Politik

Fall Kührer: Tätersuche als Fall für die Wissenschaft

Wer kann anhand eines Stückes einer verrotteten Decke, das fünf Jahre neben der verbrannten Leiche der Julia Kührer lag, einen möglichen Mord rekonstruieren? Wo sind die Genies aus den beliebten CSI-Fernsehserien (Crime Scene Investigation)?

CSI ist selbst in den USA eine Fiktion. Selbst dort fingen Kriminaltechniker in der Realität keine Mörder. Es gibt auch kein so genanntes "CSI-Amt". Die heimische Justiz setzt vielmehr auf die Vernetzung von klassischer Kriminaltechnik, Gerichtsmedizin (siehe Hintergrund) und privaten Fachleuten (siehe Porträt).

Tatortgruppen

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Die ersten am Tatort sind die Tatortgruppen der Landeskriminalämter. In Wien ist das Chefinspektor Friedrich Unger mit seinem 22 Beamte umfassenden Team. Natürlich sei die Absicherung die erste Tätigkeit, erzählt Unger. Dann aber ist Inspiration gefragt. Unger: "Es beginnt mit einem Rundgang, man setzt sich hin und lässt die Szene auf sich einwirken." Man hinterfragt alle Möglichkeiten. Da kommt man schon bald drauf, dass etwa der Tote in der Wohnung nicht zufälliges Opfer eines Einbrechers wurde, sondern dass es sich um einen gezielten Mordanschlag handelte. Oder dass ein Toter in der Silvesternacht trotz fehlenden Projektils nicht einem Unfall mit Raketen zum Oper gefallen war, sondern erschossen wurde.

Tatortermittler sehen viele Leichen. Doch abstumpfen darf man nicht, meint Unger. "Wenn man sich daran gewöhnt, hat man bereits einen seelischen Schaden erlitten." Man muss emotional bei der Sache bleiben. Das sei nämlich die Motivation für den belastenden Job. Unger: "Auch wenn es pathetisch klingt, aber wir sind das letzte Sprachrohr der Toten."
Sichergestellte Gegenstände werden in die Labors des Bundeskriminalamtes in Wien geschickt. Dort gibt es Spezialisten zur Identifizierung von Personen. Andere beschäftigen sich mit Waffen, Dokumenten, Handschriften. Dabei greifen sie auf alle Erkenntnisse der Physik, Chemie, Biologie und Technik zurück.

Kriminaltechniker

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Einer von ihnen ist Chefchemiker Wolfgang Greibl von der Abteilung 2/6 Forensik. Er hat 50 ausgebildete Chemiker und moderne Analysegeräte. Greibl: "Wir sind ausgestattet für alles, was die analytische Chemie hergibt." Und das braucht er auch - angesichts der Bandbreite. Die reicht von unbekannten Pulvern, Lacken, Giften bis hin zu gefälschten Goldbarren und verfärbten Geldscheinen nach Banküberfällen. Ein Dauerbrenner sind die berüchtigten "k.o.-Tropfen". Bei dem Giftattentat auf den Spitzer Bürgermeister Hannes Hirtzberger mutierte Greibl auch zum Kosmetikexperten. Denn auf der Glückwunschkarte an das Opfer wurden Reste von Lippenstift und Parfüm gefunden.

Die Modernisierung und Weiterentwicklung der österreichischen Kriminaltechnik ergibt sich aus der Praxis. Es gibt regelmäßige Treffen der Kriminaltechniker. Unger:"Wenn wir irgendein neues Gerät oder eine Ausrüstung brauchen, fordern wir das vom Innenministerium an, und bekommen es in der Regel auch."

Und das soll auch so bleiben. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner zum KURIER: "Wenn beispielsweise ein Haar ausreicht, um ein Verbrechen zu klären, dann sehe ich es als meine Aufgabe, dass die Mittel zur Verfügung gestellt werden, um die Haare zu finden und sie zu analysieren."

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