Wirtschaft/Karriere

Job & Kind: Was die Vereinbarkeit für Mütter bedeutet

Julia ist froh, heute nicht mehr arbeiten zu müssen. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes wurde ihr Job als Projektmanagerin zunehmend eine Belastung. Nach Monaten des Hin und Her reichte sie die Kündigung ein. Ihr Mann konnte in der Zwischenzeit den Chefposten eines mittelgroßen Konzerns ergattern, ein Vollzeitpensum. „Den Stress, Kinder an der Arbeit vorbeizujonglieren, wollte ich mir einfach nicht mehr antun“, sagt sie heute. Über den damaligen Entschluss ist sie aber froh. Allerdings spricht sie nur in ihrem engsten Freundeskreis darüber. „Darf man heute überhaupt noch sagen, dass einem Kinder mehr am Herzen liegen als die Karriere, ohne gleich den Stempel einer Konservativen aufgedrückt zu bekommen?“

Mütter in der Teilzeitfalle

So  wie Julia geht geht es vielen berufstätigen Mütter. „Natürlich haben sich die Wertvorstellung in den vergangenen 30 Jahren enorm gewandelt. Familienarbeit tragen die meisten Eltern heutzutage längst gemeinsam“, sagt Sonja Dörfler-Bolt vom Österreichischen Institut für Familienforschung. „Aber -– und das ist der springende Punkt – die Aufteilung ist zumeist nicht gerecht.“ Frauen seien nach wie vor hauptverantwortlich für die Betreuung der eigenen Kinder. Und das führe dazu, dass vor allem das Arbeiten in Teilzeit mehr und mehr zum Status quo unter Müttern werde.

Das zeigen auch die Zahlen: Die Quote an teilzeitarbeitenden Frauen liegt in Österreich derzeit bei fast 50 Prozent. Das ist vor allem einem Anstieg in den vergangenen zwanzig Jahren zu verdanken. Eigentlich gute Nachrichten, meint Dörfler-Bolt, da damit die Frauenerwerbstätigkeit insgesamt zunehme. „Gleichzeitig bedeutet der steigende Anteil an erwerbstätigen Frauen in Teilzeit aber auch, dass Mütter mit Kleinkindern heute durchschnittlich sogar weniger Stunden arbeiten als frühere Generationen.“ Und das, obwohl das Hausfrauenmodell damals viel stärker ausgeprägt war.
Zum Vergleich: Die Teilzeitquote von Männern liegt nach aktuellen Erhebungen bei rund elf Prozent.  

Alle Inhalte anzeigen

Kaum Väter in Karenz

Ähnlich niedrig sind die Zahlen auch was die Väterkarenzquote betrifft, auch wenn die Datenlage hier nicht ganz so klar ist. Auf KURIER-Anfrage konnten  weder das Familienministerium noch das Arbeitsministerium Auskunft erteilen. Und von der Statistik Austria hieß es, dass sich die Anfrage mit ihren Daten ebenfalls nur unzureichend beantworten ließe. Die Schwierigkeit liege darin, dass viele Männer oftmals beispielsweise nur zwei Monate Kinderbetreuungsgeld beziehen würden, dann aber vielleicht länger unbezahlt in Karenz seien. Insgesamt waren von den Kindergeldbezieherinnen und -beziehern zuletzt nur knapp vier Prozent männlich. Diese extrem niedrige Zahl kommt jedoch auch daher, dass Männer meist viel kürzer Kinderbetreuungsgeld in Anspruch nehmen als Frauen – daher ist der Anteil in einem Bezugsmonat entsprechend niedrig. Gemäß einer Auswertung des Bundeskanzleramts im Februar 2018 liegt der Anteil der Väter in Karenz bei etwa 19 Prozent. Das ist zwar höher als vier Prozent – aber immer noch wenig. Zudem stagniere die Zahl seit etwa zehn Jahren und sei in kürzerer Vergangenheit sogar noch etwas gesunken, meint Dörfler-Bolt. 

Warum gehen Väter selten in Karenz?

Grundsätzlich haben Väter genau die gleichen Möglichkeiten und Modelle wie Mütter. Das Recht auf die Karenz, also die Freistellung von der Arbeit, haben beide gleichermaßen. Das Kinderbetreuungsgeld ist vorgesehen für jenen Elternteil, der das Kind hauptsächlich betreut und in dieser Zeit nicht berufstätig ist.
Die Gründe seien vielschichtig, wie verschiedene Experten bestätigen. Zum einen liege es oftmals am Geld. Und zwar nicht am Kinderbetreuungsgeld, sondern an dem, was Männer immer noch mehr verdienen als Frauen. Zudem sei die Angst um den Posten im Job unter Männern weiter verbreitet als unter Frauen. „In vielen Unternehmen, speziell in männerdominierten Branchen, sind Väter, die in Karenz gehen, nach wie vor nicht gerne gesehen“, sagt Döfler-Bolt. Natürlich hätten Frauen diese Schwierigkeiten genauso, doch die strukturellen Diskriminierungen seien gesellschaftlich großteils noch immer akzeptiert.

