Politik/Ausland

China "erobert" Russlands Osten

Was russische Grenzschützer durch ihre Ferngläser am Ussuri-Fluss im Fernen Osten beobachten, ist so spannend wie ein Krimi: Vom chinesischen Ufer legt ein Boot mit einem halben Dutzend Männer ab und steuert eine Sandbank in der Flussmitte an. Sie bildet die Grenze zu Russland. Die Männer haben Schaufeln mitgebracht und schütten Dämme auf, an denen sich fruchtbarer Schlamm ablagert. Innerhalb weniger Wochen wird aus der Sandbank eine Insel, schon im nächsten Jahr werden die Neulandgewinner dort pflanzen und ernten.

"Richtige" – natürliche – Inseln im Grenzgebiet seien inzwischen ganzjährig bewohnt, heißt es beim russischen Grenzschutz. Sogar im Winter, der hier mit bis zu 40 Grad minus zuschlägt, würden Bauern auf dem urbar gemachten Flächen auszuharren. Ackerland ist knapp im hoffnungslos übervölkerten Nordosten Chinas: Schnell könnten sich andere das mühsam dem Fluss abgerungene Land unter den Nagel reißen.

Moskau sieht dem Treiben an den Grenzflüssen Ussuri und Amur mehr oder minder tatenlos zu. Mehr noch: Eigentlich sollten russische und chinesische Bauern im Grenzgebiet gemeinsam Heu mähen dürfen. Doch das noch von Michail Gorbatschow in der Götterdämmerung der Perestroika auf den Weg gebrachte Projekt scheiterte in der Praxis am Widerstand russischer Grenzer, die niemanden passieren ließen.

Großzügig

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"Russland ist der weltweit größte Flächenstaat", sagt eine freie Journalistin. Ein paar Quadratkilometer Sumpf oder Sand mehr oder weniger seien daher kein Anlass, sich mit dem strategischen Partner China anzulegen. Großzügig winkte Moskau daher auch bei Verhandlungen über den rechtlich verbindlichen Verlauf der 4300 Kilometer langen Grenze alle Gebietsforderungen Pekings durch und drückte bei juristischen Taschenspielertricks die Augen zu.

Das postkommunistische Russland habe China in 25 Jahren mehr Land überlassen oder dauerhaft verpachtet als das Zarenreich und die Sowjetunion in 150 Jahren, empörte sich bereits im Vorjahr die kritische Nowaja Gaseta. Auch die zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken Kirgisistan und Tadschikistan, vor allem aber Kasachstan, das eine knapp 1500 Kilometer lange Grenze zu China hat, hätten Peking Tausende Quadratkilometer ihrer Hoheitsgebiete überlassen.

Anlass der Rüge war eine Meldung, wonach Russland China gerade erst fünf Quadratkilometer Land nahe der Grenzstadt Ussurijsk für den Bau eines Hafens überlassen hatte. Kremlchef Wladimir Putin habe mit dem Geschenk das "außergewöhnlich hohe Niveau der freundschaftlichen Beziehungen" zum Ausdruck bringen wollen, lobte die linientreue Provinzpresse in Russisch-Fernost.

Alarmglocken läuten

Andere sind alarmiert. Die russische Großstadt Chabarowsk liege nach der Grenzkorrektur für die chinesische Artillerie wie auf dem Handteller, erregte sich die KP-Fraktion im Parlament der Nachbar-Region Wladiwostok. Auch Russlands größter Pazifikhafen selbst und die Insel Sachalin könnten bald wieder chinesisch werden, sorgen sich nicht nur Verschwörungstheoretiker. Das gilt auch für die Amur-Region und die Teilrepublik Burjatien östlich des Baikal-Sees. Es sind jene Gebiete, die das durch den Opiumkrieg geschwächte China zwischen 1858 und 1915 an das Zarenreich abtreten musste – rund eineinhalb Million Quadratkilometer, von denen Moskau später einen kleinen Teil zurückgab. Chinesische Karten und Schulbücher führen sie weiter mit ihren alten Namen und als "zeitweilig besetzt".

Die Ängste vor einer schleichenden Invasion, bei der Tausende Arbeitsimmigranten aus Nordostchina langsam aber stetig in die dünn besiedelten Regionen im Osten Russlands vorstoßen, sind durchaus begründet. Längst gehören chinesische Märkte, China-Restaurants und von Chinesen betriebene Spielhöllen nicht nur zum Stadtbild von Wladiwostok oder Chabarowsk. Man trifft sie auch in sibirischen Großstädten und in den alten Industriegebieten im Ural. Und erste Russen wandern ab.

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Zwar hatte Putin, um eine Massenflucht russischer Bürger aus Fernost zu verhindern, schon in seiner zweiten Amtszeit ein milliardenschweres Entwicklungsprogramm für die strukturschwache Region auf den Weg gebracht. Finanziert werden sollte es aus den Reservefonds, die in den fetten Jahren aus den üppig sprudelnden Erlösen von Energieexporten angelegt wurden. Derzeit ist davon nicht viel übrig.

Extrem knapp bei Kasse sind auch die meisten Regionen an der Grenze zu China. In ihrer Not verpachten die Gouverneure Tausende Quadratkilometer an Investoren und Landwirte aus dem Reich der Mitte. Die Transbaikal-Region erhebt oft nur einen symbolischen Jahreszins. Pro Hektar 250 Rubel, das sind 3,8 Euro. Interesse hat auch die Mongolei bekundet.

Chinesisches Recht

Im Jüdischen Autonomen Gebiet wurden sogar 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Kleinstparzellen zerlegt, auf denen Chinesen vor allem Soja anbauen, das den Boden auslaugt. Und in der waldreichen Amur-Region werden inzwischen 80 Prozent des Holzes auf Pachtland geschlagen und illegal nach China exportiert. In Ballungsräumen wie Wladiwostok bauen chinesische Investoren auf Pachtland ganze Fabriklandschaften mit Wohnsiedlungen für chinesische Arbeiter. Auf dem Gelände gelten chinesisches Recht und die chinesische Straßenverkehrsordnung, in den Werkhallen wird nach chinesischen Standards produziert. Dabei gehört das Pachtland häufig zum Trinkwasser-Einzugsgebiet russischer Siedlungen.

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So viel strategische Abhängigkeit, warnen Experten, sei selbst bei strategischer Partnerschaft hochriskant. Höheren Ortes sieht man das offenbar anders. Noch in der alten, bis 2009 gültigen Sicherheitsdoktrin wurde Chinas langer Marsch nach Russland als Bedrohung gelistet. In der neuen wurde der Passus ersatzlos gestrichen.