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Passivhäuser - Ästhetische Wärmespender

Böse Dinge werden Passivhäusern unterstellt: Sie sehen aus wie eine Kiste und haben kleine Fenster, die man nicht öffnen darf. Der Wohlfühlfaktor lässt zu wünschen übrig und die Baukosten sind viel höher als bei konventionellen Häusern.

Die Meinung der Skeptiker: Wer ein schönes Haus will, baut kein Passivhaus. Diese Sichtweise ist weit verbreitet, aber falsch. Zum einen darf man lüften, muss aber nicht. Zum anderen lassen neue Techniken und Materialien der Architektur freiere Hand. Das Buch "Die schönsten Passivhäuser", erschienen im Christian Brandstätter Verlag, stellt dies unter Beweis. IMMO hat drei Beispiele ausgewählt und mit den Architekten gesprochen.

Im Sinne der Umwelt

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Nicht ökologische Bauweisen sind heute schon veraltet – und erst recht in 50 Jahren. "Alle meine Kunden bauen energieeffizient. Hohe Qualität zählt mittlerweile zum Standard, gespart wird bei der Ausstattung. Man verzichtet eher auf den Pool statt auf eine gute Dämmung und hochwertige Fenster", so Architekt Andreas Lang. Wer im Sinne der Umwelt baut, sollte auch ökologische Materialien einsetzen. "Hier steckt das Thema noch in den Kinderschuhen. Man müsste sich ansehen, welche Produkte verbaut werden und wie viel Energie sie bei Herstellung, Transport und Abbau binden. Häufig wird Styropor verwendet. Es ist die günstigste Isolierung, verursacht aber viel. Wird das Haus nach 30 Jahren abgebrochen, endet es als Sondermüll", sagt Tom Lechner vom Büro LP architektur.

Ob Land oder Stadt, in Hanglage oder im Siedlungsgebiet: Ein Passivhaus eignet sich für jedes Grundstück – unabhängig davon, wie viel Sonne es bekommt. Beheizt wird es primär über das Bewohnen und die Wärmerückgewinnung. Also über die Energie, die von uns Menschen, der Beleuchtung und elektronischen Geräten abgegeben wird. "Das Passivhaus ist ein System das sich grundsätzlich selbst erhält. Es kommt nicht darauf an, ob die Sonne ein paar Tage mehr oder weniger scheint. Gerade im Winter droht Überhitzung, weil die Sonne tief steht und große Kraft hat. Ein Passivhaus funktioniert nur mit Sonnenschutz", so Tom Lechner.

Kostenfrage

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Die Kostenfrage ist – wie bei jedem Projekt – eine Frage der Ausführung. Brigitte Fink, Bauherrin und Architektin, bestätigt: "Verzichtet man auf Details, entstehen kaum Mehrkosten. Wer sich für ein schlichtes Haus entscheidet und das Geld in die Hülle steckt, kommt auf den gleichen Preis."

Tom Lechner sieht den Bau eines Passivhauses als Ausdruck einer Grundhaltung: "Man sollte nicht von vornherein den Rechenstift ansetzen und sich überlegen, ob sich die Kosten in zehn oder elf Jahren amortisiert haben." Wer diese Einstellung teilt, wird mit hoher Qualität belohnt: Das Haus heizt sich quasi von selbst, erzeugt ein gutes Raumklima, nutzt Solarenergie, ist hervorragend gedämmt und spart noch dazu Geld. Damit keine Luft unkontrolliert austreten kann, ist eine exakte Bauweise notwendig. Die verwendeten Materialien fordern Genauigkeit, sonst entstehen undichte Stellen. Und das spürt man wiederum im Geldbeutel: Dann heizt man auch massiv im Passivhaus.

Kriterien

Definiert wurde der Standard für Passivhäuser vor 20 Jahren in Deutschland von Professor Wolfgang Feist. Er bestimmte Kriterien, die erfüllt, und Grenzwerte, die eingehalten werden müssen. Etwa dass nur 15 kWh Energie pro Quadratmeter und Jahr verbraucht werden. Oder dass das Gebäude weniger als das 0,6-fache des Raumvolumens pro Stunde unkontrolliert an Luft abgeben darf. Hohe Auflagen, die jedoch für Wertbeständigkeit und die weitgehende Vermeidung von Bauschäden sorgen.

Kennzahlen sind nicht alles. Ein Bungalow in Wien verzichtet bewusst darauf. Davon profitiert die Architektur und der Bauherr: Sein Wunsch, ebenerdig zu wohnen, wurde erfüllt. Das Haus ist mit allen Komponenten eines Passivhauses ausgestattet. Fenster und Dichtungen, Lüftungsanlage und Wandaufbau entsprechen den Vorgaben. Nur beim Energieverbrauch, der bei 18 kWh liegt, kommt es nicht an den Grenzwert heran. "Es hätte keinen Sinn, diesen Bungalow im Passivhausstandard auszuführen. Die Dämmung müsste doppelt so dick sein, was die Wohnfläche reduziert hätte", sagt Andreas Lang. "Man muss sich entscheiden: Entweder 100 Prozent Passivhaus oder Vorrang für die Architektur. In diesem Fall geht die Baukunst vor."

Dem Auge schmeicheln

Das Kobe-Haus erfüllt beide Ansprüche. Es ist auf zwei Gebäude aufgeteilt: Eines zum Wohnen, das andere zum Arbeiten. Der formal reduzierte Entwurf spielt mit der urtypischen Form des Daches. "Die Idee zum zweiten Baukörper ist aus dem Wunsch entstanden, Schutz zu den Nachbarn und zur Straße zu haben", erklärt Tom Lechner. Wie das Kobe-Rind, das täglich massiert wird, hat auch die Fassade eine besondere Behandlung genossen. Das Lärchenholz wurde nach einem alten Rezept mit Essig, schwarzem Tee, Leinöl und Stahlwolle von den Bewohnern selbst gegerbt. Das Fichtenholz im Inneren wurde einer ähnlichen Prozedur unterzogen und mit einer Mischung aus Pigmenten, Bienenwachs und Orangenöl bearbeitet.

Die Beispiele zeigen, dass Passivhäuser nicht nur gut zur Umwelt sind. Sie können auch dem Auge schmeicheln. Am Ende ist wichtig, dass man sich zu Hause fühlt – und dass die Betriebskostenabrechnung am Jahresende stimmt.

Buchtipp

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Barbara Sternthal & Harald Eisenberger
Die schönsten Passivhäuser. Wie Sie behaglich wohnen und dabei auch noch Energie sparen
Christian Brandstätter Verlag, € 39,90

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