Chronik/Wien

"Evet is', mehr brauch' ma net"

Evet is’ es, mehr brauch ma net“, sagt Mehmet (Name von der Redaktion geändert). Er sitzt mit drei Freunden an einem Tisch im Wettpoint am Wiener Brunnenmarkt und spielt Karten. Am Brunnenmarkt, wo sich unter der Woche die Menschen durch die Gemüsestände drängen, ist am frühen Ostersonntagabend kaum etwas los. Die meisten Türken würden sich die Berichterstattung über das Verfassungsreferendum von Recep Tayyip Erdoğan zu Hause vor dem Fernseher anschauen, erzählt einer. Das Wettcafé an der Ecke ist trotzdem gesteckt voll. Es sind ausschließlich Männer dort. Die meisten von ihnen spielen Karten, andere stehen an die Budel gelehnt, rauchen und trinken Çay.

Mehmet hat beim Kartenspielen einen guten Platz erwischt, er sieht direkt auf den Flatscreen an der Wand vor ihm, wo türkisches Fernsehen läuft und das Zwischenergebnis zum Referendum gezeigt wird. 52 Prozent sind zu diesem Zeitpunkt für „ Evet“ – also Ja – zur Verfassungsreform. Mehmet hat nicht mitgestimmt, erzählt er, er ist österreichischer Staatsbürger. Sympathien für den türkischen Präsidenten hegt er trotzdem. „Er macht viel, das ist gut.“

"Erdoğan arbeitet für unser Land"

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Hassan Gecer steht an der Bar und raucht. Den Bildschirmhintergrund seines Handys ziert ein Erdoğan-Foto. „Ich bin Erdoğan-Fan“, beginnt er das Gespräch. „Er ist so erfolgreich und arbeitet für unser Land.“ Mitstimmen konnte Gecer beim Referendum nicht, auch er hat einen österreichische Pass. „Dafür habe ich vielen Leuten bei der Abstimmung geholfen“, sagt Gecer er. Er – Obmann der UETD in Wels – habe viele Türken aus Wels und aus Linz mit dem Auto nach Salzburg gefahren. „Ich hab’ sie zum Konsulat gebracht, damit sie abstimmen können“, sagt er. Dass zu dem Zeitpunkt „nur“ 52 Prozent der Türken mit Ja zur Verfassungsänderung stimmten, habe ihn überrascht. „Ich dachte schon, dass es mindestens 60 Prozent werden.“ Für’s Foto zeigt Gecer vier Finger in die Kamera. Es ist derRabia-Gruß, ein Zeichen der Muslimbruderschaft(Erdoğan gilt als Freund der Muslimbrüder, Anm.).
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Gazi Erturugl (Name geändert)schaut einer Partie beim Kartenspielen zu. Auf dem Handy verfolgt er Details zu den Wahlergebnissen. „Da schauen Sie“, sagt er und tippt auf das Display seines Handys, „71 Prozent der Österreicher haben mit „Evet“ gestimmt. Das haben wir der Hetze in den Medien zu verdanken. Die Ja-Sager müssten den Europäern danken, dass sie so eine Hetze betrieben haben, deswegen hat Erdoğan gewonnen.“ In der Ecke an der Bar hockt Yusuf (43). Er trinkt Çay und beobachtet das Treiben im Lokal. „Da geht was schief in der Türkei“, sagt er ganz leise und deutet auf den Fernseher, wo die Wahlberichterstattung läuft. „Da sitzen Journalisten im Gefängnis. Das ist nicht gut für die Demokratie.“

In einem Dönerladen ein paar Meter daneben starren drei junge Männer auf ein Handy-Display. Sie schauen die Wahlberichterstattung von TRT1 (dem öffentlich-rechtlichen Fersehsender der Türkei, Anm.). „Eigentlich habe ich schon mit mindestens 55 Prozent für Ja gerechnet“, sagt Ömar. Er ist 23 Jahre alt, lebt seit 13 Jahren in Österreich und ist türkischer Staatsbürger. Beim Referendum hat er mit „Ja“ gestimmt. „Das ist besser für mein Land“, sagt er. „Weil die Türkei dadurch so groß wird wie Amerika oder Fankreich.“ Auch sein Freund Mehmet (32) war für die Verfassungsänderung. „Europa will Erdoğan nicht haben, das heißt, er ist auf dem richtigen Weg.“ Mehmet und Ömar erklären, dass Erdoğan "kein Diktator" ist, „wie alle immer sagen“. „Warst du schon mal in Istanbul? Da laufen die Mädchen in kürzeren Röcken herum als hier. Jeder kann also machen was er will unter Erdoğan.“

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Dieser Ansicht sind Lokman und Kamuner vom türkischen Lokal "Denis" nicht. „Ich will nicht, dass Erdoğan ein Super-Präsident wird. Es ist nicht gut, wenn ein Land nur in der Hand eines Menschen liegt“, Kamuner. Er ist Kurde, genaus wie Lokman. „Meine Familie in der Türkei hat jetzt Angst“, erzählt er.

Wolfsgruß für's Foto

Ein paar hundert Meter weiter vor dem Etab-Lokal in der Neulerchenfelder Straße steht eine Gruppe junger Männer im feinen Zwirn. Für's Foto zeigen sie den Wolfsgruß (Als "Graue Wölfe" werden Mitglieder der terroristischen rechtsextremen türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung bezeichnet). „Wir sind Austro-Türken, wie ihr immer sagt“, erzählen sie. Sie stellen schnell klar, Anhänger von Erdoğan zu sein. Mitgestimmt beim Referendum hätten sie aber nicht, schließlich seien sie österreichischer Staatsbürger. Die jungen Männer hätten gehofft, dass „mindestens 60 Prozent“ der Türken für eine Verfassungsänderung stimmen. „Aber eigentlich ist es wurscht, weil 50 Prozent und eine Person sind auch eine Mehrheit für Ja.“

Dass sich die Österreicher so für das Ergebnis des Türkei-Referendums interessieren, kann Resul (20) nicht verstehen. „Die Österreicher haben selber genug Probleme, was kümmert die die türkische Innenpolitik?“, fragt er. Sein Freund fügt gleich hinzu: „Der Erdoğan sperrt niemanden ein, die Leute, die sowas sagen, kennen sich nicht aus.“
Die Burschen fühlen sich benachteiligt in Österreich. „Wissen Sie, die Austro-Türken, die schon lange hier leben fühlen sich verarscht.“ Warum? „Weil hier die Politik die PKK toleriert. Und ständig nur Berîvan Aslan und Efgani Dönmez interviewt werden. Aber die sprechen nicht für alle Türken.“

Das Wahlergebnis feiern wollen die jungen Männer jedenfalls nicht. „Wir feiern nicht mehr", sagt Ali. Beim letzten Mal musste ich 300 Euro Strafe zahlen. 50 Euro für die türkische Fahne beim Auto, 50 Euro für die Warnblinkanlage uns so weiter. Außerdem ist ja Ostern und wir wollen die Österreicher nicht stören.“