Politik/Ausland

Arabische Revolten sind erst der Anfang

Die Stimmung zwischen Washington und Teheran bleibt wegen des mutmaßlichen Mordkomplotts gegen den saudischen Botschafter in den USA weiter höchst angespannt: Der Iran bestreitet alle Vorwürfe, den Diplomaten gewaltsam aus dem Weg räumen zu wollen. US-Präsident Obama droht dem Mullah-Regime erneut "härteste Sanktionen" an. Für den deutschen Islamexperten Udo Steinbach, der auf Einladung des Wiener Instituts für internationalen Dialog und Zusammenarbeit derzeit in Wien ist, müssten aber vor allem erst einmal die Fakten auf den Tisch.

Jedenfalls sei das Komplott so dilettantisch angelegt gewesen, dass man sich fragen müsse, ob die Aufdeckung von vorneherein beabsichtigt war. "Wer hat etwas davon? Der amerikanische Präsident, dem im Nahen Osten alle Felle davongeschwommen sind und der im Wahlkampf steht? Nützt es ihm, wenn er eine Konfrontation mit dem Iran aufmacht und die Bevölkerung hinter sich vereinen kann? Nützt es Israel, das verstärkt unter Druck ist? Wäre die Verlagerung der politischen Front weg von Palästina zur iranischen nuklearen Bedrohung nützlich?" Wer sich eine rasche Entspannung im arabischen Raum erwartet, irrt.

Die Revolten werden nicht so schnell zu demokratischen Systemen führen. "Der Ausdruck Arabischer Frühling war von Anfang an zu niedlich", so Steinbach zum KURIER. "Was hier ab Dezember 2010 geschehen ist, ist ein Aufbruch - ein Prozess, der zehn bis 15 Jahre dauern wird.

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Tunesien könnte sich mit seiner stark nach Europa orientierten Elite am ehesten demokratisch entwickeln. Schon in Ägypten sieht es anders aus. Die Armee ist offenbar nicht dazu bereit, die Macht abzugeben. "Und wir wissen, dass die in der Gesellschaft am stärksten verwurzelte Kraft die Muslimbruderschaft ist." In Libyen gebe es gar keine Strukturen -, weil alle von Gaddafi zerschlagen wurden. Im Übergangsrat werfen säkulare Kräfte zudem bereits das Handtuch, weil es darin Persönlichkeiten gibt, die zur El Kaida zählen. In Syrien ist das Regime laut Steinbach nach 43 Jahren Herrschaft derart verfestigt, dass die Ablösung besonders schmerzhaft ist. Die alewitische Minderheit hat dort alles zu verlieren.

Und Europa? "Wir sind von wirtschaftlichen Fragen derart absorbiert, dass wir kaum wahrnehmen, welche Bedeutung dieser Umbruch hat. Es fehlt die Erkenntnis, dass wir eine umfassende Neuordnung unserer Beziehungen zu unserem muslimischen, arabischen, türkischen, iranischen Umfeld suchen müssen. "

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