Politik/Ausland

Diktator gegen den Rest der Welt

Kim Jong Un sollte es besser wissen: Vergangenen April ließ der kaum an die Macht gekommene junge Diktator Nordkoreas eine Langstreckenrakete testen – mit fatalen Folgen. Der mit großen Pomp und Trara angekündigte Test scheiterte kläglich, das Geschoß zerbrach nach 90 Sekunden und stürzte ab. Dafür erntete der Herr über den Hungerstaat Nordkorea weitere weltweite Sanktionen und Strafen, schon versprochene Nahrungsmittelhilfe wurde wieder storniert.

Und doch wagt der 28-jährige Diktator in dritter Generation einen neuen Versuch: Zwischen 10. und 22. Dezember will das kommunistische Regime neuerlich eine Unha-3-Langstreckenrakete abfeuern. Mit offenbar klarem Kalkül: Gelingt Nordkorea nach bisher vier fehlgeschlagenen Raketentests dieses Mal ein Versuch, wäre dies Kim Jong Uns Krönung seines ersten Jahres im Amt.

Gedenken

Einen „feierlichen Anlass“ hat man in Pjöngjang dafür offenbar auch: Vor genau einem Jahr erlag Diktatoren-Vater Kim Jong Il einem Herzinfarkt. Statt mit Gedenkfeiern dürfte Sohn Kim Jong Un also das Andenken an seinen Vater mit einem Raketentest ehren.

Doch auch wenn der Test erneut fehlschlägt, habe Nordkorea nicht viel zu verlieren, meint Baek Seung-joo, ein Verteidigungsexperte im südkoreanischen Seoul. International isoliert sei Nordkorea ohnehin schon, kaum ein Land der Welt wird mit mehr UNO-Sanktionen belegt als der letzte streng kommunistische Staat der Welt. Im Gegenteil, so der Experte, hoffe der Diktator wohl in alter Familientradition mit Provokationen die internationale Staatengemeinschaft und vor allem die USA wieder an den Verhandlungstisch zu zwingen. Ein riskanter Poker, der in den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder funktioniert hat: Atommaterial und Provokationen, das sind Nordkoreas beste Druckmittel gegen die Welt.

Basketball und Cola

Vor knapp einem Jahr hat der bullige junge Nordkoreaner Kim Jong Un die Macht im Land geerbt. Seinem deklarierten Ziel, „die Lebensumstände der Menschen zu verbessern“, ist er allerdings noch nicht näher gekommen. Er selbst kennt die Welt draußen, verbrachte mehrere Jahre in einem Schweizer Nobelinternat, soll damals Basketball und Coca-Cola geliebt haben.

Doch die 22 Millionen Bewohner seines Landes, von denen mindestens ein Drittel von Lebensmittelhilfe abhängig ist, sehen nur einen kleinen Stilwechsel: Kim Jong Un lässt die Hauptstadt Pjöngjang aufpeppen. Mehr private Autos dürfen durch die breiten Boulevards fahren, zuweilen kommt es sogar zu Staus. Der Diktator schenkte den Hauptstädtern großzügig einen Vergnügungspark und äußerte großes Missfallen, als dieser den „Ansprüchen des Volkes“ nicht genügte. Vergnügen aber darf sich freilich hier nur, wer zu Nordkoreas Elite gehört.Doch selbst sie darf zwar Ringelspiel fahren, aber kein Wort der Kritik äußern. Als verbotene Systemkritik gilt dabei bereits, wer sich laut darüber ärgert, dass seine Kinder nicht den Beruf ergreifen dürfen, den sie gerne hätten.

Aufsehen erregte der schwerfällige Kim Jong Un mit seiner jungen Frau. Die Präsentation einer First Lady – das galt trotz allen Führerkults im streng geheimniskrämerischen Nordkorea als echte Sensation. Seit Sommer ist die aparte ehemalige Sängerin und Tänzerin Ri Sol Ju immer wieder an der Seite ihres Diktatorengatten zu sehen – ihr smarter Look machte offenbar sofort Schule: Bisher absolut unüblich, seien in letzter Zeit auf Pjöngjangs Straßen Frauen mit Kurzhaarfrisuren zu sehen, berichtete Nordkorea-Experte Rüdiger Frank (Universität Wien) nach seinem jüngsten Pjöngjang-Besuch. „Die Frau des neuen Führers wurde zu einer Fashion-Ikone.“

Heimat des Einhorns Nordkoreas Propagandaabteilung ist recht „finderisch“. Jüngster Coup: Das Einhorn sei in Nordkorea ansässig gewesen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur. Der Beweis: Ein Einhorn, das einst von König Tongmyong geritten worden war, hatte laut KCNA sein Lager in Nordkorea. Dies sei „kürzlich bestätigt worden“. Tongmyong gründete das Königreich, das Teile Chinas und der Halbinsel Korea vom dritten bis siebten Jahrhundert erfasste.