Chronik/Wien

Kaffeesieder-Ball: "Jetzt hab ich den Scherm auf"

Am Freitag präsentierte sich Maximilian Platzer am Ball der Wiener Kaffeesieder in der Hofburg noch als stolzer Organisator, am Montag zeigt er sich beim KURIER-Gespräch in seinem Café Weimar in der Währinger Straße in Wien sichtlich mitgenommen von den Vorwürfen gegen seine Person, die noch in der Ballnacht publik geworden waren.

Als Obmann des "Klubs der Wiener Kaffeehausbesitzer" soll er bis zu 200.000 Euro aus der Vereinskasse entnommen haben. "Ich bin im Sommer in massive finanzielle Bedrängnis gekommen und habe das Geld gebraucht. Ich wollte es im Herbst zurückzahlen, aber auch da lief das Geschäft schlecht", sagt er. Für seine missliche Lage fallen ihm einige Gründe ein: Der heiße Sommer, der milde Herbst ("Da geht ja keiner ins Kaffeehaus!"), Spätfolgen der Wirtschaftskrise. Vielen Wiener Kaffeehausbesitzern gehe es schlecht, räumt er ein – aber nicht alle haben Zugang zu einer Vereinskassa.

Platzer sagt, er habe nur 160.000 Euro genommen und sie in den Erhalt seines Kaffeehauses investiert. Von den Abbuchungen habe er kein Geheimnis gemacht – "es ist klar ersichtlich, dass ich das war". Offiziell gestand er es allen Vereinsmitgliedern im Dezember, als feststand, dass er das Geld nicht mehr rechtzeitig zurückzahlen kann. "Und jetzt habe ich den Scherm auf", sagt der mittlerweile zurückgetretene Obmann. Die Justiz prüft, ob sich der langjährige Betreiber des traditionsreichen Café Weimar der Untreue schuldig gemacht hat.

Nicht um Hilfe gebeten

Dabei hätte er das Geld, oder zumindest einen Teil, auch auf rechtmäßigem Wege bekommen können. In den Vereinsstatuten ist festgelegt, dass in Not geratenen Kaffeesiedern kurzfristig finanziell ausgeholfen werden kann – das sei in den vergangenen Jahren auch immer wieder gemacht worden, sagt Platzer. Auch er hätte das als Obmann von der Klubleitung absegnen lassen müssen. "Aber ich habe mich geniert. Dann hätte es geheißen, der g’scheite Herr Platzer ist auf die Go’ gefallen", sagt er.

Wie berichtet, hat die Wirtschaftskammer Wien den Fall ins Rollen gebracht. Die Kammer unterstützt den Verein mit jährlich 20.000 Euro und hat die Finanzen von einem externen Wirtschaftsprüfer durchleuchten lassen.

Daraufhin wurde die Staatsanwaltschaft Wien eingeschaltet. Sprecherin Nina Bussek bestätigt, dass eine Sachverhaltsdarstellung eingelangt ist. Der Verdacht gehe in Richtung Untreue, der Sachverhalt müsse aber erst geprüft werden. Auch die Schadenshöhe steht nicht endgültig fest. Sie soll laut Gutachter die von Platzer angegebenen 160.000 Euro aber deutlich übersteigen.

Dem Beschuldigten wird nämlich auch das Einbehalten von Garderobengeld hinzugerechnet – dabei geht es um weitere 65.000 Euro im Zeitraum von etwa vier Jahren. Platzer ist sich diesbezüglich aber keiner Schuld bewusst. Schließlich spreche die Hofburg das Garderobengeld dem Veranstalter zu. Es gebe ein "blindes Einverständnis" mit dem Verein, dass er das Geld behalten dürfe, erklärt Platzer.

Rivalitäten als Grund?

In der Branche wird gemunkelt, dass die Wirtschaftskammer auf den Tipp eines Konkurrenten hin nachgeforscht hat. Der Kaffeesieder-Ball ist neben dem Opernball und dem Philharmonikerball eines der Highlights der Wiener Ballsaison. Zählte er 1996, als Platzer die Organisation übernahm, noch 1200 Besucher, waren es heuer 5500. Gerüchte um Rivalitäten dementiert die Wirtschaftskammer auf KURIER-Anfrage, Platzer selbst will sich dazu nicht äußern.

Die Obmannschaft des Vereins hat die bisherige Rechnungsprüferin Anna Karnitscher übernommen. "Der Klub ist bei ihr in ausgezeichneten Händen", sagt Platzer, der sich jetzt voll und ganz auf sein Kaffeehaus konzentrieren will.

Wie es ihm jetzt geht? "Gut, aber vor ein paar Wochen wäre ich noch am liebsten aus dem Fenster gesprungen." Die Kollegen stünden hinter ihm, man habe ihm sogar finanzielle Unterstützung angeboten. Und die wird er brauchen. Sein Anwalt Constantin Eschlböck hat eine Rückzahlungsvereinbarung ausgehandelt, die ihm im Verfahren zugutekommen dürfte. 50.000 Euro will Platzer sofort zurückzahlen, dann monatlich 2000 Euro.

Die Existenz seines Cafés sei nicht bedroht: "Zusperren ist keine Option", betont er. Es werde aber Einsparungen geben müssen – zum Beispiel bei seinem 16-köpfigen Personal. "Das tut mir sehr weh, weil meine langjährigen Mitarbeiter wesentlich für die Qualität sind. Aber irgendetwas muss ich tun", sagt Platzer.