Sport/Fußball

Österreich - Brasilien: Tanze Samba mit mir

Save the last dance for me. Österreichs Nationalteam bittet zum Ausklang des erfolgreichen Jahres 2014 den fünffachen Weltmeister Brasilien zum Tanz in den Wiener Prater. 48.000 Fans dürfen dabei mitschunkeln und ein Fest feiern. Die rot-weißen-roten Kicker liegen in der EM-Qualifikation in der Gruppe an der Spitze und dadurch bei den Anhängern voll im Trend.

Was erwarten die Fans

In erster Linie Superstar Neymar, der sich das Spiel aber erst noch durch den Magen gehen lässt. Der Darm bereitete dem Barcelona-Star gestern noch Probleme. Auch wenn Brasilien andere Ausnahmekönner wie David Luiz, Oscar oder Willian aufzubieten hat, so dreht sich doch alles um Neymar. Zlatko Junuzovic pflichtet bei: "Er hat eben außergewöhnliche Fähigkeiten."

Die Fans erhoffen sich aber von der österreichischen Mannschaft ein gutes Spiel und mit viel Glück ein überraschendes Ergebnis. Würde man im zehnten Spiel in Folge ungeschlagen bleiben, dann wäre dies die Krönung eines tollen Jahres.

Was erwartet Teamchef Koller

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Seine Spieler sollen beim Aufeinandertreffen mit Brasilien einen Nutzen davon ziehen, etwas lernen. Sehen, wo man steht im sportlichen Vergleich mit den südamerikanischen Stars. Dass man bei manchen Wettanbietern bei einem Sieg Österreichs das Siebenfache des Einsatzes kassieren würde, hält Marcel Koller "ein bisserl übertrieben", was für das Selbstvertrauen des Teams spricht. Koller fordert von seinen Spielern, "dass sie nicht nur zuschauen und die individuelle Klasse des Gegners bewundern. Wir wollen dennoch unser Spiel machen, nach vorne kommen, Chancen suchen. Und wenn möglich gleich die erste verwerten, denn gegen eine solche Mannschaft wirst du nicht zu sechs, sieben Chancen kommen."

Die Aufstellung bespricht er in erster Linie mit der medizinischen Abteilung, zu viele Spieler sind nach dem Russland-Spiel noch angeschlagen. "Dienstagmittag werden wir entscheiden, wer spielen kann. Ich werde jedem dabei in die Augen schauen, denn es können nur Gesunde spielen." Die fehlende Frische wird wohl das größte Problem des ÖFB-Teams werden. Fraglich sind Dragovic, Hinteregger, Klein, Leitgeb und Junuzovic.

Was erwarten die Spieler

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"Vor dem Russland-Spiel bin ich gefragt worden, wie man sich auf einen Gegner ohne Superstar einstellt. Diesmal kommt ein Gegner mit elf Superstars", lacht Kapitän Christian Fuchs. "Ehrfurcht und Angst wären falsch, Respekt dürfen wir haben. Dieses Spiel ist ein Zuckerl für alle." Mit viel Freude möchte Zlatko Junuzovic das Spiel bestreiten, sofern es seine Wade zulässt. "Wir haben einiges den Brasilianern dagegenzuhalten. In Deutschland spielen wir Woche für Woche gegen Weltklasse-Spieler, das ist also nichts Neues für uns. Aber sehr wohl für das Team, das Land, die Fans."

Was darf Brasilien erwarten

Eine tolle Stimmung im Happel-Stadion, und mit Österreich einen Gegner, der sich wehren möchte. Der Spagat zwischen dem Genießen solch eines Spiels und der Ernsthaftigkeit im Auftritt ist keine leichte Sache, weiß Christian Fuchs: "Wir haben uns generell vorgenommen, in Freundschaftsspielen zuzulegen." Österreich wird kein Sparringpartner sein.

