Wirtschaft/Karriere

Der Brillenmacher aus Linz

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Arnold Schmied sitzt gemeinsam mit seinem Bruder Klaus an der Spitze des Familienunternehmens Silhouette.  Die randlose Brille mit flexiblen Bügeln, ohne Schrauben, hat Silhouette einst den Durchbruch verschafft. Sich nur auf dieses Modell zu konzentrieren, war aber ein Fehler, gesteht Arnold Schmied heute ein. In der Firmenzentrale in Linz erzählt er offen seine Sichtweise auf Fehlentscheidungen, Astronauten und die Firmennachfolge. KURIER: Was ist Ihre Meinung zu korrigierenden Augen-OPs?Arnold Schmied: Der Prozentsatz jener, bei denen es nicht hingehaut hat, ist verschwindend gering. Ich habe nur ein Problem: Ich möchte nie zu dem kleinen Anteil gehören. Nie. So bös ist Brillentragen auch wieder nicht. Ich habe Leute im Bekanntenkreis, die super Erfahrungen mit Augen-OPs gemacht haben – sie tragen aber  nach wie vor eine Brille: eine Sonnenbrille.Der Durchbruch von Silhouette war die randlose Brille. Als wir den Prototyp gemacht haben – das werde ich nie vergessen –, hat mein Vater gesagt: ,Und die machen wir nicht. Kommt nicht infrage. Die hat ja überhaupt nichts von den Brillen, die wir in den letzten 30 Jahren gemacht haben. Diese komisch flexiblen Bügel, keine Schrauben, kein Schanier und überhaupt.‘ Acht Millionen Stück später meinte er: „War doch nicht so schlecht“. Wie viel Wachstum brachte  das? Wir sind damals ziemlich viel gewachsen, sind dann relativ gleich geblieben. Es war nie unser Ziel, die größte Firma zu werden. Man kann bei unserem Produkt nicht in die Masse gehen. Unsere Brillen sind auch nicht für jeden erschwinglich, muss man ehrlich sagen. Sie wollen  nicht die Größten werden, aber wachsen werden Sie wollen?Natürlich. Niemand hat etwas dagegen, wenn wir die Größe unseres Unternehmens verdoppeln. Dann kommen wir  auf zwei Prozent des Weltmarktes. Das ist vertretbar, es wird bei uns aber nie Massenproduktion geben. Sogar NASA-Astronauten tragen Silhouette. Die dürfen schlecht sehen? Das habe ich mich auch gefragt. Aber die fliegenden Astronauten sind alle keine Topguns mehr. Sie sind  35, 40 Jahre alt – es nutzt nichts, das ist das Gesetz des Alters, auch bei  Shuttle-Piloten. Wie hat sich die Zusammenarbeit mit der NASA ergeben? Eine Brille ohne Schrauben war natürlich interessant.  Wenn sich ein Schräubchen löst, schwirrt das in der  Schwerelosigkeit  im Helm herum. An einem ganz blöden Tag bewegt sich das dann vielleicht in die Luftzufuhr. Oder wenn unterm Helm die Brille runterrutscht, kann der Astronaut nur schwer reingreifen, und sie wieder hochschieben. Und es gibt ja noch andere Berufsgruppen, Ärzte zum Beispiel.Wie viele randlose Brillen verkaufen Sie derzeit? 400.000 im Jahr. Wir haben in den vergangenen Monaten gute Ideen  entwickelt, wie wir das wieder steigern können. Was kommt? Kann ich Ihnen nicht verraten.  Wir werden uns wieder an den Endverbraucher richten, nicht nur an den Optiker. Wir wollen die randlose Brille wieder schmackhaft machen. Wir laufen damit völlig gegen den Trend, der heißt  derzeit Ray-Ban, Acetat, Dingsbums. Und jeder soll es ausprobieren: Nur wer anderes probiert hat, kann die Alternative bewerten. Aber: Wer Silhouette einmal trägt, kommt davon kaum wieder los.

Die großen  italienischen Brillenhersteller haben ihre Produktion nach China ausgelagert. Wie können Sie es sich leisten, in Österreich und zum Teil in Tschechien zu produzieren?Kennen Sie Asterix und das kleine Dorf in Gallien? So seh’ ich uns ein bisschen. Unsere  gute Bindung mit unseren Mitarbeitern ist viel wert. Jetzt auf einmal zu sagen, wir brauchen euch alle nicht mehr und wir machen nur noch Design, Vertrieb und Kostenverrechnung hier und den Rest in China – unvorstellbar. Wir haben uns hier im Laufe der Zeit mit der Mannschaft ein Know-how erarbeitet. Wenn die Schweizer in der Lage sind, ihre Uhren in der Schweiz zu fertigen, dann müssen wir in der Lage sein, in Österreich zu bleiben. Wie ging es Ihrem Unternehmen während der Krise? Es ist uns gut gegangen. Ich habe damals einen Fehler gemacht, den wir gerade wieder glattbügeln. Ich bin wirklich davon überzeugt, dass die randlose Brille die beste Lösung für den Endverbraucher ist. Dennoch ist es nicht zu übersehen, dass 95 Prozent andere Brillen tragen. Wir haben uns damals gewissermaßen selbst beschnitten, weil die Entscheidung damals, sich von anderen Segmenten zu trennen, zu schnell war. Überhaupt: sich zu trennen, das war nicht richtig. Wir haben dazugelernt und  werden in Zukunft Brillen um unsere randlose Ikone herumdesignen.

