Politik

Lendvai: "Kampf gegen Dummheit dauert ewig"

Er sagt gern über sich: „Ich gehöre zum Mobiliar der Österreicher.“ Der aus Ungarn stammende Journalist Paul Lendvai, 83, ist seit 1959 österreichischer Staatsbürger und will jetzt seine beiden Heimatländer literarisch verknüpfen: Mit seiner dritten Frau Zsóka, 57, einer Verlegerin und Lektorin aus Ungarn, gründete er in Wien den „Nischen Verlag“, der neue ungarische Literatur, aber auch ältere große Werke in deutscher Übersetzung präsentiert. Am Freitag wurde das erste Buch vorgestellt, „Das rote Fahrrad“, ein ungarisches Anne-Frank-Schicksal in Tagebuchform. Beim KURIER-Interview ist das Paar bestens gelaunt. Beide lachen viel und heftig. Harmonie pur nach acht Jahren Ehe? „Nein, wir streiten“, betont der Professor. „Wir sind wie eine italienische Familie, immer zu laut. Wir können beide explodieren“, ergänzt die Ehefrau. „Zwei Häferl“, bestätigt er. Und worüber streiten sie? „Über lächerliche Sachen. Ich will das ,Sommergespräch‘ mit Spindelegger sehen, sie eine Doku auf ARTE.“ Zsóka kontert: „Pauli, Politik muss ich nicht anschauen, du erklärst mir sowieso jeden Tag beim Frühstück die Welt.“ Nur wenn es um den Verlag geht, sind beide absolut einig. KURIER: Viele Buchverlage sperren zu, Sie machen einen auf. Ist das nicht gewagt?Paul Lendvai: Natürlich ist es ein Projekt, das Geld kostet. Aber wir müssen ja unsere Ersparnisse nicht in St. Tropez ausgeben. Wir können damit Honorare zahlen, für Autoren, Übersetzer, Grafiker ... Das bereitet uns eine unglaubliche Freude.Zsóka Lendvai: Es ist eine Herzensangelegenheit.Paul: Ich habe meine Frau, seit sie hier ist, noch nie so glücklich erlebt. Sie ist meinetwegen nach Wien gekommen und soll sich hier nicht als „Beiwagerl“ fühlen, sondern ihren Beruf im Verlagswesen fortsetzen. In Ungarn kannte sie Gott und die Welt.Zsóka: Das ist einfach so, wenn man lange lebt. Aber ich habe tatsächlich immer bei großen Verlagen gearbeitet.Paul: Für mich ist es eine unglaubliche Genugtuung, dass sie, die eine Intellektuelle ist, die mehr als 700 ungarische Gedichte auswendig kennt, die eine absolute Film­expertin ist, jetzt in Österreich ihren Weg findet.Zsóka: Danke, danke schön ...Paul: Das habe ich schön gesagt! Dabei haben wir vorher nicht probiert. Man ist ungeschützt, wenn Sie so dasitzen und nur zuhören. Sehr raffiniert ...

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Ihr erstes Buch, „Das rote Fahrrad“, ist das erschütternde Tagebuch eines 13-jährigen jüdischen Mädchens in Siebenbürgen, das 1944 seine Angst beschreibt, aber auch die Wut und Verzweiflung darüber, dass ihm unter dem Nazi-Regime alles genommen wird. Auch Sie waren 1944 ein jüdisches Kind, das in Budapest von den Nazis verfolgt wurde ... Paul: Und meine Mutter kommt aus Siebenbürgen, aus genau dieser Gegend. Alle meine Verwandten von dort wurden umgebracht, nur ich hab’ überlebt. Dadurch konnte ich beurteilen, dass dieses Tagebuch echt ist. Das ist keine Routinegeschichte, sondern eine zutiefst menschliche. Ich war es, der Zsóka davon überzeugt hat, dass wir das als erstes Buch nehmen. Zsóka: Man kann aus diesem Buch viel lernen. Auch junge Menschen können es leicht verstehen. Ich möchte es gern in der Schule sehen, bei den 13- und 14-jährigen. Lesen 13-Jährige heute überhaupt noch Bücher?Paul: Ich hoffe es. Das ist eine Frage der Erziehung. Früher hat man in der Schule über die jüngere Vergangenheit wenig bis gar nichts gelernt. Jetzt ist das anders. Die Lehrer sind dabei die Schlüsselfiguren, sie können Schülern die Tragödien der Vergangenheit anhand von Schicksalen besser näherbringen als mit Zahlen. Auch unser zweites Buch, „Der Verruf“, ist ein menschliches Schicksal. Darin geht es um einen Mann, der rund um den Ungarnaufstand 1956 unschuldig zum Verfolgten wird. – Auch hier wieder gewisse Parallelen zu Ihrem Schicksal. Sie wurden einst von den Kommunisten verfolgt. Heute wirft Ihnen die Regierung Orbán vor, Sie hätten den Kommunisten „gedient“. Gab es in Ihrem Leben je eine Zeit, von der Sie sagen: „Da ist es mir wirklich gut gegangen“?Paul: Meine schönste Zeit ist in Österreich.Zsóka: Die schönste Zeit ist jetzt ...Paul: Mit dir. Durch Zsóka bin ich sprachlich und seelisch nach 50 Jahren wieder ein bisschen nach Ungarn zurückgekehrt, sie ist Patriotin.Zsóka: Das höre ich tausend Mal. Ich bin schuld ...Paul: Die schönste Zeit ist auch dann, wenn ich etwas produziere. Der ungarische Spekulant und Autor André Kostolany hat einmal gesagt, er möchte auf den Barrikaden im Kampf gegen die Dummheit sterben. Dieser Kampf gegen die Dummheit ist eine permanente Aufgabe. Zsóka: Und er dauert ewig.Paul: Man muss versuchen, gegen Dummheit, Provinzialismus und Bosheit zu wirken. Unsere Bücher sollen dabei helfen. Ich rechne, dass wir damit auch den deutschen Markt erobern. Ich habe über Jahrzehnte gute Kontakte aufgebaut.

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Sie starten einen Werbefeldzug in Deutschland?Zsóka: Natürlich!Paul: Ohne Bezahlung.Zsóka: Du könntest ein kleines Honorar von der Verlegerin bekommen ...Paul: Aber in Euro, nicht in Forint, wenn ich bitten darf!

Apropos Euro. Sie haben Franks Stronachs Ruf nach der Rückkehr zum Schilling in einem Kommentar im „Standard“ heftig kritisiert ...Paul: Ich finde es schlimm, dass jemand, der international ein Vermögen mit harter Arbeit aufgebaut hat, im hohen Alter populistische und nationale Phrasen drischt. Das gefällt mir nicht. Schade um das viele Geld. Andererseits bewundere ich Stronach und was er erreicht hat. Sollte Stronach lieber die ÖBB kaufen? Politisch trauen Sie ihm ja nicht viel zu? Paul: Es wäre besser, wenn er, ähnlich wie Hannes Androsch, mit dem Geld eine Stiftung macht – für die Akademie der Wissenschaften, für ein Spital ... Da wäre das Geld viel besser angelegt. Sie sprechen vom „Kampf gegen die Dummheit“. Ist der schwieriger geworden? Früher konnten Hugo Portisch oder Sie ausführlich die außenpolitische Lage in den Nachrichten erklären. Jetzt wird alles knapp präsentiert.Paul: Alles ist viel schneller geworden. Deshalb sind Dokus so wichtig. Ich trage zu dem Kampf bei, indem ich seit vielen Jahren das „Oststudio“ – jetzt „Europastudio“ – im ORF mache. Am 26. September wird unsere Doku „Nationale Träume. Ungarns Abschied von Europa?“ gesendet. Ich hoffe, danach werden einige 100.000 Menschen mehr verstehen, was in diesem Land vorgeht. Abschied von Europa mit Fragezeichen. Dieser Tage hieß es, dass auch Slowenien wackelt. Wohin geht Europa?Paul: Für mich ist das alles eine Lehre. Eine Lehre, dass man vorsichtig und bescheiden sein muss in seinen Einschätzungen. Ich habe verfolgt, wie Jugoslawien zerfiel und es war eine der größten Enttäuschungen meines Lebens. Aber die Slowenen waren verlässlich. Und jetzt das! Der US-Politologe Karl Deutsch hat einmal gesagt: „Macht ist das Privileg, nicht lernen zu müssen.“ Genau das sehen wir jetzt in all diesen Ländern, nicht nur Ungarn und Slowenien, auch in Tschechien und der Slowakei. Für mich war Österreich immer ein Sicherheitsanker.

Sie haben zu Beginn St. Tropez erwähnt. Sie könnten längst in Pension sein und dort Golf spielen ... Paul: Na nie! Ich gehe nie in Pension, und ich spiele kein Golf. Ich habe viel zu viel zu tun. Ich gebe eine Zeitschrift heraus, ich schreibe Bücher und Kolumnen, halte Vorträge und jetzt bin ich auch noch Aushilfskellner im Verlag meiner Frau.Zsóka: Konsulent!

Wie halten Sie sich fit? Sie hätten ja gar keine Zeit für Besuche im Fitnesscenter ...Zsóka: Hahaha! No Sports! No Sports!Paul: Ich bin einfach interessiert am Leben.

Zu den Personen: Zwischen Wien und Budapest

Zsóka Lendvai Die heute 57-Jährige studierte Kulturwissenschaften und Literatur in Budapest, arbeitete in verschiedenen Positionen bei großen ungarischen Verlagen und hat zwei erwachsene Kinder. 2001 lernte sie Paul Lendvai als Lektorin der ungarischen Ausgabe seiner Memoiren kennen, 2004 heirateten sie. "Es war Liebe auf den zweiten Blick", sagt sie. "Auf den eineinhalbten", sagt er.

Paul Lendvai Geboren 1929 in Budapest, wurde 1944 von den Nazis verfolgt und überlebte nur knapp, weil der Vater einen Schweizer Schutzpass ergatterte. Ob der echt war, hat er nie erfahren. Studierte Jus und wurde Journalist. 1953 von den Kommunisten verhaftet und mit Berufsverbot belegt. 1956 Flucht durch Kellergewölbe, als die Sowjetpanzer kamen. 1957 setzte er sich nach Österreich ab . Er war Korrespondent der Financial Times , Leiter der ORF -Osteuroparedaktion und hat 15 Bücher geschrieben, zuletzt den Bestseller "Mein verspieltes Land" (Ecowin), eine Abrechnung mit dem postkommunistischen Ungarn, das ihm eine Verleumdungskampagne durch Orbán-treue ungarische Medien einbrachte. Vierteljährlich erscheint seine Zeitschrift "Europäische Rundschau". Am 26. 9. sendet der ORF seine Doku "Nationale Träume. Ungarns Abschied von Europa?".

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