Das Nationalteam ist eine verschworene Einheit, nur bei der Auswahl der Musik in der Kabine gab es zuletzt Unstimmigkeiten. Marko Arnautovic wurde nach dem Russland-Match als DJ abgesetzt, weil seine gewählte Musik bei den Kollegen keinen Anklang fand. Ab sofort gibt Sebastian Prödl mittels Mobiltelefon und dazu gehöriger Docking-Station den Ton an. Heute würden sich Samba-Klänge anbieten.

Neymar, Brasiliens Messi(as)

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Es war eine dunkle Zeit, als man Menschen mit anderer Hautfarbe gern "Neger" rief, dafür aber auch – als Fußballstars – als "Murli" verzärtelte. Vor rund 50 Jahren kamen erstmals brasilianische Kicker nach Österreich. Wie Jacaré (Austria), Chico (LASK) oder Paulinho, der Dritte aus der "schwarzen Perlen-Reihe".

Antonio Paulo de Souza, so der korrekte Name des 1937 in Rio Geborenen, der bis zum 14. Lebensjahr nur barfuß gespielt hatte, erinnert sich an den Schock, als er den Boden auf Viennas Heimstätte "Hohe Warte" betrat: "Was war dieser kalte, weiße Teppich? Schnee! Gegen Rapid gelang mir das 1:0, und ich flehte den Trainer an, mich sofort auszutauschen. Ich war sicher, ich würde erfrieren."

Der pfeilschnelle, schussstarke Rechtsaußen erwärmte als Paulinho bald die Herzen der Fans und der Frauen (zwei Ehen, fünf Kinder). Die ersten deutschen Sätze, die er 1962 von Mitspielern lernte: "1. Bist du deppat? 2. Spü o, du Trottel! 3. Schweinsstelze. Damit bin ich gut durchgekommen. Am Feld und später beim Heurigen." Heute lebt er als Pensionist in Wien. Paulinho ist "glühender Österreicher, nur diesen Abend nicht".

Das Spiel gegen Brasilien sieht er mit Gattin Jeannine in der "Copa Kabane", seiner Badehütte an der Alten Donau. Tipp? "3:1 für Neymar. Ich fürchte, er ist zu schnell für euch. Mit den Beinen und mit dem Kopf. Wenn’s irgendein Mittel gibt, dann Brutalität. Nur: Wer will das?"

Die abendlich-neblige Stimmung auf den Trainingsplätzen nahe des Happel-Stadions ist nicht sonderlich einladend. Dennoch fanden sich dieser Tage dort etliche Fans ein, die Österreichs Teamspieler auf dem Weg zur Trainingseinheit mit Applaus begrüßten.

Als sich Tor-Vorbereiter Harnik und Tor-Schütze Okotie die Bilder vom Torjubel ansahen, konnten sie sich vor Lachen kaum halten, als die Kamera auf Marko Arnautovic schwenkte, der da ganz allein die Finger gegen den Himmel streckte. "Die Stimmung ist fast schon unverschämt gut", sagte dazu Harnik, der in Hamburg aufgewachsen ist. "Sogar ein halber Piefke wird voll akzeptiert." Österreichs Team hat seit Oktober 2013 nicht mehr verloren, ist auf Kurs Richtung EM.

Wer den Erfolg hat, hat recht. Bei der Heim-WM hatten sich die Brasilianer im Sommer abseits des Spielfelds gelegentlich in lockerem Outfit mit Flip-Flops und Baseballkappen gezeigt. Im Semifinale spielten sie dann, als hätten sie Flip-Flops an und verloren gegen Deutschland 1:7.

Sie hatten keinen Erfolg und somit auch nicht recht. Also bekamen sie von Teamchef Carlos Dunga, der nach der WM-Pleite gekommen ist, einen 16-Punkte-Verhaltenskodex verordnet: keine Ohrringe, Baseballkappen oder Flip-Flops. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten darf erst aufgestanden werden, wenn sich der Kapitän erhoben hat. "Das ist keine Disziplin-Fibel, das nennt man Organisation", erklärt Dunga.