliche Farbgebung. Beeindruckend ist außerdem die Präsentation von Lichtensteins Kunst-nach-Kunst-Bildern im nächsten Raum, in denen er die Werke berühmter Künstler wie Pablo Picasso, Salvador Dalí und Jackson Pollock neu interpretiert – und sie mit einem Augenzwinkern sogar ein wenig auf den Arm nimmt.  

Mitte der 1960er widmet sich Lichtenstein stilisierten Landschaften. Inspiriert von Comics und „Malen nach Zahlen“, vereinfacht er die Motive auf wenige Konturen und Farben. Die grellen Farbtöne und außergewöhnlichen Materialien, wie glitzernde Folien oder bedruckte Kartons, verleihen seinen Werken einen eigenwilligen Charme. Lichtenstein strebt bewusst nach einem neuen, zeitgenössischen Stil, der sich von traditioneller Kunst abhebt. Ein schönes Beispiel ist das Werk Yellow Sky aus dem Jahr 1966, das Sie im Rahmen der Ausstellung bestaunen können.

Ein weiteres Highlight der Ausstellung erwartet uns dann noch in den beiden letzten Räumlichkeiten. Dass Lichtenstein nicht „nur“ ein Maler war, wird uns spätestens hier bewusst: Mehrere Skulpturen, gepaart mit verschiedenen Gemälden, füllen die Räume und zeigen nochmal eine ganz andere Facette des Künstlers. Die verzogene Gestaltung lässt sie wie bizarre Fremdkörper in unserer normalen Umgebung erscheinen. Die riesige Brushstroke-Skulptur, die die Leinwand verlässt und den Raum erobert, ist dabei besonders herausstechend. Aber auch die beiden Werke Mermaid und Lamp (Model) springen einem sofort ins Auge und verdeutlichen einmal mehr das vielschichtige Talent Lichtensteins. Wir sind von dem Farb-, Licht- und Schattenspiel jedenfalls ziemlich überwältigt und bereit, ein Resümee zu ziehen.

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Die Pinselstrichskulpturen sind der Versuch, etwas, das eine Augenblickerscheinung ist, eine feste Form zu geben: etwas Vergänglichem Substanz zu geben. Der Pinselstrich eines Künstlers ist Bronze! Die Vorstellung gefällt mir. Dadurch bekommt er Gewicht, wird absurd, widersprüchlich und lustig.

Roy Lichtenstein

Mein Resümee: Roy Lichtenstein is for everyone

Nach meinem Besuch stelle ich mir also erneut die Frage: Ist Pop Art wirklich etwas für jede:n? In meinen Augen lässt sich das sehr schnell beantworten ja, das ist sie! Roy Lichtenstein und die aktuelle Ausstellung der Albertina sind ein schönes Beispiel dafür, dass man kein:e Expert:in sein muss, um Kunst zu genießen. Er selbst nahm sich dabei nämlich auch nicht immer so ernst: „Ich bin nicht ganz sicher, welche soziale Botschaft meine Arbeiten enthalten, wenn überhaupt eine. Ich will eigentlich gar keine vermitteln. An meinen Themen interessiert mich nicht, die Gesellschaft etwas zu lehren oder in irgendeiner Weise unsere Welt zu verbessern“, erklärte er einst. Ob Sie nun also tiefer in die Geschichte des revolutionären Künstlers eintauchen wollen oder einfach nur die herausragende Ästhetik seine Werke genießen möchten, bleibt Ihnen überlassen. Jedes Werk spricht eine universelle Sprache und hat die Kraft, jede:n zu berühren, unabhängig von Hintergrundwissen oder Vorlieben. Von uns gibt es jedenfalls eine klare Empfehlung.

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Öffnungszeiten Albertina:

  • Täglich: 10 bis 18 Uhr
  • Mittwoch & Freitag: 10 bis 21 Uhr

Tickets sind vor Ort an den Kassen erhältlich oder können im Webshop erworben werden. Ein Ticket ermöglicht den Zugang zu allen Ausstellungen des Hauses an Ihrem Besuchstag.

Ausstellungsprogramm: