Sport/Fußball

Stadion-Neubauten: Österreich ist ein Entwicklungsland

Die Diskussionen rund um den möglichen Neubau eines Nationalstadions in Wien statt des mittlerweile in die Jahre gekommenen Ernst-Happel-Stadions sind derzeit eingeschlafen. Noch im Herbst hatte sich Sportminister Heinz-Christian Strache mehrmals für dieses Projekt starkgemacht. Einen konkreten Plan gibt es bisher noch nicht, bisher wurden nur Absichtserklärungen abgegeben. Auch die Finanzierung wurde nur wage umschrieben.

 

Wie groß der Nachholbedarf Österreichs in Sachen Fußball-Arena ist, zeigt nun auch der erst kürzlich von der UEFA veröffentlichte „Club Licensing Benchmarking Report“, der so etwas wie das Jahreszeugnis für den europäischen Fußball ist.

Keine Rolle

In der zehnten Auflage des Jahresberichts widmet sich die Europäische Fußball-Union auch dem Thema Stadion-Projekte im vergangenen Jahrzehnt – dabei spielt Österreich nicht einmal unter ferner liefen eine Rolle.

Laut der UEFA wurden in 17 Mitgliedsverbänden im Zeitraum von 2009 bis 2018 insgesamt 74 große Fußballstadien mit einem Fassungsvermögen von mehr als 30.000 Zuschauern errichtet – also in Arenengröße. Davon wurden 50 komplett neu gebaut, 13 wurden zum Teil neu errichtet. Die restlichen elf wurden generalsaniert.

In Österreich wurde nach der EURO 2008 kein einziges Stadien in dieser Größe gebaut. Das Allianz Stadion von Rapid, das 2016 eröffnet wurde, fasst rund 28.600 Zuschauer (Sitz- und Stehplätze). Bei internationalen Spielen mit Sitzplatzpflicht können aber nur 24.000 dabei sein.

Zwei Länder haben überhaupt ihre gesamte Stadieninfrastruktur im vergangenen Jahrzehnt extrem modernisiert: In Polen wurden gleich 27 Stadionprojekte mit einem Fassungsvermögen von mehr als 5000 Zuschauern realisiert. Darunter sind fast die Hälfte Neubauten (13). Knapp dahinter folgt die Türkei (26 Stadionprojekte/24 Neubauten).

Unter den Top-10-Ländern sind auch noch Deutschland (16 Stadionprojekte/8 Neubauten), Russland (16/14), England (12/6), Frankreich (9/5), Ungarn (7/7), Ukraine (5/2) und Schweden (4/4).

In insgesamt 33 Ländern wurden neue Stadien errichtet. Der größte Projektmotor waren Großveranstaltungen wie die EM 2012 in Polen und der Ukraine, die EM 2016 in Frankreich sowie die WM 2018 in Russland. Aber auch die politische Situation: In Ländern mit autoritären Regierungen wurden in den vergangenen zehn Jahren besonders viele neue Fußballstadien gebaut.

 

Alle Inhalte anzeigen

Wien war jahrzehntelang ein oft gewählter Austragungsort für Europacup-Finalspiele. Zwischen 1986 und 1995 fand das Champions-League-Finale drei Mal im Happel-Stadion statt. In diesem Jahrtausend wurde hingegen kein einziges Endspiel eines europäischen Klubbewerbes in Österreich ausgetragen, dafür aber in Polen, Schweden, Irland und Rumänien.

Nun hat sich der ÖFB für die Austragung des Europa-League-Finales 2021 beworben, das heuer in Aserbaidschan stattfindet. Das Nationalstadion in Baku ist eines von 18 Stadien mit einem Fassungsvermögen von mehr als 50.000 Zuschauern, das seit 2009 in Europa errichtet worden ist.

700 Millionen Euro

Eröffnet wurde die Arena in der aserbaidschanischen Hauptstadt, in der auch vier Partien der EURO 2020 stattfinden, im März 2015. Die Kosten der Arena, die fast 70.000 Menschen Platz bietet, betrugen nach der vierjährigen Bauzeit rund 700 Millionen Euro.

Auch in Rumänien (Bukarest), Schweden (Stockholm) oder Polen (Warschau und Chorzow) wurden in den vergangenen zehn Jahren Mega-Arenen gebaut. In der ungarischen Hauptstadt Budapest soll das neue Ferenc-Puskas-Stadion (67.000 Sitzplätze) noch in diesem Jahr fertiggestellt werden.

Und in Österreich? Das Wiener Ernst-Happel-Stadion im Prater wurde vor 88 Jahren eröffnet.