Politik/Ausland

Papstbesuch im Prunkpalast des Paschas

Was hat ein Jacuzzi mit dem Papst-Besuch in der Türkei zu tun? Eine Menge, wenn man Tezcan Karakus Candan fragt. Die Vorsitzende der Architektenkammer in Ankara legte vor der Ankunft des für seine Bescheidenheit bekannten Pontifex in der Türkei an diesem Freitag neue Details des sündhaft teuren Präsidentenpalastes von Tayyip Erdogan vor. Das Staatsoberhaupt leistet sich nach den Worten von Candan nicht nur einen Amtssitz für eine halbe Milliarde Euro, er baut sich auch noch eine Residenz mit Schwimmbad, Jacuzzi und Dampfbad dazu. Kostenpunkt: 3000 Euro pro Quadratmeter.

IS-Terror als Thema

Papst Franziskus ist der erste Staatsgast, der in Erdogans kürzlich fertiggestelltem "Weißen Palast" empfangen wird und dort mit dem türkischen Präsidenten Gespräche führt. Der Papst, der in Rom in einem wenig luxuriösen Wohnheim lebt, kann mit Prunk nichts anfangen. Dennoch wies der Vatikan die Forderung von Candan und anderen Regierungskritikern in der Türkei nach einem "Palast"-Boykott zurück. Alles andere wäre ein Affront gewesen.

In Ankara will Franziskus einen "ernsthaften Dialog zwischen den Religionen" ermöglichen, was ihm angesichts der Bedrohung durch den "Islamischen Staat" (IS) an den Südgrenzen der Türkei wichtiger erscheint denn je. Der Dialog ist dem Papst tatsächlich wichtig, selbst Gespräche mit dem extremistischen IS schloss er nicht ganz aus. "Ich mache nie irgendeine Tür zu", auch wenn Gespräche mit den Dschihadisten sehr unwahrscheinlich seien, sagte der Pontifex. Der IS hatte vor einigen Monaten erklärt, er wolle seinen Vormarsch so lange fortsetzen, bis er auch Rom eingenommen habe.

Erdogan kündigte an, er wolle mit dem Papst vor allem über die Islam-Feindlichkeit im Westen sprechen. Der Papst könne ein Zeichen gegen die Islamophobie setzen. Anders als sein Vorgänger Benedikt XVI., der die Türken im Jahr 2006 mit Äußerungen über einen angeblichen Gewalt-Trend im Islam verärgerte, muss Franziskus bei seinen Gastgebern nicht erst einmal Energie darauf verwenden, bestehendes Misstrauen abzubauen. Der neue Papst hat auch in der Türkei einen guten Ruf.

Nicht zuletzt wegen der Drohungen des IS bieten die türkischen Sicherheitsbehörden dennoch rund 10.000 Polizisten in Ankara und Istanbul auf, um den Papst zu schützen. Wasserwerfer, Personenkontrollen, Helikopter und Störsender zur Unterdrückung etwaiger Funkbefehle zur Zündung einer Bombe in der Nähe des Gastes gehören dazu. Zudem lehnte die türkische Polizei die Bitte des Pontifex ab, mit einem ungepanzerten Auto durch Istanbul fahren zu dürfen, sie bestand auf einer gepanzerten Limousine.

Paläste für die Politik:

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Besuch der Hagia Sophia

Am Bosporus besucht der Papst die ehemalige byzantinische Reichskirche Hagia Sophia und die Blaue Moschee – Gelegenheiten, die Botschaft der Versöhnung zwischen Christentum und Islam zu unterstreichen. Mit dem orthodoxen Patriarchen Bartholomaios I., Oberhaupt von 300 Millionen orthodoxen Christen weltweit, spricht Franziskus über die Bemühungen, die tausend Jahre alte Kirchenspaltung zu überwinden.

Leicht wird die Reise nicht. Mit neuer Kritik am Westen demonstrierte Erdogan gestern, einen Tag vor der Papst-Ankunft, dass ein Drahtseilakt auf Franziskus wartet. In einer Rede vor Vertretern der Islam-Weltorganisation kritisierte Erdogan: "Jene, die von außen in islamische Regionen kommen, mögen Öl, Gold und Edelsteine, sie mögen billige Arbeitskräfte, und sie mögen Streit. Aber uns mögen sie nicht."

Von den 75 Millionen Türken gibt es Schätzungen zufolge zwischen 120.000 und 150.000 Christen. Das entspricht etwas mehr als 0,2 Prozent der Bevölkerung. Dabei machten am Ende des Osmanischen Reiches zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Christen im türkischen Kernland 30 Prozent aus.

Die Gründe des Schwunds: Der Genozid an den christlichen Armeniern; der griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch nach dem Vertrag von Lausanne, mit dem 1923 die heutige türkische Republik gegründet wurde; und in der Folge über Jahrzehnte eine Politik, die die Christen benachteiligte.

Die wirkt bis heute nach. Es gibt neben den Juden nur zwei definierte nicht-islamische Gemeinden: die Armenier und die Griechisch-Orthodoxen. Deren Rechtsstatus ist aber auch beschränkt. Sie können kein Eigentum erwerben, zuvor enteignete Besitztümer wurden nur teilweise zurückgegeben. Am meisten schmerzt aber die griechisch-orthodoxe Kirche, deren Oberhaupt, Patriarch Bartolomaios I., an der Spitze von 300 Millionen Orthodoxen weltweit steht, dass das Priesterseminar auf der Insel Halki vor Istanbul nach 43 Jahren immer noch geschlossen ist.

Der türkische Präsident Erdogan verknüpft eine Wiedereröffnung zur Schaffung eines eigenen Priesternachwuchses mit dem Bau einer Moschee in Athen. Ein solches Junktim lehnte Bartolomaios I. kürzlich in einem KURIER-Interview strikt ab.

Die stärkste christliche Gruppe in der Türkei sind Armenier mit 70.000 Gläubigen. Laut Vatikan gibt es 53.000 Katholiken. Dazu kommen 13.000 Syrisch-Orthodoxe.