Politik/Ausland

Kuba gibt Gas

Obama!" Breit grinsend klopft Reiseführer Tomas dem leicht irritierten jungen Amerikaner auf die Schultern. Der hat außer seiner Staatsbürgerschaft so gut wie gar nichts mit dem amerikanischen Präsidenten gemein. Doch Tomas ist das egal: Der kubanische Reiseleiter hat heute einen der seltenen amerikanischen Touristen in seiner Gruppe – und Amerikaner, das macht Tomas allen Mitreisenden in entwaffnender Begeisterung klar, Amerikaner sind seine Freunde.

Und einer davon ganz besonders: US-Präsident Barack Obama, der nach einem halben Jahrhundert amerikanisch-kubanischer Eiszeit die Wiederannäherung zwischen Havanna und Washington in die Gänge brachte. Morgen, Montag, werden die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten wieder offiziell aufgenommen. US-Außenminister John Kerry wird dabei sein, wenn in der wiedereröffneten US-Botschaft, direkt an Havannas Uferpromenade Malecon, zum ersten Mal wieder die amerikanische Flagge gehisst wird.

Und sogar Obama, so wird in Kubas Hauptstadt allenthalben gemunkelt, sogar Obama könnte der Insel "vielleicht noch heuer" einen Besuch abstatten. Louis Rodriguez ist es egal, ob sich der Herr des Weißen Hauses auf der karibischen Zuckerinsel zeigen wird oder nicht. Der Taxifahrer aus Havanna weiß nur eines: "Jetzt wird alles besser, also vielleicht nicht sofort, aber so in vier, fünf Jahren wird es mit Kuba richtig aufwärtsgehen."

Ende des Embargos

So wie er knüpfen in Kuba viele der elf Millionen Einwohner große Erwartungen an das Ende der alten Feindschaft zur USA: Das 1962 von Washington gegen Kuba verhängte Wirtschaftsembargo soll fallen, so hofft man, Milliarden Dollar würden ins Land strömen. Investitionen sollen die zerfallende Infrastruktur aufbauen, die löchrigen Straßen reparieren, die bittere Armut lindern. Und – auch wenn man darüber nicht mit Fremden spricht – die Meinungsfreiheit ins Land holen.

Chauffeur Louis deutet auf seine demonstrativ verschlossen gehaltenen Lippen: Sich öffentlich über Politik auszulassen, die elende wirtschaftliche Lage zu beklagen oder das Regime der Castro-Brüder zu kritisieren – all das wird im kommunistischen Inselstaat elegant vermieden. Nur so viel ist ihm zu entlocken: "Für mich ist die Revolution schon lang vorbei."In den vergangenen Jahren sind auf Kuba schon viele kommunistische Dogmen über Bord gegangen. Raul Castro, der die Macht von seinem fünf Jahre älteren Bruder Fidel 2008 übernommen hat, feuerte Hunderttausende Staatsangestellte und ließ sie ihre eigenen, kleinen Geschäfte aufmachen. Seither vermieten Familien Gästezimmer. Private Restaurants bieten eine kulinarische Alternative zu den lieblosen Menüs der staatlichen Gaststätten. Sogar in Wohnzimmern wird Touristen serviert.

In winzigen Verschlägen, in verfallenen Hauseingängen, überall entstehen kleine Geschäfte, Werkstätten, Teestuben, Bäckereien. Marktwirtschaft in Trippelschritten.

Zahnbürste gesucht

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Doch wer eine Zahnbürste sucht, wird Tage brauchen. Kaffeehäusern geht schon mal der Kaffee aus, und Kreditkarten sind auf Kuba nur wertloses Plastik. Mangelwirtschaft prägt die Insel heute noch immer ebenso wie seine alten amerikanischen Straßenkreuzer. Ernesto, der eigentlich Flugzeugtechnik studiert hat, aber lieber im Tourismus arbeitet, fährt als Taxi einen 40 Jahre alten Dodge. Liebevoll hat er jede einzelne Schraube blank geputzt. Die Beifahrerseite lässt sich nicht mehr öffnen, und von der Rückbank aus meint man , die Straße von unten durchschimmern zu sehen. Aber auf seine neuen Reifen und die blitzenden Felgen ist er richtig stolz. Seit vier Jahren dürfen nach Kuba Ersatzteile importiert werden. Und seither, freut er sich, "seither fährt mein Auto wieder richtig gut".Wen Ernesto durch Havannas verfallen-schöne Altstadt kutschiert, vorbei an zusammenbrechenden kolonialen Hausfassaden und an unzähligen Bars, aus denen mitreißende Salsaklänge strömen, für den steht bald fest: Die vielen zu erwartenden Dollar im sich öffnenden Kuba werden das Land bald für immer verändern. Die Gegenwart wird einziehen auf einer Insel – weitgehend noch ohne Internet und Smartphones. Mit ausländischen Geldgebern, die Kuba wieder zu einer Art amerikanischer Vergnügungsinsel ummodeln könnten.

Mit diesen Befürchtungen kann Elsa gar nichts anfangen. Die Rezeptionistin ist fest davon überzeugt, "dass die Regierung gut auf uns aufpassen wird. Sie wird dafür sorgen, dass dieser Übergang langsam und umsichtig passieren wird."

Die Zeitungsverkäuferin draußen auf der kochend heißen Straße wiederum hat sich mit allem abgefunden. "Wir sind arm, aber was soll man machen? Was bleibt uns Kubanern übrig, außer glücklich zu sein?" Für umgerechnet ein paar Cent drückt sie einem die Parteizeitung Granma in die Hand. Jubelmeldungen sind darin zu lesen: Wie Kuba im Tourismus bald die jetzige Nummer eins in der Karibik, die Dominikanische Republik, einholen wird. Wie Kuba das wirtschaftliche Plansoll im letzten Quartal überschritten hat. Schüchtern fragt die alte Frau in ihren löchrigen Hosen: "Sie haben nicht vielleicht ein altes T-Shirt, das Sie mir schenken könnten?"

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