Wie gehen Sie mit Raubkopien um?Wir haben schon viele gute Dinge gemacht in dieser Firma, aber auch schon sehr viele Schnitzer. Einer der größten Fehler war, dass wir die Brille damals, wie Sie sie heute hier als Ganzes sehen, nicht patentieren ließen. Jeder der will kann sie nachmachen, aber es hat noch keiner geschafft, diese Vertriebs- und die Präsentationskraft entwickelt, um auf Dauer attraktiv zu sein.

Sie haben 13 Tochterunternehmen, aber keines in China. Wieso nicht? Uns zieht es dorthin, wo es eine Kaufschicht gibt, die sich uns leisten kann. In China gibt es die, aber sie ist sehr verstreut. Nummer zwei: Wir kennen die Gepflogenheiten dort nicht so wirklich. Wenn man die Gepflogenheiten nicht exzellent kennt, kann man so auf die Nase fallen, dass es wirklich weh tut. Das können wir uns nicht leisten. Daher muss man sich einen vernünftigen Weg überlegen, wie man in so einen High-Potential-Markt hineingeht. Wir haben in China einen Partner gefunden, die kennen den Markt wie ihre Westentasche. Ich wüsste nicht, ob wir es besser machen könnten.Silhouette hat sechs Miteigentümer, Ihre Eltern und Ihre drei Geschwister. Nur Sie und Ihr Bruder Klaus sind operativ tätig. Wie hat sich das ergeben?Mein Bruder ist ein exzellenter Arzt und Aufsichtsrat, meine Schwester ist unterrichtend tätig und sehr künstlerisch angehaucht. Es ist eine gute Mischkulanz. Sie wollten nie operativ tätig sein. Ich bin  hier hineingewachsen und ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen. Wo kann man mit Technologie arbeiten, sie mit Design in  Verbindung bringen, darüber nachdenken, wie man die Dinge in die Gesichter von Menschen bringt. Und das auf der ganzen Welt. Technologie, Design und Ästhetik. Es ist egal in welchem Bereich wir sind herausgefordert kreativ zu sein. Außer im Finanzbereich, da sind wir nicht kreativ, da sind wir konservativ. Gralshüter der Finanzen ist mein Bruder. Zum Glück, das wäre bei mir völlig falsch aufgehoben. Die Eltern haben immer gemeint, es ist das Beste von keiner Bank abhängig zu sein. Das ist auch unser Ziel geblieben. Man muss vielleicht manchmal kleinere Brötchen backen, aber das ist okay. Wir sind ein Familienunternehmen, wollen es bleiben und haben Zeit. Das passt schon.

Ihr Vater war noch mit 80 Jahren von Montag bis Donnerstag im Unternehmen. Wie war die Übergabe? Unser Vater hat es geschafft, sich die vergangenen Jahre völlig zurückzunehmen. Das muss man einmal können,  sitzen, gewähren lassen und sich nicht einmischen. Ich hoffe,  dass ich genauso großzügig sein kann.

Haben Sie die Nachfolge geregelt? Ich habe sieben, mein  Bruder  zwei Kinder. Jeder, der mitarbeiten will, muss ein Studium abschließen. Dann kann er  ein Jahr mitarbeiten, um das Haus kennenzulernen. Nach dem Jahr muss er in die Welt hinaus. Dann darf er wieder anklopfen.Horatio Caine trägt in  CSI und Keanu Reeves in Matrix eine Silhouette. Wie wichtig ist Product Placement?Wir sind eine kleine Firma und haben im Gegensatz zu den großen Firmen da draußen wenig Marketing-Geld, mit dem wir herumspielen können. Deswegen  finde ich es ganz toll, dass die vorher besprochenen Astronauten ihre Brillen selbst gekauft haben. Ich finde es auch toll, wenn der Herr Horacio sich seine Brillen mal für mal selber kauft. Kann ich mir nicht vorstellen. Doch, das ist so. Ich verstehe Product Placement, aber mir ist am liebsten, sie kaufen die Brille selbst.

Tragen  Sie jemals Brillen von der Konkurrenz?Nein.  Warum sollte ich. An manchen Tagen sause ich von einem Optiker zum  nächsten und probiere alles aus. Nur um zu spüren, ob es einen Unterschied gibt zwischen dem, was wir machen und dem was andere tun. Und?Der Unterschied ist eklatant. Seit 45 Jahren bemühen wir uns um drei Dinge: das tolle Aussehen,  ob sich dieses Ding   unheimlich gut anfühlt. Und drittens: die Qualität.  Eine Brille muss passen wie ein Handschuh.

Silhouette. Ein Familienmärchen

Mit fünf Mitarbeitern und einer Designerin begann 1964 die Geschichte des österreichischen Brillenherstellers Silhouette International Schmied AG.  Heute sind es rund 1600 Mitarbeiter weltweit. Der Exportanteil von Silhouette liegt bei rund 95 Prozent. Bis zu drei Millionen Brillen werden jedes Jahr  für die Eigenmarke produziert, man fertigt auch  für die Lizenzmarke adidas eyewear.