Chronik/Wien

Das Rad als grüne Gretchenfrage

Es war ein Heimspiel für Maria Vassilakou. Am Mittwoch referierte die grüne Vizebürgermeisterin auf der Velocity-Radkonferenz ihre Visionen für Wien im Jahre 2025. Hunderte Tagungsgäste hörten gespannt zu, ausländische Journalisten schrieben eifrig mit und der Moderator lobte das schöne Ambiente des Rathauses. „Das Radfahren ist die einzige Lösung für die Zukunft der postfossilen Gesellschaft“, sagte Vassilakou. Und: „Wir brauchen das Radfahren, um Städte lebenswerter zu machen.“ Bis 2025 solle daher der Autoverkehr in Wien von 27 auf 20 Prozent sinken, der Radanteil dagegen massiv steigen.

Seit ihrem Eintritt in die Regierung setzen die Grünen auf ein Thema: Das Radfahren. Radwege wurden ausgebaut, Radrouten geschaffen und Straßen für das Radeln gegen die Einbahn geöffnet. Zuletzt wurden gar Radwege grün angepinselt.

Farbenspiele

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Dabei wählen die meisten Radfahrer in Wien nicht Grün sondern Rot. Bei einer Umfrage unter Radlern gaben 32 Prozent der Befragten an, SPÖ zu wählen, 24 Prozent die Grünen. Nur knapp dahinter die ÖVP mit 23 Prozent. Einzig die FPÖ fällt mit 15 Prozent weiter ab.

„Es ist mittlerweile hip geworden, mit dem Rad zu fahren“, sagt Meinungsforscher Peter Hajek. Davon wollen vor allem die Grünen profitieren. Statt die Infrastruktur weiter auszubauen, investiert Vassilakou in Info-Kampagnen. Knapp 7 Millionen Euro hat die Stadt im Radjahr 2013 dafür veranschlagt.

Bilder vom RADcorso

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Von der Opposition hagelt es dafür Kritik. Die FPÖ macht Stimmung gegen Rowdy-Radler wie sonst nur gegen kriminelle Asylwerber. ÖVP-Chef Manfred Juraczka forderte im KURIER-Interview Aufklärungskurse für ungehorsame Radfahrer.

Auch der rote Koalitionspartner tut sich mit dem grünen Rad-Fetisch schwer. Viele SPÖler bringen intern ihren Unmut zum Ausdruck. „Es bräuchte mehr Gelassenheit bei dem Thema“, sagt SP-Verkehrssprecher Siegi Lindenmayr, meint damit aber nicht nur seine Partei.

Emotionen

Die Grünen nutzen das Rad gezielt zur Polarisierung und Emotionalisierung“, sagt Politologe Peter Filzmaier. Eine Strategie mit der man kurzfristig Erfolg habe: „Damit sprechen die Grünen ihr Kernklientel an, verzichten aber dabei auch auf mehr Wählerpotenzial“

Der grüne Planungssprecher und Chefradler Christoph Chorherr will das nicht so stehen lassen. „Das Rad ist eines von vielen Themen.“ Allerdings sei es eine Maßnahme, bei der man mit wenig Geld in kurzer Zeit viel bewegen könne.

„Dem Radfahren selbst hat man mit der Emotionalisierung keinen guten Dienst geleistet“, sagt Filzmaier. Jene, die sich vorstellen können, auf das Rad zu steigen, sind abgeschreckt, weil sie nicht automatisch als Grün-Wähler gelten wollen. „Filzmaier: Wäre es das ehrliche Ziel, das Mobilitätsverhalten der Menschen zu ändern, müsste man den parteipolitischen Hickhack raushalten.“

In Wien wurde diese Chance vertan.

Donnerstagmorgen in Wien-Neubau: In diesem Bezirk ist das Fahrrad mittlerweile ein Fixpunkt im Straßenbild. Ob City-Bike, Fixie oder Elektrofahrrad, Dutzende Radler flitzen die Mariahilfer Straße entlang.

„Für kurze Wege gibt es nichts Effizienteres“, sagt der 42-jährige Sven, während er sein Rad für eine kurze Besorgung beim MuseumsQuartier ankettet. Der Radständer lässt kaum noch Platz für mehr Räder. Trotzdem ist die Situation nicht mit der Parkplatzsuche zu vergleichen. „Mit dem Auto hat man hier wenig Chancen.“

Auch die 33-jährige Eva liebt es, mit dem Rad durch den 7. Bezirk zu fahren. Doch die Fahrrad-Begeisterung ist nicht überall in Wien so groß. Eine aktuelle Erhebung der Mobilitätsagentur ergab, dass innerhalb des Gürtels rund zehn Prozent der Bewohner mit dem Rad unterwegs sind. In den südlichen Bezirken (10., 12., 13. und 23.) sind es nicht einmal fünf.

Thomas Blimlinger, grüner Bezirksvorsteher des 7. Bezirks, der selbst täglich mit dem Fahrrad unterwegs ist, hat eine Erklärung dafür: „Innerstädtisch hat man oft kürzere Distanzen zurückzulegen. Dafür eignet sich das Fahrrad besonders.“

Eine These, die sich beim Lokalaugenschein am Wiental-Radweg zu bestätigen scheint. Die 46-jährige Anneliese aus Meidling braucht fast eine Stunde in die Arbeit. Immerhin versucht sie, zwei Mal in der Woche das Rad zu verwenden. Auch der 37-jährige Stefan schafft es kaum unter einer Dreiviertelstunde. Bei der Längenfeldgasse queren deutlich weniger Räder die Straße als beim MuseumsQuartier.

Auch die Topografie spielt eine Rolle. Vor allem der Westen und Süden der Stadt sind hügelig. „Wer zum Beispiel den Wienerberg hinauf will, der braucht eine gute Kondition“, meint Gabriele Votava (SPÖ), Bezirksvorsteherin des 12. Bezirks.

Somit ist es kein Wunder, weshalb mehr Radler die Mariahilfer Straße als die Straßen in Meidling hinunterflitzen. Nichtsdestoweniger sieht Votava auch im 12. Bezirk einen deutlichen Anstieg der Radler.