Chronik/Welt

Dreamliner steht unter Hausarrest

Mit einer Notlandung in Japan hat eine aktuelle Pannenserie der Boeing 787 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Am Mittwoch muss ein „Dreamliner“ der All Nippon Airways (ANA) seinen Inlandsflug aufgrund einer Batterie-Fehlermeldung abbrechen und den Flughafen Takamatsu im Westen Japans ansteuern. Die 129 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder an Bord verlassen den Flieger unmittelbar nach der Landung über Notrutschen.

Der Vorfall ist nur der jüngste in einer Serie, die gerade einmal wenige Tage zuvor begann. Am Montag der Vorwoche bricht am Flughafen von Boston an Bord einer 787 ein Feuer in der Bordelektrik aus. Am Dienstag muss eine 787 den Start wegen eines Treibstofflecks abbrechen. Am Mittwoch wird ein Flug wegen Bremsproblemen gestrichen. Am Freitag bleibt ein weiterer Flieger wegen einer gesprungenen Cockpit-Scheibe am Boden. Die US-Luftfahrtbehörde FAA kündigt eine Untersuchung an. Am Sonntag verliert derselbe Flieger vom Dienstag erneut Treibstoff, diesmal in Tokio.

Imageschaden

Hersteller Boeing versucht daraufhin, die Wogen zu glätten und verweist auf den „robustesten Zertifizierungs-Prozess aller Zeiten“, den das Flugzeug durchlaufen hat. ANA und Japan Airlines (JAL) halten den Betrieb zunächst aufrecht. Zusammen betreiben sie 24 der 49 „Dreamliner“, die im Vorjahr ausgeliefert wurden, und zählen damit zu den größten Förderern des Typs. Nach der Notlandung herrscht aber auch bei den japanischen Fluglinien Vorsicht. Ihre Boeing 787 stehen bis auf weiteres unter Hausarrest.

Das Image der 787 ist angekratzt. Mit einigen Jahren Verspätung läuft der Verkauf des High-Tech-Fliegers gerade erst richtig an. Die lange Entwicklungsphase brachte ein Flugzeug hervor, dass zu einem großen Teil aus Kohlefaser besteht, ein neuartiges Flügel- und Triebwerksdesign aufweist, damit relativ leicht ist und 20 Prozent weniger Treibstoff als Maschinen ähnlicher Größe verbraucht. In seiner Jahresbilanz 2012 weist Boeing 799 Bestellungen auf.

Nun scheint die 787 deutliche Symptome von „Kinderkrankheiten“ zu zeigen, meinen Experten. Konkurrent Airbus erging es mit seinem Riesenflieger A380 kaum anders. Viele Monate nach der Markteinführung kam es zu Triebwerksproblemen und im Inneren der Tragflächen wurden Haarrisse entdeckt. Airbus musste alle ausgelieferten Modelle begutachten und seine Produktion umstellen. Manchmal sorgen auch technisch wesentlich banalere Mängel für große Probleme. Bei der Markteinführung des Airbus A340-200 führten etwa defekte WC-Sensoren zu Staus vor den Bordtoiletten.

Kein Grund zur Panik

„Kinderkrankheiten gibt es überall, wo es technischen Fortschritt gibt“, sagt Luftfahrt-Profi Manfred Kunschitz vom Österreichischen Aeroclub. Aber: „Wenn ein Flugzeug auf den Markt kommt, dann ist das mit einer behördlichen Zulassung verbunden und die Behörde lässt nichts zu, was nicht ausgiebig getestet worden ist. Das muss alles Hand und Fuß haben.“ Bedenken, in eine 787 einzusteigen, hätte er jedenfalls keine: „Ich sehe keinen Grund, in Panik zu verfallen. Das ist ja nicht das erste Flugzeug, das Boeing entwickelt.“

Was die Folgen der aktuellen Pannenserie betrifft, sieht Kunschitz schwere Zeiten für Boeing anbrechen: „Die Konkurrenten am Markt werden nicht damit sparen, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen.“ Die Aufgabe des Flugzeugkonstrukteurs sei nun, alles dafür zu tun, um Vorwürfe zu entkräften.