Kultur

„Viele Fotos konnte ich nie veröffentlichen – es wäre zu gefährlich“

In einem gleichen sich wohl Künstler aus aller Welt: „Man muss sich jahrelang zuerst der Familie gegenüber beweisen und dann gegenüber der Gesellschaft, dass man es mit der Kunst im Leben nicht nur ernst meint – es ist das ganze Leben“, sagt Maryam Firuzi.

Doch die iranische Fotografin und Regisseurin lebt in Teheran und muss ihre Worte weise wählen. „Da muss man sich überlegen, wie man sich ausdrücken kann, ohne sich damit in Gefahr zu bringen. Ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen, in einer Gesellschaft wie im Iran eine Künstlerin zu werden, ist ein guter Weg, um herauszufinden, wie viel Kraft und Ausdauer man hat.“ Ihre Bilder sind gemeinsam mit jenen anderer Fotografinnen und Fotografen aus dem Iran, Afghanistan und Pakistan Mittelpunkt des diesjährigen Fotofestivals La Gacilly-Baden, das vom renommierten Fotojournalisten Lois Lammerhuber vom französischen La Gacilly nach Baden geholt wurde.

Alle Inhalte anzeigen

Schmerz im Herzen

Davon braucht auch die afghanische Fotografin Fatimah Hossaini viel, sie lebt im Exil in Paris. „Ich musste innerhalb eines Tages entscheiden, mein Land zu verlassen. Obwohl ich die guten Dinge im Exil schätze, trage ich immer diesen großen Schmerz im Herzen.“ Als Hossaini im Jahr 2021 aus Afghanistan floh, musste sie viele Teile ihrer Arbeit zurücklassen. „Das Kabul, das ich fotografiert habe, die Frauen – das alles gibt es nicht mehr.“

Doch einfach war ihre Arbeit auch während der friedlichen Zeiten nicht: Es war sehr schwierig, Frauen zu finden, die sich fotografieren ließen. Hossainis Bilder zeigen sie stark, provokant, selbstbewusst – und ohne Verschleierung.

Gleichzeitig waren auf den Straßen ständig Sicherheitskontrollen, bewaffnete Menschen. „Es war so viel Hass in den Menschen, alles hätte passieren können. Man konnte erschossen werden und niemand wird dafür zur Rechenschaft gezogen.“

Alle Inhalte anzeigen

Leben und Tod

Dazu kam die Verantwortung für die abgebildeten Frauen: „Ich konnte die Fotos erst nutzen, wenn sie im Ausland in Sicherheit waren. Viele Fotos konnte ich nie veröffentlichen – es wäre zu gefährlich.“ Selbst während des Fotofestivals La Gacilly-Baden musste Fatimah Hossaini ein Foto zurückziehen, weil die abgebildete Frau bedroht worden war. „Da geht es oft um Leben und Tod.“

Dennoch sieht sie es als künstlerische Verantwortung „meine einzige Waffe, die Kamera“ zu nutzen. „Ich wollte nicht die dunkle Seite der Burka zeigen, sondern das Licht auf die farbenfrohe, bunte Seite Afghanistans rücken. Meine Mutter und meine Schwester erzählten mir immer von den Herausforderungen, mit denen afghanische Frauen konfrontiert waren – ich wollte diese Hoffnung und Schönheit, diesen Widerstand der Frauen zeigen. Wie kann man das ausblenden und nur die dunkle Seite sehen, die Männer den Frauen aufzwingen?“

Beide Künstlerinnen sehen die Frauen ihrer Heimat aber nicht in der Opferrolle. Firuzi betont vielmehr die Herausforderungen, mit denen Frauen weltweit zu tun haben: „In allen Weltreligionen werden Frauen strenger behandelt als Männer. In einer patriarchalen und religiösen Gesellschaft wie im Iran ist die Situation für Frauen noch schwieriger.“ Dabei verweist sie etwa auch auf den Kampf von US-amerikanischen Frauen für das Recht auf Abtreibung.

Alle Inhalte anzeigen

Festival La Gacilly-Baden Photo  

Beim größten Outdoor-Fotofestival Europas sind auf sieben Kilometern Länge rund 1.500 Fotografien zu sehen. Bis 15. Oktober, der Eintritt ist frei. www.festival-lagacilly-baden.photo

Orient!

Ob man vom Mittleren Osten spricht, von Ländern an der Seidenstraße oder vom Orient – jede dieser Bezeichnungen ruft andere Bilder in uns hervor, die mit Assoziationen verknüpft sind. Geprägt sind diese Bilder  von Erzählungen aus 1001 Nacht, von Berichten Reisender – und  zuletzt vor allem von politischen Entwicklungen, Krieg und Krisen.

„In westlichen Medien wird immer die dunkle Seite dieser Länder gezeigt“, kritisiert die afghanische Künstlerin Fatimah Hossaini. „Wenn Sie über orientalische Frauen sprechen, denken Ihre Leser sofort an eine verhüllte Frau – meist wunderschön –, deren Mann mehrere Frauen haben kann. Sie soll Kinder gebären, sie großziehen und hinter den Mauern ihres Hauses leben“, sagt die iranische Künstlerin Maryam Firuzi. „Eine Frau aus dem Mittleren Osten, die gebildet, erfolgreich und unabhängig ist, wird gerne als Seltenheit präsentiert. Dabei gibt es im Iran deutlich mehr gebildete Frauen als Männer.“

Die Künstler zeigen neue, ungewohnte, aufrüttelnde Facetten dieser Länder, die auf die jahrtausendealte Zivilisation des persischen Kulturraums zurückblicken. Die heute unter einem muslimischen Diktat existieren. Und dennoch schaffen die Fotografinnen es, innovative Wege zu finden, sich auszudrücken und gesellschaftliche Spiegel zu kreieren, die hinter die Realität blicken lassen.  

Preis der Freiheit

„In aller Welt haben Frauen einen hohen Preis für Freiheit gezahlt. In manchen Ländern, wie etwa in einigen europäischen, konnten Frauen manche dieser Probleme lösen. Und iranische Frauen versuchen es noch immer und kämpfen für diese Themen.“

In diesem Kampf will Hossaini im Exil eine Inspiration für diese Frauen sein und ihnen eine Stimme geben. „Es ist nicht einfach, weiterzumachen. Aber ich träume davon, eines Tages zurückzukehren, in Afghanistan zu arbeiten und andere Mädchen zu unterrichten.“

Firuzi bleibt nur die Hoffnung: „Ich war nie eine Optimistin, aber Hoffnung ist der einzige Weg in einer Welt zu überleben, in der Ungerechtigkeit das wichtigste Merkmal ist.“