Chronik/Welt

Missbrauch in der DDR: Ausgeliefert und lange unsichtbar

Die vier Meter hohe Mauer ist weg, ebenso der Stracheldraht und das Gitter vor den Fenstern. Corinna Thalheim sitzt in ihrem Büro im ausgebauten Dachboden des ehemaligen geschlossenen Jugendwerkhofs in der sächsischen Kleinstadt Torgau, heute eine Gedenkstätte. Es ist ein Ort, der für sie einst zur „Hölle“ wurde. Dass sie heute wieder hier ist, ist auch ein Zeichen: Die 51-Jährige lehnt sich zurück in ihren Sessel, zündet sich eine Zigarette an, bläst den Rauch langsam aus: „Sie haben es nicht geschafft, uns ganz kaputtzumachen.“

Die Frau aus Sachsen wirkt resolut, redet viel, wie eine, die nichts so schnell umhauen kann. Früher war sie ein ruhiges Mädchen, erzählt sie. Aber das Erlebte verändert einen: Corinna Thalheim war eine von 4000 Jugendlichen, die in Torgau von 1968 bis 1989 organisierte Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebt haben.

Bekannt wurde das erst später. Auch weil Missbrauch in Familien sowie in Heimen in der DDR stärker und länger tabuisiert wurde als im Westen. Das fand eine Kommission heraus, die sich seit 2016 damit beschäftigt. „Das passte nicht in die heile, sozialistische Gesellschaft“, sagt Christine Bergmann, frühere Familienministerin und Mitglied der Kommission. Die Heimerziehung war ein geschlossenes System im geschlossenen System DDR, dort konnte Missbrauch ausgeübt, verdeckt und normalisiert werden, heißt es.

Der fortgeschrittene Sozialismus galt als deliktfreie Gesellschaft. Wer sich als junger Mensch nicht angepasst verhielt, sollte umerzogen werden. Dazu reichten schon schlechte Noten, auffälliges Verhalten oder kleinere, kriminelle Delikte.

Zwölf Tage Einzelarrest

Was Corinna Thalheim getan hatte? Sie traf sich als Jugendliche mit älteren Jungs, versäumte mal die Schule. Sie testete ihre Grenzen aus, „was man halt so macht in der Pubertät“, sagt sie rückblickend. Wegen „Schulbummelei“ kam sie 1984 in den Jugendwerkhof Wittenberg, den sie vorher für ein Schulinternat hielt. Drei Mal floh sie. Das Ministerium für Volksbildung wies sie nach Torgau ein. Ihre Mutter hatte nichts mitzureden.

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Wie eine Verbrecherin wurde die 17-Jährige durch ein Schleusentor in die Anstalt gebracht. Schmuck und Kleidung musste sie ablegen. Ihre Haare wurden kurz geschnitten, alle Körperöffnungen untersucht. Als Neuankömmling kam sie in den Einzelarrest: eine Holzpritsche ohne Decke, ein Hocker und ein Eimer für die Notdurft. Das Geräusch, wenn die Tür zuknallt, der Riegel einschnappt, verfolgt sie noch heute.

„In der Regel benötigen wir drei Tage, um die Jugendlichen auf unsere Forderungen einzustimmen“, schrieb der damalige Heimleiter in seiner Diplomarbeit. Corinna Thalheim saß zwölf Tage isoliert im Arrest. 

Völlige Stille findet sie heute besonders grausam. In ihrem Büro läuft im Hintergrund das Radio. Auch zu Hause ist es immer aufgedreht, sechs Stück hat sie. Die Umerziehung ist ihnen gelungen, sagt sie. „Zu feinfühligen und vertrauenslosen Wesen haben sie uns gemacht.“ Sie schüttelt den Kopf, lacht. Es klingt kehlig und wirkt ansteckend. Schwarzer Humor hilft ihr, zu überleben, sagt sie. Genauso wichtig ist ihr die Arbeit in der Gedenkstätte. Sie leitet eine Betroffeneninitiative, hört Menschen zu und hilft ihnen, wenn es um ihre Rehabilitation geht. Manchmal führt sie durch den Ausstellungsraum oder berichtet als Zeitzeugin von ihren Erlebnissen. Nur zu den Zellen im Keller geht sie nicht.

Dort befindet sich der „Fuchsbau“, ein fensterloser Raum, nur wenige Quadratmeter groß, aufrechtes Stehen war unmöglich. Mehrere Tage saß sie im Dunkeln, zum Sport wurde sie rausgebracht.

Lob und Strafe

Drill und Disziplin gehörten zum Erziehungsprogramm: Morgenappell um 5.30 Uhr, Frühsport und Arbeit. Die Jugendlichen bohrten oder montierten Elektronik für die sozialistischen Betriebe. Wer schnell war, wurde belohnt. Umgekehrt gab es Strafen für alle, wenn jemand die Arbeit schlecht erledigte. Besonders gefürchtet: Der „Torgauer Dreier“: Liegestütz, Hocke und Hockstrecksprung bis keiner mehr konnte. „Die Strafen hingen von der Laune der Erzieher ab.“

Die Rache der anderen folgte meist am Abend. Wenn die Schlafsaaltür von außen versperrt wurde, ging es los. „Da wurde immer eine rausgefangen.“ Unter den Mädchen gab es keine Freundschaft oder Solidarität, sondern viel Frust. Alles fand gemeinsam statt: Toilettengang und Waschen – im Beisein der Erzieher, die zugesehen und zugeschlagen haben. Meist in die Kniekehlen und Nieren, „damit es nicht so offensichtlich war“.

Sie schaut aus dem Fenster und zeigt auf den Turm von Schloss Hartfels: „Wenn wir Sport hatten, war er für Besucher gesperrt. Irgendwann nagelten sie Bretter davor.“ Niemand sollte etwas mitbekommen von den Demütigungen und dem Missbrauch, an dem sich auch der Heimleiter beteiligte. „Er war mein Täter“, sagt Corinna Thalheim.

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Es braucht keine Details, um sich vorzustellen, was sie durchmachen musste. Er wurde nie zur Rechenschaft gezogen, verstarb am Tag der Wende. Es kostete sie viel Kraft, ihren Kindern und ihrem Mann davon zu erzählen. Denn im Heim wurde man als Lügner bezeichnet. Diese Erzählung kursierte auch in der Bevölkerung. Tenor: Es hatte einen Grund, dass man hier drinnen war, berichtet Thalheim. Dieses Stigma verfolgt Betroffene und hindert sie daran, sich bei den Behörden zu melden. Zudem müssen sie den Missbrauch in den Akten nachweisen, doch die Erzieher haben nichts davon vermerkt.

Die Folgen: Es mangelt an Beratungseinrichtungen, Therapieangeboten und finanzieller Unterstützung. „Für die Heimkinder fühlt sich niemand zuständig. Sie werden nicht als Opfer des DDR-Regimes anerkannt“, kritisiert sie. Auch deswegen sitzt sie heute an ihrem Schreibtisch in Torgau. Ihr Schicksal ist zur Berufung geworden.