Vier Finger für Erdoğan: Was sie bedeuten

TURKEY-NETHERLANDS-POLITICS
Foto: APA/AFP/OZAN KOSE Vier Finger und ein eingeklappter Daumen

Vier Finger in die Höhe gestreckt, der Daumen auf den Handballen gedrückt: der "Rabia-Gruß".

Samstag, 11. März 2017. Recep Tayyip Erdoğan hat einen seiner vielen Auftritte. Dieses Mal steht er auf einer Bühne in Istanbul, vor ihm schwenken Tausende Menschen türkische Fahnen, jubeln ihm zu und stimmen "Evet"-Sprechchöre an. "Ja" zur Verfassungsreform, "Ja" zu mehr Macht für den türkischen Präsidenten  und "Ja" zur Türkei. Es scheint, als hätte der Dirigent vom Bosporus sein eigenes Orchester. Erdogan gibt den Takt vor, die jubelnden Menschen ziehen nach. TURKEY-NETHERLANDS-POLITICS-ERDOGAN Foto: APA/AFP/OZAN KOSE

So auch, als der türkische Staatspräsident seine Hand zu einem Gruß hob. Seine vier Finger reckt er in die Luft, den Daumen drückt er auf den Handballen. Viele verstanden das Zeichen. Es handelt sich um den sogenannten Rabia-Gruß – vier auf Arabisch. Es erinnert an den Rabia-al-Adawiya-Platz (auch Rabaa al-Adawiya Platz) in Kairo, auf dem das ägyptische Militär am 14. August 2013 mit Waffengewalt die Sitzblockade der islamistischen Muslimbrüder niedergeschlagen hatte. Bei dem Einsatz starben mehr als 1.000 Menschen, die Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Moschee wurde teilweise zerstört.

Zu dieser Zeit sah man das Zeichen als Erinnerung an das Massaker tausendfach auf den Straßen. Eine schwarze Hand, die vier Finger ausgestreckt, der Hintergrund gelb. Es war das Zeichen der Muslimbrüder und ihrer Verbündeten, die sich gegen die Machtübernahme durch das vom damaligen General und jetzigen Präsidenten Abdul Fattah al-Sisi angeführte Militär stellten. Das demokratisch gewählte Staatsoberhaupt Mohammed Mursi wurde schon im Juli 2013 abgesetzt und verhaftet. (Hier lesen Sie ein Interview mit Steven Merley über die Muslimbruderschaft)

Supporters of Muslim Brotherhood and ousted Egypti Foto: REUTERS/MUHAMMAD HAMED

Erdoğan, der das Vorgehen der ägyptischen Armee gegen Mursi fast täglich als Putsch gebrandmarkt hat, gilt als Freund der Muslimbruderschaft. Weshalb er auch wenige Tage nach dem Massaker Rabia-al-Adawiya-Platz in Kairo seine Finger zum Rabia-Gruß hob – er sei überhaupt einer der ersten gewesen. Kurz darauf wurde das Symbol auch in türkischen Fußballstadien gesehen. Emre Belözoğlu, Fußballer bei Fenerbahçe Istanbul, zeigte den Gruß beim Torjubel. Durch soziale Medien wie Facebook und Twitter verbreitete sich das Rabia-Zeichen weltweit.

Doch warum ist das Symbol so interessant? In seinem Buch "The Symbolic Construction of Community" (1985) erklärt der britische Anthropologe Anthony Cohen, dass Menschen ihre Gemeinschaften stets symbolisch konstruieren. So sei es möglich, Sympathisanten und Gegner sofort zu erkennen und sich mit ihnen zu solidarisieren oder eben nicht. Gesten wie der Rabia-Gruß – oder florale Zeichen wie sie auch in Österreich üblich sind – sind eben solche Symbole und transportieren politische Aussagen, die die einen verstehen, die anderen aber nicht.

Erdoğan verwendet das Symbol gewiss nicht zufällig. Für viele Beobachter zeigt der türkische Staatspräsident, dass er zur arabischsprachigen Welt steht. Sie ist wichtig, die politische Meinung des Westens nicht. Auch nach dem Putschversuch in der Türkei im Juli 2016 demonstrierte er mit seinen vier Fingern den Triumph über seine Gegner. Muslime von Tunesien über Ägypten bis in den Irak wissen, was sie bedeuten. Im Gazastreifen, wo die Hamas, Ableger der ägyptischen Muslimbrüder, herrscht, gab es Jubelfeiern nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei. Aus Solidarität zeigte man den Rabia-Gruß. In Ägypten hingegen reagierte Präsident Al-Sisi zurückhaltend. REUTERS PICTURE HIGHLIGHT Foto: REUTERS/AMR ABDALLAH DALSH

Am 11. März warb Erdoğan in Istanbul für ein Ja beim Referendum am 16. April. Die Erdoğan-Partei AKP drängt auf ein Präsidialsystem, das die Vollmachten des Präsidenten beträchtlich ausweiten würde. Dieses Mal wird nicht an das Massaker in Ägypten erinnert, sondern an Erdoğans Streben nach Macht.

