Meinung/Kommentare/Salomonisch

Empörungsrituale statt Zukunftsvorsorge

Die Sozialausgaben steigen stärker als das Bruttoinlandsprodukt.

Dr. Martina Salomon
über den Industriestandort Österreich

Und täglich grüßt das Murmeltier. Ein paar der (wirtschaftlichen?) Presse-Aussendungen eines ganz normalen Freitags: Es fehlt nicht die Agitation gegen das Freihandelsabkommen TTIP und die "Konzernmacht"; die "GewerkschafterInnen gegen Atomenergie und Krieg" rüsten sich schon für den 1. Mai; zwei Minister laden zum Fototermin für die Gentechnik-frei-Kennzeichnung. Man könnte meinen, das wären die brennendsten Themen des Landes.

Was uns wirklich bewegen sollte: Wenn in naher Zukunft die E-Mobilität das herkömmliche Auto verdrängen sollte, dann ist das ökologisch vielleicht ein Riesen-Fortschritt, wirtschaftlich aber wahrscheinlich ein Desaster für Österreich. Die Autozulieferbranche ist eines der Kerngeschäfte der heimischen Industrie, mindestens 180.000 Jobs hängen im Land daran. Österreich erfüllt höchste Qualitätsansprüche. Im oberösterreichischen Steyr steht das weltgrößte BMW-Motorenwerk, das mehr als eine Million Hightech-Triebwerke pro Jahr erzeugt. (Unter deutschen Herstellern waren übrigens die getesteten Fahrzeuge von BMW am saubersten – Rückruf nicht nötig.)

Weil E-Motoren deutlich simpler sind, wird man sie wohl eher in China herstellen. Was aber produzieren wir dann stattdessen? Sind wir auf diesen Wandel vorbereitet? Ja, wird der Infrastrukturminister sagen, der zukunftsträchtige Forschungsprojekte, etwa bei Industrie 4.0 unterstützt. Die Förderung passt, der Übergang ins echte Wirtschaftsleben aber gar nicht.

Hierzulande fehlt es nicht nur an positiver Stimmung für Unternehmen, sondern auch an Risikokapital. Daher ist die Chance, dass ein heimisches Biotechnologie-Start-up irgendwann an der heimischen Börse landet, recht überschaubar. Während außerdem alle davon reden, dass künftig mehr hoch qualifizierte Jobs zu besetzen sind, nimmt die Zahl jener beängstigend zu, die nicht einmal lesen und schreiben können – und da reden wir keinesfalls nur von Neo-Zuwanderern. Logische Folge: Die Sozialausgaben steigen stärker als das Bruttoinlandsprodukt.

Es war mit Alfred Gusenbauer ausgerechnet ein roter Kanzler, der einst von "solidarischer Hochleistungsgesellschaft" sprach. Im Grunde brauchen wir genau das. Plus eine Strategie, was den Industriestandort künftig ausmachen wird. Und weniger der üblichen Debatten, wo es nur darum geht, sich moralisch über andere zu erheben und über diesen Umweg etwas für die eigene Klientel herauszuschlagen.