Sport

Bahn frei für die nächste Bolt-Show

Lamine Diack muss es wissen. Wer, wenn nicht der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, könnte besser darüber urteilen, was mit Usain Bolt, dem Star der Stars, los ist? Also sprach der 80-jährige Senegalese vor dem Auftakt zur Leichtathletik-WM in Moskau: „Usain Bolt ist sauber. Und die meisten Sprinter, die unter zehn Sekunden laufen, sind es ebenfalls.“

Man darf gespannt sein, was die Fahnder der Welt-Anti-Doping-Agentur und die Analyseteams in den Labors alles herausfinden, jedenfalls wurde vor dem Start der WM am kommenden Samstag die gesamte 44-köpfige jamaikanische Delegation um Usain Bolt ins stille Kämmerlein gebeten, um das Reinheitsgebot im internationalen Sport einmal mehr überprüfen zu lassen.

Aber Usain Bolt wäre nicht Usain Bolt, wenn er sich davon beeindrucken ließe. Im Gegenteil, der sechsfache Olympiasieger pflegt vor dem Saisonhöhepunkt die Selbstinszenierung: Im Moskauer Gorki-Park legte der 26-Jährige ein flottes Tänzchen auf der Bühne hin, bevor er am Mittwoch seine WM-Ziele deklarierte: „Ich will drei Mal Gold gewinnen.“

Am Samstag wird er erstmals über die Bahn im Luschniki-Stadion fliegen, die Vorläufe über 100 Meter stehen auf dem Programm. Doch er hat noch ein höheres Ziel: Er will seinen 200-Meter-Weltrekord von 19,19 Sekunden unterbieten, „auch um zu sehen, ob es möglich ist, unter 19 Sekunden zu laufen.“

Die Ausgesperrten

Während Bolt und Kollegen noch auf den Ausgang der letzten Labortests warten, gilt für Tyson Gay (USA) und Asafa Powell (Jam) längst nicht mehr die Unschuldsvermutung. Die beiden Super-Sprinter wurden bereits im Vorfeld der WM wegen verbotener Substanzen aus dem Verkehr gezogen, genauso wie die Jamaikanerinnen Veronica Campbell-Brown (100-Meter-Olympiasiegerin) und Sherone Simpson. Insgesamt muss die Lauf-Nation in Moskau nun schon auf vier Medaillenhoffnungen verzichten.

Das sorgt für Kritik im Karibikstaat, der erst 2008 eine eigene Anti-Doping-Agentur eingerichtet hat. „Die zuvor unfehlbare Natur unseres Athleten-Könnens wurde angegriffen“, wetterte Oppositionspolitiker Karl Samuda. Doch Regierungschefin Portia Simpson stellte sich vor das Team der JADCO, das Kontrollprogramm sei ja nicht neu, „und es ist klar, dass es effektiv ist.“ Es könnte sogar noch effektiver werden – Sportministerin Natalie Neita Headley regte an, ein international anerkanntes Anti-Doping-Labor einzurichten, dazu brauche man aber Hilfe anderer Länder.

Die Abwesenden

Die jüngsten Dopingsünder sind längst nicht die einzigen prominenten Abwesenden in Moskau. Kubas Hürden-Ass Dayron Robles ist aus disziplinären Gründen nicht dabei: Er war nach dem Rücktritt aus dem Nationalkader auf eigene Faust bei einem Wettkampf angetreten.

Und auch die Verletztenliste liest sich wie das Who is Who der internationalen Leichtathletik: 100-Meter-Titelverteidiger Yohan Blake (Jam), Siebenkampf-Olympiasiegerin Jessica Ennis-Hill (Gb), Mehrkampf-Weltmeisterin Tatjana Tschernowa (Rus) und die zweifache Hochsprung-Weltmeisterin Blanka Vlasic (Kro) müssen sich diesmal aufs Zuschauen beschränken, ebenso wie Österreichs Hürdensprinterin Beate Schrott.

In und für Rot-Weiß-Rot in Moskau am Start: 1500-Meter-Läufer Andreas Vojta und Diskuswerfer Gerhard Mayer. Zwei Mann, so wenige wie noch nie bei einer WM.

Auch ein Rekord.

„Die Leichtathletik ist nicht nur die Königsdisziplin der Olympischen Spiele, sie ist die Grunddisziplin aller Sportarten. Unbestritten allerdings ist, dass die Königin zur Zeit todkrank ist, zerfressen vom Doping-Krebs.“

Das Bild, das Armin Hary zeichnet, hat viel von dem, was dem Radsport der letzten 15 und mehr Jahre vorgeworfen wird. Oder dem Schwimmsport, wo nach dem Aus für die Ganzkörperanzüge schon wieder Weltrekord um Weltrekord gebrochen wird. Oder, oder, oder...

Armin Hary hat 1958 als erster Mensch die 100 Meter in 10,0 Sekunden absolviert; der Deutsche wurde zwei Jahre später solo und mit der Staffel Olympiasieger; und der 76-Jährige mahnt seit Langem vor den Folgen des Dopings. „Wenn wir nicht jetzt etwas unternehmen, etwas Grundsätzliches, verkommt diese historisch, ethisch, kämpferisch und ästhetisch wichtigste Sportart zum puren Zirkusrummel.“ Der türkische Verband hat gerade erst 31 seiner Sportler wegen Dopings gesperrt, ähnliche Dimensionen hat die Zahl der aktuell suspendierten russischen Sportler.

Vor dem großen Knall

Und in Armin Harys Heimat wird über den Bericht der Berliner Humboldt-Universität debattiert. Schon die 144-seitige Kurzfassung des 800-Seiten-Werks hat die westdeutsche Sportwelt aufgescheucht, die sich gemütlich im Glauben eingerichtet hatte, dass zwar in der DDR systematisch und mit Staatsgeld gedopt wurde, aber im Westen, bitte, nein, niemals.

Ein Irrglaube, wie sich nach und nach herausstellt. Die Berliner Historiker hatten mit vielen Hindernissen zu kämpfen: vernichtete Akten bei der Freiburger Sportmedizin (Stichwort Team Telekom und T-Mobile); das große Schweigen der Beteiligten; die Mauertaktik in Politik und Verbänden, die das brisante Konvolut lieber irgendwo wegsperren würden. Noch sind viele Namen in den vorhandenen Akten geschwärzt, begründet wird das mit datenschutzrechtlichen Bedenken. Doch es mehren sich die Stimmen, die dieses Vorgehen verwerflich finden. Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag: „Diese Argumentation hat man sich ja auch nicht bei der Aufarbeitung der Unterlagen der DDR-Stasi zu eigen gemacht.“

Erst seit 1983 gibt es Weltmeisterschaften in der Leichtathletik, ab Samstag werden in Moskau insgesamt 43 Einzel-Titel vergeben. Bei der 14. WM-Auflage gibt es für Gold 60.000 Dollar Preisgeld (45.000 Euro), für Silber 30.000, für Bronze 20.000 Dollar, für Platz acht immerhin noch 4000 Dollar.

Vier Mal werden Staffel-Medaillen verteilt, die Preisgelder für die Teams sind in Summe etwas höher (80.000, 60.000 und 40.000 Dollar). Für Weltrekorde werden weitere 100.000 Dollar ausgeschüttet. Die WM ist mit knapp 7,2 Millionen Dollar dotiert.