Muslimbrüder

Zwischen radikal und moderat

Die Muslimbruderschaft hat eine lange Geschichte. Sie wurde 1928 in Ägypten vom Volksschullehrer Hasan al-Bannā gegründet. Zu Beginn war die Muslimbruderschaft eine religiöse und philanthropische Gesellschaft, die im Umfeld hegemonialer Ansprüche der Briten islamische Moralvorstellungen verbreiten und wohltätige Aktionen unterstützen wollte. Doch bereits in den Dreißigerjahren wurden die Aktivitäten der Gruppe zunehmend gesellschaftspolitisch.  Als Ziel wurde die Errichtung eines islamischen Staates mit islamischer Rechtsprechung (Sharia) formuliert. Den Westen mit seinen angeblich negativen Einflüssen sah man von Anfang an als existenzielle Bedrohung für das islamistische Projekt an.

Ein Staat im Staat

In dieser Zeit begann al-Bannā einen allumfassenden und revolutionären Islam zu predigen, er sollte eine neue Generation von Muslimen erzogen werden, die den Islam korrekt verstehe. Dazu sei allerdings erst einmal eine moralische Reform notwendig. Die Muslimbrüder engagierten sich in der Jugenderziehung, in sozialen sowie karitativen Einrichtungen und machten Öffentlichkeitsarbeit.

Laut Richard Paul Mitchell, Autor des 1969 erschienen Buchs "The Society of the Muslim Brothers", nahmen die Muslimbrüder bis 1939 die Form einer politischer Gruppierung mit streng hierarchischen Strukturen an. Es sei ihnen gelungen, einen Staat im Staate aufzubauen, indem sie ihre eigenen Firmen gründeten, Fabriken, Schulen und Krankenhäuser unterhielten und innerhalb der Armee und den Gewerkschaften Posten und Ämter besetzten.

Gewalt gegen Regierung und Bruderschaft

Gewalt galt für al-Bannā dabei nur als letzter Ausweg. Doch einige Teile seiner Organisation wurden militanter, die Spannungen zwischen Regierung und Anhänger der Muslimbruderschaft nahmen ständig zu. 1948 ermordete ein Muslimbruder den ägyptischen Premier Mahmûd Fahmî an-Nuqrâshî, was zum Verbot der Bruderschaft führte. Ein Jahr später fiel Hasan al-Bannā selbst einem Anschlag zum Opfer. Zu dieser Zeit waren die Muslimbrüder die bedeutendste politische Organisation des Landes.

Die Gewalt nahm nicht ab. Als 1954 ein Mitglied vergeblich versuchte den damaligen Präsidenten Ägyptens, Gamal Abdel Nasser, zu töten, ging die Regierung mit Härte gegen die Muslimbrüder vor. Sie ließ sie verhaften, foltern und umbringen – unter den Opfern war auch Saiyid Qutb, einer der wichtigsten Vordenker des radikalen politischen Islams. Er verfasste Hass-Pamphlete gegen den Westen, auf die sich heute das Terrornetz El Kaida als ideologische Grundlage beruft. Qutb wurde zum Tod durch Hängen verurteilt – 1966 wurde das Urteil vollstreckt.

Verboten und stärkste oppositionelle Kraft

Obwohl die Muslimbruderschaft später der Gewalt abschwor, versuchte in den Siebziger- und Achtzigerjahren eine Reihe von militanten Gruppierungen ihre Aktionen unter Bezugnahme auf die radikalen Schriften Qutbs zu legitimieren. Diese führte dazu, dass das Verbot, das zwei Jahrzehnte zuvor ausgesprochen wurde, nicht aufgehoben wurde. Die Muslimbrüder arbeiteten im Untergrund.

Erst 1984 legalisierte der damalige Präsident Hosni Mubarak die Bewegung als religiöse Organisation, verwehrt ihr aber den Status einer politischen Partei. Seit 1984 nehmen sie mit sogenannten "unabhängigen" Kandidaten an Parlamentswahlen teil. Schnell wurden sie zur stärksten Oppositionskraft in Ägypten und setzten sich für Demokratie und Pluralismus ein.

Mursi kam an die Macht

2005 konnten sie 88 der 455 Mandate erringen. Der Sturz von Langzeitpräsident Hosni Mubarak 2011 eröffnete den Muslimbrüdern neue Möglichkeiten. Im Juni 2012 gewann ihr Kandidat Mohammed Mursi die erste freie Präsidentenwahl in Ägypten. Doch bereits ein Jahr nach Amtsantritt wuchs der Unmut in der Bevölkerung, weil sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechterte. Zudem mussten sich die Islamisten vorhalten lassen, sie seien ebenso undemokratisch und korrupt wie seinerzeit Mubarak.

Tausende Ägypter gingen auf die Straßen und protestierten gegen Mursi, der im Sommer 2013 von der Armee abgesetzt wurde. Seitdem geht die ägyptische Regierung unter Staatsoberhaupt Abdel Fattah al-Sisi massiv gegen die Muslimbrüder vor, die in Ägypten nun als Terroristen verfolgt werden – egal ob moderat oder radikal eingestellt. Das Militärgericht verhängt immer wieder umstrittene Todesurteile, die von Menschrechtsorganisationen heftig kritisiert werden.

Hamas: der verlängerte Arm

Die Muslimbruderschaft verstand sich von Anfang an als transnationale islamistische Bewegung. Heute gibt es Zweigorganisationen auch in anderen arabischen Ländern wie Jordanien. Auch die radikale Organisation Hamas in den Palästinensergebieten ging aus der Muslimbruderschaft hervor. Sie lehnt die Existenz Israels ab und bekennt sich zum bewaffneten Kampf gegen den jüdischen Staat.

(KURIER) Erstellt am
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