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Rückenschmerzen: Medizin behandelt nur Spitze des Eisbergs

Dr. med. Martin Weiß erklärt, was sich auf Seiten von Patienten, Gesundheitssystem und Ärzten ändern muss.

Praktisch ist das schon: Man geht mit akuten Rücken­ schmerzen zum Arzt, bekommt dort eine Spritze und sitzt kurz darauf wieder am Schreibtisch. Das kommt allen Betei­ligten entgegen: dem Patienten, weil er schnell wieder ein­satzfähig ist, und dem Arzt, weil er auf diese Weise wirt­schaftlich arbeiten kann. Trotzdem hat die Sache einen riesigen Haken. Das, was den Schmerz ausgelöst hat, be­steht nach wie vor. Meist stehen Rückenschmerzen in Ver­bindung mit blockierten Gelenken sowie zu schwachen Rückenstreckern. Keine gute Idee also, wenn man es sich wieder auf dem Bürostuhl bequem macht, kaum dass man aus der Arztpraxis zurück ist. Denn nach einer Weile - das können drei Wochen sein oder drei Monate - beginnt alles wieder von vorne: Die Schmerzen kommen zurück, man muss erneut zum Arzt.

Von einem Eisberg ragt etwa ein Zehntel über die Was­seroberfläche hinaus. Dieses Zehntel entspricht dem Schmerz, der sichtbar und spürbar ist.

Dr. med. Martin Weiß
Der Experte ist 66, Allgemeinmediziner und Arzt für Manuelle Medizin in Rosenheim. Seine Schwerpunkte sind medizinische Kräftigungstherapie und präventives Krafttraining.

"Den weitaus größeren Teil des Eisbergs sehen Sie nicht, der ist unter Wasser. Dieser Teil ent­spricht der zu schwachen Muskulatur", erklärt Dr. med. Mar­tin Weiß, Allgemeinmediziner und Arzt für Manuelle Medi­zin. Das Problem: "Wenn die Spitze des Eisbergs abgetragen ist, hört unsere Medizin üblicherweise auf." Die Folge ist absehbar: Der Eisberg produziert eine neue Spitze, zum Bei­spiel eine neue Blockade und damit neuen Schmerz.

Gemeinsam gegen den Eisberg

Diesen Kreislauf zu durchbrechen, darum geht es Weiß: "Ich muss in meiner Praxis meinen Patienten klarmachen, dass die eigentliche Arbeit erst beginnt, wenn der Schmerz weg ist. Denn dann müssen wir gemeinsam den Eisberg in Angriff nehmen." Und das ist zunächst einmal unbequem, weil es darum geht, den Lebensstil zu ändern und aktiv gegen die Ursachen vorzugehen, beispielsweise durch gezieltes Krafttraining und zusätzlich durch Alltagsaktivitäten wie Treppensteigen und Spazierengehen. "Wir sind nicht für eine sitzende Lebensweise gemacht", sagt der Experte.

Seine Erfahrung: Sich regelmäßig zu überwinden und zu mehr körperlicher Aktivität zu motivieren, das klappt bei den wenigsten. "Lediglich 15 Prozent der Menschen leben im Rahmen ihrer Möglichkeit artgerecht", sagt Weiß. An allen anderen prallen Appelle für einen aktiveren Lebensstil ab. Wie lässt sich das ändern? Und wie können Patienten, Ärzte und das Gesundheitssystem dazu beitragen?

Entscheidend ist der Patient. Für Weiß ist klar: "Der Erfolg hängt im hohen Maße von der Motivation und Eigenin­ve der Betroffenen ab. Wer nicht von Anfang an mit aller Kraft mitwirkt und die Aktivität mit zunehmendem Behand­lungsfortschritt in die eigenen Hände nimmt, kommt aus der üblichen Drehtürmedizin nicht raus und geht weiterhin beim Arzt ein und aus. Der Arzt weiß, dass er von seinen Patienten viel fordert. "Ich erwarte vom Hilfsarbeiter bis zur Uni-Professorin, dass sie meine Empfehlungen umsetzen und etwa Übungen im Krafttraining regelmäßig und mit ho­ her Präzision durchführen." Klappt das nicht, wird er auch mal ungemütlich.

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Patientengespräche brauchen Zeit

Aber auch die Ärzte und das Gesundheitssystem spielen eine wichtige Rolle. Um die Mehrheit der Bevölkerung zu errei­chen, braucht es mehr als einen Arzttermin, der nach ein paar Minuten beendet ist. Weiß hat Glück: Zu ihm kommen die, die wirklich etwas ändern wollen. Und trotzdem muss er Vorarbeit leisten: Zuhören, das Gehörte strukturieren, eine Vertrauensbasis schaffen. Vor allem der Erstkontakt braucht Zeit, eine Stunde ist für ihn normal. Er untersucht die Patien­ten sorgfältig und legt großen Wert darauf, das Diagnoseer­gebnis so verständlich und bildhaft wie möglich zu erklären. Sein Ziel: Die Patienten sollen verstehen, dass sie selbst etwas für ihre Gesundheit tun müssen.

Weiß ist klar, dass er sich diesen zeitlichen Einsatz nur erlau­ben kann, weil er eine Privatpraxis führt, die Patienten also entweder selbst zahlen, oder eine private Krankenkasse den höheren Aufwand finanziert. "Im Rahmen einer kassenärzt­lichen Praxis könnte ich diese Arbeit nicht oder nur sehr ein­ geschränkt leisten", sagt er.

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Pädagogische Schulungen? Leider Fehlanzeige!

Sinn voll wären aus seiner Sicht Angebote, die über den rei­nen Arztbesuch hinausgehen. Vielen Rückenpatienten wäre mit  mehrstündigen, pädagogischen Schulungegeholfen, wie es sie in Deutschland beispielsweise für Typ-1-Diabetiker gibt. Noch sind solche Angebote r Rückenpatienten aller­dings nicht in Sicht.

Was also tun? Weiß sieht den Hausarzt in der Pflicht, der als Gesundheitsmanager wissen müsste, welche Maßnah­men tatsächlich zielführend sind und wo sein Patient gut aufgehoben ist. Die Bedeutung der Muskulatur ist zentral - und den wenigsten Ärzten bewusst. Weiß fordert von senem Berufsstand einen Paradigmenwechsel: "Der Nutzen einer starken Muskulatur ist mittlerweile wissenschaftlich gut gesichert. Allerdings erfahren Patienten vom Mehrwert des Krafttrainings häufiger über die Medien oder Empfeh­lungen von Freunden als über den eigenen Arzt. Das muss sich ändern. Viele Beschwerden lassen sich mit Krafttrai­ning so gut behandeln, dass die Patienten hinterher be­schwerdefrei und gut belastbar sind." Hier kann der Arzt den entscheidenden Motivations-Kick geben, dauerhaft aktiv zu werden, Krafttraining und im Idealfall Sport zu treiben. Und zwar aus Überzeugung. Denn "gesund werden" lässt sich nicht delegieren.

Was hilft beim Bandscheibenvorfall? Alle Antworten finden Sie hier. 

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