Gender Pay Gap ist Motherhood Pay Gap

Und das bekommen vor allem Mütter zu spüren – nicht nur beim Erwerbsausmaß und den beruflichen Aufstiegschancen, sondern auch beim Gehalt und später bei der Pensionshöhe. „Wir reden immer vom sogenannten Gender Pay Gap, dabei muss man ganz klar festhalten, dass dieser in Wirklichkeit ein Motherhood Pay Gap ist“, sagt Heike Lehner von der Agenda Austria. In einer Studie hat die Agenda Austria untersucht, wie groß die Auswirkungen des Mutterseins auf die finanzielle Situation der Frauen sind.

Und die Ergebnisse sprechen eine eindeutige Sprache. „Bei einem Vergleich der Durchschnittsmutter und ihrer kinderlosen Zwillingsschwester zeigt sich zehn Jahre nach der Karenz ein deutliches Lohngefälle. Die Mutter verdient nur rund 67 Prozent einer kinderlosen Durchschnittsfrau.“ Auch interessant: Es konnte in diesem Bezug ein deutliches Ost-West-Gefälle in Österreich festgestellt werden. Im Burgenland fallen die Lohnunterschiede zwischen einer Mutter und einer kinderlosen Frau durchschnittlich deutlich geringer aus als etwa in Vorarlberg. „Erklären lässt sich das einerseits mit den konservativeren Einstellungen im Westen, aber auch mit dem geringeren Kinderbetreuungsangebot.“

Altersarmut bei Frauen problematisch

Und langfristig hat das  auch Auswirkungen auf die Pensionshöhe, die in Österreich bei Frauen durchschnittlich um fast 40 Prozent niedriger ist als bei Männern. „Das Problem der Altersarmut ist bei Frauen nicht umsonst so ausgeprägt. Lange Kinderbetreuungs- und Teilzeitphasen machen den Unterschied“, sagt Lehner. 

Island und Schweden als Vorreiter

Was können Politik und Gesellschaft also tun, um nachhaltig etwas zu verändern? „Internationale Beispiele, wie es besser gehen kann, gibt es genug“,sagt Sonja Dörfler-Bolt. Island beispielsweise war das erste Land weltweit, das Unternehmen mit mehr als 25 Angestellten per Gesetz dazu verpflichtete, Männer und Frauen gleich zu entlohnen. Alleine dies habe in Sachen Väterkarenz schon einen Unterschied gemacht. Zudem sind in Island von der insgesamt zwölfmonatigen Karenzzeit fünf Monate für die Mutter und fünf Monate dezidiert für den Vater vorgesehen. Die weiteren zwei Monate können individuell aufgeteilt werden. Das Resultat ist, dass mehr als 90 Prozent der Väter ihren Anspruch auf Karenz nutzen.

Ein ähnliches Modell verfolgt Schweden. Auch dort  ist eine bestimmte Zeit von der gesamten Karenzzeit  ausdrücklich für den Vater (und derselbe Umfang für die Mutter) vorgesehen, der Rest ist in gleichen Teilen zwischen den Eltern aufgeteilt, aber übertragbar. „Will der Vater also etwas davon der Mutter übertragen, muss er dafür einen Antrag einreichen. Das heißt konkret, Väter müssen sich bewusst dafür entscheiden, Zeit mit ihrem Kind abzugeben. Und das macht im Endeffekt sehr viel aus.“

Alle Inhalte anzeigen

Mehr Kinderbetreuungsplätze notwendig

Infrastrukturtechnisch gibt es hierzulande ebenfalls noch einiges aufzuholen, vor allem im ländlichen Bereich. So verfügen beispielsweise nur 26 Prozent der oberösterreichischen Kindergärten über eine Ganztagsbetreuung, in Wien sind es hingegen bereits 97 Prozent. Das Wiener Modell sieht zudem vor, dass das Geld den Kindern folgt: Der Steuerzahler finanziert also auch die privaten Kindergartenplätze mit. „Auch in Kärnten gibt es dieses Modell schon. In den anderen Bundesländern könnte es ebenfalls dazu führen, dass die Kindergartenproblematik reduziert wird“, sagt Heike Lehner.  

Unternehmen sind gefordert

Und  auch die Unternehmen sind gefragt. „Leider, das wissen wir aus unseren Beratungen, wird seitens der Unternehmen großer Druck auf die Väter ausgeübt, möglichst rasch nach der Geburt des Kindes wieder in den Job zurückzukehren“, berichtet Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl. Es fehle die Aufgeschlossenheit in den Betrieben und traditionelle Rollenbilder würden gerade in der jetzigen Krise wieder stärker wirksam.  Sie fordert deshalb, dass auch Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber stärker in die Pflicht genommen werden. „Wir sprechen hier von einer familienfreundlichen Arbeitswelt. Berufsunterbrechungen und Wiedereinstieg dürfen nicht zum Nachteil werden – weder für die Mutter noch für den Vater.“ 
Die Unternehmen seien gefordert, familienfreundliche und planbare Arbeitszeiten anzubieten. Betriebe müssten Männer auch in ihrer Väterrolle wahrnehmen. Nur so könnte der Schritt in eine gleichberichtigtere Zukunft auch wirklich funktionieren.